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Mit "Korallengärtnerei" den Riffen weltweit eine Zukunft geben

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Mit "Korallengärtnerei" den Riffen weltweit eine Zukunft geben
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Von Denis Loctier  & Sabine Sans

Korallenriffe bedecken nur einen winzigen Teil des Meeresbodens - aber sie beherbergen ein Viertel aller Meeresarten und tragen zur Ernährung von Hunderten Millionen Menschen in den Küstenregionen der Welt bei. Heute sind viele dieser Riffe am Absterben: In den vergangenen zehn Jahren gingen 14 Prozent der weltweiten Korallenriffe verloren. Was tötet die Korallen? Wie können Riffe erhalten und wiederhergestellt werden - bevor es zu spät ist? Darum geht es in dieser Ocean-Folge.

Bonaire in der Karibik: auch das Korallenparadies kämpft um die Zukunft

Die niederländische Karibikinsel Bonaire ist berühmt für ihre bunten und artenreichen Korallenriffe. Korallen sind ein wahrer Schatz des Ozeans. Sie bedecken nur einen winzigen Teil des Meeresbodens - aber sie sind die Kinderstube für ein Viertel aller bekannten Meeresarten.

Korallenriffe bieten Hunderttausenden Menschen Einkommen und Nahrung, binden Kohlendioxid und schützen tropische Küsten vor Schäden durch Sturmwellen. Sie sind wichtig für den Planeten.

Bonaire hat 1979 seine gesamten Küstengewässer zum Meeresnationalpark erklärt. Alle maritimen Aktivitäten sind streng geregelt. Ranger patrouillieren in dem Gebiet und sorgen für die Einhaltung der Regeln.

"Alles von der Wasseroberfläche bis zu einer Tiefe von 60 Metern gehört zum Meeresnationalpark von Bonaire", erklärt Roxanne-Liana Francisca, Wildhüterin und Meeresbiologin von STINAPA Bonaire. "Wir haben eines der am besten geschützten Riffe in der Karibik. Überall, wo Sie ins Wasser gehen, werden Sie garantiert eine erstaunliche Artenvielfalt sehen."

Die Ranger überprüfen regelmäßig die Temperatursensoren in verschiedenen Tiefen: Die Erwärmung kann zur Bleiche führen, wodurch die Korallen weiß werden und manchmal absterben. Auch Abwässer oder Chemikalien aus Sonnenschutzmitteln schädigen Korallen. Überfischung kann zur Ausbreitung von schädlichen Algen und Würmern führen. Biologen überwachen die Riffe auf jegliche Anzeichen von Gesundheitsproblemen.

"In den vergangenen 40 Jahren wurden unsere Riffe auf die eine oder andere Art von Menschen beeinflusst", sagt Roxanne-Liana Francisca. "Obwohl unsere Riffe noch recht gut in Schuss sind, haben wir bereits fast die Hälfte verloren, gerade in den Tiefen von 5 und 10 Metern. 2020 gab es eine wirklich große Bleiche, von der etwa 60 Prozent unserer Riffe betroffen waren. Zum Glück für uns haben sich die meisten Korallen wieder erholt."

Die Gesundheit der Riffe ist eng mit den Landökosystemen von Bonaire verbunden - mit seinen artenreichen Feuchtgebieten, Mangroven und Vogelhabitaten.

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Bevölkerung von Bonaire verdoppelt, was zu mehr Abfällen führte. Durch die Abholzung der Wälder gelangt immer mehr von der Landverschmutzung ins Meer. Ähnlichen Gefahren sind Korallen weltweit ausgesetzt.

"Jüngste Untersuchungen zeigen, dass unser Planet in den vergangenen zehn Jahren 14 Prozent seiner Korallenriffe verloren hat", erklärt euronews-Reporter Denis Loctier. "Wenn dieser Rückgang anhält, droht den Korallen das völlige Aussterben - mit katastrophalen Folgen sowohl für die Meeresbewohner als auch für die Wirtschaft in den Küstengebieten."

Jedes Jahr erwirtschaften die karibischen Riffe Hunderte Millionen Euro an Einnahmen für den Tourismussektor. Bonaire, das sich selbst als "Taucherparadies" bezeichnet, heißt SCUBA-Taucher und Schnorchler aller Könnensstufen willkommen - das ganze Jahr über.

Bedrohtes Paradies

Eine Reihe lokaler Tauchzentren arbeitet mit "Reef Renewal Bonaire" zusammen - einer kleinen gemeinnützigen Organisation unter der Leitung der italienischen Meeres- und Umweltforscherin Francesca Virdis. Vor zehn Jahren gründete sie die Stiftung mit dem Ziel, die schwindenden Riffe zu retten. Dieses flache Küstengebiet, das mit abgestorbenen Korallentrümmern bedeckt ist, war noch vor wenigen Jahrzehnten ein blühendes Riff.

"Leider sterben Korallenriffe überall auf der Welt. Und obwohl wir auf Bonaire immer noch eines der besten Riffe der Karibik haben, ist es nicht mehr so unberührt wie früher", so Francesca Virdis.

