"Kein Märchen": Wie Theater in Mykolajiw Menschen im Kriegsalltag hilft

Das Theater im Mykolajiw wird 100 Jahre alt. Doch gefeiert wird im großen Saal nicht - wegen Russlands Raketen
Das Theater im Mykolajiw wird 100 Jahre alt. Doch gefeiert wird im großen Saal nicht - wegen Russlands Raketen   -   Copyright  Diritti d'autore AFP
Von Natalia Liubchenkova  & Euronews

Das Theater in der südukrainischen Stadt Mykolajiw wird in diesem Jahr hundert Jahre alt. Doch Feiern hier im großen Saal kommt nicht in Frage. Stattdessen werden die Sitze zugedeckt, damit das Glas der Kronleuchter nicht drauf fällt, wenn russische Bomben einschlagen.

"Wir können die Veranstaltungen nicht auf der großen Bühne unter dem Dach machen, das ist zu gefährlich, da viele Raketen das Stadtzentrum treffen, erklärt der Theaterdirektor Artem Svystun. „Während des Luftalarms gehen wir hinunter in die umgebauten Räume. Deshalb machen wir die Veranstaltung auf der Bühne im Keller, wo die Leute ohnehin an einem sicheren Ort sind".

Aufführungen gibt es aber auch außerhalb des Theaters, um auch geflüchtete Menschen zu erreichen, wie hier im Keller eines ehemaligen Fitness-Studios. Es eine Bühne in einer Notunterkunft, sozusagen. "Hier finden die Aufführungen, Shows und Konzerte statt“, sagt Theaterdirektor Svystun.

"Danke! Fantastisch!"

Die Sängerin und Schauspielerin Olha Storozhuk sagt, in diesen schwierigen Zeiten finde sie Trost in der Unterstützung ihrer Kollegen und dem Feedback des Publikums. "Dafür stehe ich jeden Morgen auf. Ich weiß, dass meine Arbeit gebraucht wird. Wenn ich singe oder wir auf der Bühne spielen, dann kommen die Leute und sagen: Danke, fantastisch! Für diese Stunde oder 90 Minuten sind wir in das Leben zurückgekehrt, das wir hatten... das wunderbare, friedliche Leben, das wir hatten", sagt Storozhuk.

Doch Theater ist nicht nur eine Ablenkung. Es hilft dem Publikum, sein seinen Alltag im Krieg zu bewältigen - vor allem die schmerzliche Trennung von geliebten Menschen zu verkraften. Eines der Stücke, das neulich hier aufgeführt wurde, trägt den Titel "Die geflüchteten Katzen".

"Kein Märchen"

"Es ist ein Lehrstück“, sagte Kateryna Bohdanova, Schauspielerin und Regisseurin. „Die Katzen verkörpern uns Menschen. Sie zeigen Kindern, wie man sich in dieser schwierigen Situation verhält, wenn das Unheil in unser Haus kommt - in die Ukraine. Wie man ruhig bleibt und sich gegenseitig hilft. Das ist nicht gerade ein Märchen... denn was hier in unserem Land passiert, ist nicht wirklich ein Märchen."

Das Theater in Mykolajiw wurde im Herbst von einer Rakete getroffen. Trotzdem ging der Betrieb dort direkt danach weiter. "Das Leben hört nicht auf", diesen Satz wiederholt der Theaterdirektor immer wieder wie ein Mantra, und fügt hinzu: "Das Theater lebt".