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Der Krieg in der Ukraine - ein Konflikt wie im 19. Jahrhundert?

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Von Stefan Grobe
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Ein Bild der Zerstörung in einer Stadt im Osten der Ukraine
Ein Bild der Zerstörung in einer Stadt im Osten der Ukraine   -   Copyright  SERGEY BOBOK/AFP or licensors

Der Krieg in der Ukraine trat diese Woche in eine neue Phase, nachdem Russland seine langerwartete Offensive im Osten der Ukraine gestartete hatte.

Im Zentrum der Angriffe stand vor allem die Stadt Mariupol, wo weiterhin ukrainische Soldaten in einem Stahlwerk ausharren. Russland hat die Fabrik mehrfach mit Artillerie und aus der Luft angegriffen und die Ukrainer aufgefordert, sich zu ergeben. Auch die Stadt Charkiv stand unter massivem Beschuss.

Die militärische Lage war auch Thema der Gespräche zwischen dem ukrainischen Präsidenten und EU-Ratspräsident Charles Michel, der diese Woche Kiew besuchte. Erneut verurteilte Michel die russische Aggression und unterstrich die europäische Geschlossenheit bei der Unterstützung der Ukraine.

"Das Ziel des Kremls ist die Zerstörung der ukrainischen Souveränität und eine Spaltung der Europäischen Union, aber Putin wird scheitern. Unter schwierigen Umständen haben wir gezeigt, dass die 27 Mitgliedsstaaten vereint sind und systematisch Entscheidungen einstimmig fassen konnten."

Michel verweis auf koordinierte internationale Anstrengungen, Gelder für die Ukraine zu mobilisieren und militärische und humanitäre Hilfe zur Verfügung zu stellen.

Unterdessen werden die globalen Konsequenzen des Krieges immer ernster. Beim Frühjahrstreffen von IWF und Weltbank diese Woche in Washington gab es erneut Warnungen vor Hunger-Krisen in vielen Teilen der Welt - und das für einige Zeit. David Malpass, Präsident der Weltbank: “Der Krieg setzt arme Bevölkerungen weltweit unter Stress. Die Folgen sind die Verknappung von Nahrungsmitteln, Energie und Düngemitteln. Dünger und Energie sind entscheidend für den Erntezyklus, sie bauen aufeinander auf und schaffen eine Ernährungsunsicherheitskrise, die mindestens Monate und wahrscheinlich bis ins nächste Jahr andauern wird."

Die von Russland ausgelöste globale Lebensmittelunsicherheit zusammen mit der westlichen Geschlossenheit und Entschiedenheit bei der Unterstützung der Ukraine könnten zu dem Eindruck führen, es gebe eine gemeinsame internationale Antwort auf Putins Invasion.

Doch das ist nicht der Fall. Der Kampf für die ukrainische Unabhängigkeit und Souveränität ist kein globales Anliegen, und die meisten Regierungen scheinen daran kein Interesse zu haben.

Dazu ein Interview mit Bruce Jones von der Brookings Institution in Washington.

Euronews: Es gibt etwa 200 Länder auf der Welt, und die meisten davon haben der Ukraine keine Hilfe geleistet oder Russland mit Sanktionen belegt. Wird in vielen Teilen der Welt dieser Krieg als ein klassischer europäischer Konflikt aus dem 19. Jahrhundert betrachtet?

Jones: Ich denke, daran ist etwas dran. In einigen Teilen der Welt wird der Krieg als eine Art Aufeinandertreffen von Großmächten im Stile des 19. Jahrhunderts gesehen. Und viele Länder arbeiten hart daran, sich nicht einzumischen und zwischen die Fronten zu geraten. Sie wollen ihre Beziehungen zu Russland aus verschiedenen Gründen nicht aufs Spiel setzen.

Auch machen sie sich Sorgen über die westliche Antwort und die Auswirkungen der Sanktionen. Sie befürchten, dass sie einen wirtschaftlichen Preis durch etwa teurere Lebensmittel bezahlen oder dass ihnen finanzielle Hilfen verloren gehen.

Diese Länder sehen das Problem nicht als ein europäisches, sondern als ein Problem unter Großmächten - mit Sicherheit aber nicht als ihr eigenes Problem.

Euronews: Einige Demokratien wie Indien, Südafrika und Bolivien haben Russland bei der UNO nicht verurteilt, sondern sich enthalten. Brasilien und Israel stimmten mit ja, wollen aber keine Sanktionen. Was sind die Hintergründe?

Jones: Jeder von ihnen unterhält wichtige Beziehungen zu Russland. Für Indien etwa ist Russland der wichtigste Militärausrüster. Nur Moskau ist bereit gewesen, Hochtechnologie und Rüstungsgeheimnisse mit Indien zu teilen. Indiens Hyperschallraketen-Programm ist ein gemeinsames Projekt mit Russland. In öffentlichen Erklärungen hat Indien deutlich gemacht, dass sie Russlands Vorgehen in der Ukraine verurteilen, aber sie wollen nicht so weit gehen und bei der UNO gegen Russland stimmen. Vielmehr will Neu Delhi ein für Indien wichtiges Verhältnis erhalten. Auch Israel hat vielschichtige Beziehungen mit Russland, ebenso Brasilien durch die BRICS-Länder. Alle diese Länder sind nicht glücklich über die russische Politik, aber sie wollen nicht Teil der Antwort des Westens sein.

Euronews: Aus Putins Sicht, sind diese Spaltungen in der anti-russischen Front ermutigend oder irrelevant?

Jones: Eher letzteres. Es ändert nicht wirklich etwas, denn die Länder, über die wir reden, sind nicht Staaten, deren Sanktionen Russland wehtun würden oder deren Waffenlieferungen an die Ukraine wehtun würden. Putin war da schon eher beeindruckt von der Geschlossenheit des Westen und wichtiger Verbündeter aus Asien bei den anti-russischen Sanktionen.

Euronews: Wenn die UN-Abstimmung heute stattfinden würde, gäbe es das gleiche Ergebnis, trotz aller Berichte über Grausamkeiten und Kriegsverbrechen?

Jones: Ich denke, dass es bei einer heutigen Abstimmung mehr Stimmen gegen Russland geben würde. Aber lassen Sie es mich so formulieren: Wenn eine Koalition aus Schwellenländern eine Resolution beantragte, hätte eine russische Verurteilung eine sehr große Unterstützung. Wenn aber diese Resolution vom Westen ausginge, fiele die Unterstützung weit geringer aus.