Mit Korallengärtnerei die Zukunft der Riffe retten

Eine Möglichkeit, den Korallen eine Zukunft zu geben, ist die "Korallengärtnerei" : Etwa 15.000 verschiedene Korallenarten werden in lokalen Unterwasserbetrieben gezüchtet. Sie werden durch Halbierung vermehrt - eine Technik, die als Fragmentierung bekannt ist.

Francesca Virdis erklärt: "Korallen sind in Wirklichkeit Kolonien aus Tausenden von kleinen Polypen, die sich teilen und neue Polypen bilden können. Nehmen wir also an, ich bin eine Koralle und schneide mir ein Stück meines Arms ab. Aus dem Arm kann eine andere Francesca wachsen, und aus Francesca kann ein weiterer Arm wachsen, also haben wir zwei Francescas!"

Die wenigen Mitarbeiter von "Reef Renewal Bonaire" werden von vielen Freiwilligen unterstützt. Die Non-Profit-Organisation ist hauptsächlich auf private Spenden angewiesen; einige der Projekte werden durch öffentliche Mittel gefördert, unter anderem von der Europäischen Union.

"Wir pflanzen in diesem Jahr mehr als 7.500 Korallen-Stücke an unseren 10 Restaurierungs-Standorten", erzählt Ernst Noyons, Riffwiederherstellungs-Techniker bei "Reef Renewal Bonaire". "Auf jedem Baum, in jeder unserer Baumschulen, sind alle Korallen vom selben Genotyp. Und wenn sie zusammengesetzt werden oder sich berühren, wachsen sie zusammen und verschmelzen miteinander."

Die genetische Gleichheit kann dazu führen, dass das gesamte Riff der gleichen Bedrohung ausgesetzt ist. Eine neuartige Reproduktionstechnik beseitigt diesen Nachteil: Statt die Korallen zu zerstückeln, werden ihre Fortpflanzungszellen verwendet.

"Wir nutzen die sexuelle Fortpflanzung von Korallen, um neue, genetisch einzigartige Individuen zu erzeugen", so Francesca Virdis. "Das ist sehr wichtig, denn je größer die genetische Vielfalt im Riff ist, desto widerstandsfähiger ist das Riff selbst."

Korallen geben ihre Geschlechtszellen während des sogenannten Massenlaichens ins Wasser ab. Die Forscher sammeln diese Gameten und befruchten sie im Labor, wodurch Korallenlarven entstehen, die dann auf sternförmigen Keramikplatten in schwimmenden Becken im Meer angesiedelt werden. Francesca Virdis erklärt das Verfahren:

"Wir stellen sicher, dass sich viele Larven auf diesen Sternen ansiedeln. Dann pflanzen wir Tausende dieser Sterne zurück ins Riff - und überwachen das Wachstum der kleinen Siedlung darauf."

Korallen-Plantagen zur Rettung

Klein Bonaire ist eine geschützte Insel vor der Westküste von Bonaire. Der euronews-Reporter taucht dort, um das zweitausend Quadratmeter große Riff aus Hirschhornkorallen zu besichtigen - eine von vielen Reef-Renewal-Plantagen.

Jeder kann seinen Beitrag zur Rettung der Korallen leisten

Dem Team zufolge kann jeder seinen Teil zur Rettung der Korallen beitragen - von der Verwendung sicherer Sonnenschutzmittel bis hin zu einer Spende oder der Möglichkeit, selbst als Freiwilliger bei der Wiederherstellung der Korallen zu helfen. Einheimische und ausländische Taucher können zweitägige Kurse belegen, um die Pflege-Grundlagen einer Korallenaufzucht-Station zu erlernen.

"Insgesamt wurden bisher mehr als 2500 Taucher von der Stiftung zertifiziert", erklärt Guillermo Alcorta, Tauchlehrer bei "Reef Renewal Bonaire". "Fast 80 Prozent der Tauchshops auf Bonaire nehmen jetzt an dem Programm teil, und die Leute sind sehr begeistert."

Wie diese beiden jungen Meeresbiologen, die aus Belgien und England kommen.

"Diese Projekte zum Schutz der Riffe sind sehr wichtig. Ich wollte das unbedingt vertiefen, damit ich auch einen Beitrag dazu leisten kann", erzählt Meeresbiologin Géraldine Mertens aus Belgien.

Und Meeresbiologin Rebecca Turner aus Großbritannien sagt: "Das alles scheint weit weg zu sein, unter Wasser - wie kann man da helfen? Aber hier haben die Menschen die Möglichkeit, sich zu engagieren."

Der Einsatz von Enthusiasten kann einigen der lokalen Riffe das Leben retten. Das langfristige Überleben der Korallen auf unserem Planeten wird jedoch davon abhängen, ob es uns gelingt, die globale Erwärmung umzukehren und andere Bedrohungen für das Meeresleben in den kommenden Jahrzehnten zu beseitigen.