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Kiews Herausforderungen: Sieg über Putin und Vorbereitung auf die EU

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Von Stefan Grobe
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Demonstranten mit ukrainischen und EU-Fahnen vor dem EU-Ratsgebäude in Brüssel
Demonstranten mit ukrainischen und EU-Fahnen vor dem EU-Ratsgebäude in Brüssel   -   Copyright  Olivier Matthys/Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.

Mit einer historischen Entscheidung gewährten die europäischen Staats- und Regierungschefs der Ukraine den Kandidatenstatus, der dem Land eines Tages die Tür zur EU öffnen könnte. Eine bemerkenswerte Kehrtwende, die viele Beobachter noch vor wenigen Wochen für unvorstellbar gehalten hatten.

Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskyj hatte den Antrag in den ersten Tagen der russischen Invasion eingereicht, als viele in Europa noch äußerst skeptisch waren.

Doch Selenskyj arbeitete hart daran, die EU-Spitzen davon zu überzeugen, dass sein Land genau die europäischen Werte verteidigt, für die die EU steht. Bis zu den letzten Stunden vor dem EU-Gipfel zog er alle Register, um eine positive Antwort für die Ukraine zu bekommen.

"Ich habe seit dem Morgen einen Telefonmarathon hinter mir, um den Kandidatenstatus zu erreichen. Heute sprach ich mit elf Regierungschefs, morgen werde ich diesen Marathon fortsetzen."

Damit es klar ist: Die Ukraine nach immer noch große Probleme mit Korruption und verfügt nicht über stabile demokratische Institutionen und eine moderne wettbewerbsfähige Wirtschaft. Doch die russische Aggression ließ die EU das Verfahren, das normalerweise Jahre dauert, dramatisch beschleunigen.

Unterdessen erhöhten sich die Spannungen um die russische Exklave Kaliningrad, umgeben von Polen, Litauen und der Ostsee. Durch die Umsetzung der EU-Sanktionen stoppte Litauen den Transithandel zwischen Russland und Kaliningrad von Stahl und anderen Metallprodukten. Moskau reagierte wütend und drohte an, zurückzuschlagen.

Nikolai Patruschew, Chef des russischen Sicherheitsrats: "Russland wird auf derartige feindselige Handlungen antworten. Entsprechende Maßnahmen werden derzeit erarbeitet und schon bald verabschiedet. Deren Konsequenzen werden erhebliche negative Folgen für die litauische Bevölkerung haben."

Es ist nicht klar, von welcher Art Vergeltungsmaßnahme die Rede ist. Sicherheitsexperten haben große Zweifel, dass es sich um einen Militäreinsatz handeln könnte.

Aber wer weiß? Russlands Entscheidungen während des Kriegs in der Ukraine waren nicht immer durchdacht und sinnvoll. Manche sagen, sie waren ein völliger Fehlschlag.

Dazu ein Interview mitLawrence Freedman, Professor Emeritus der Kriegswissenschaften am King's College in London und Autor des Essays "Warum Krieg scheitert", der gerade in Foreign Affairs veröffentlicht wurde.

Euronews: In diesem faszinierenden Essay beschreiben Sie Putins Krieg in der Ukraine als "Fallstudie für ein Versagen des Oberbefehls", typisch für Autokraten, die an ihre eigene Propaganda glauben. Was waren die größten Fehler?

Freedman: Der größte Fehler war, einen Krieg gegen eine imaginäre Ukraine zu planen. Putin hielt die Ukraine nicht für einen eigenen Staat mit nationaler Identität, sah ihre Regierung als illegitim an, die keine Unterstützung in der Bevölkerung hatte. Deswegen ging er bei der Invasion Risiken ein, die nicht berechtigt waren. Auch bildete er sich ein, er könnte dieses Land von der Größe Frankreichs mit 44 Millionen Menschen schlicht einnehmen. Der Erfolg, den er sich vorstellte, war von Anfang an unwahrscheinlich.

Euronews: Könnte Putin den Krieg trotzdem gewinnen?

Freedman: Gemessen an den ursprünglichen Kriegszielen glaube ich das nicht. Die Frage nun ist, ob er sich die etwa 20 Prozent des ukrainischen Territoriums, dass die Russen besetzt haben, einverleiben kann. Das Problem ist, dass eine stabile Lösung nur schwer vorstellbar ist. Die Ukraine wird einen Gebietsverlust nicht akzeptieren. Wir wissen aus der Geschichte, ob zwischen Arabern und Israelis oder Indien und Pakistan, dass Gebietsabtrennungen nicht wirklich funktionieren. Zumal eine mehr als tausend Kilometer lange Front nur schwer zu verteidigen ist. Wir wissen bereits, dass es Guerilla-Einheiten und aufständische Gruppen gibt, die, sagen wir, hinter den russischen Linien operieren könnten. Es wird also eine alles andere als stabile Situation sein. Und das schließt Feuerpausen ein, die beiden Seiten erlauben, ihre Reserven aufzustocken.

Euronews: Wenn man Putin heute sieht, dann scheint er völlig unbeeindruckt zu sein und unwillig, auch nur eines seiner strategischen Ziele aufzugeben. Was ist sein Endziel, könnte der Krieg noch Monate oder sogar Jahre andauern?

Freedman: Ich denke, die vorsichtige Annahme ist, dass der Krieg noch einige Zeit dauern wird. Aber Kriege können überraschende Wendungen nehmen. Wenn es den Ukrainern gelingt, Gegenoffensiven zu starten, dann dürfte das eine interessante Herausforderung für die russische Armee sein, ob sie ihr erobertes Territorium so hartnäckig verteidigen kann, wie es die Ukrainer tun. Ich glaube, Putin hat mit seinem Endziel ein wirkliches Problem.