Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Wie Europa versucht sich aus der Abhängigkeit von Visa und Mastercard zu lösen

Die Europäische Zentralbank hat ihren Sitz in Frankfurt am Main in Deutschland.
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main, Deutschland Copyright  Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved
Von Leticia Batista Cabanas & Elisabeth Heinz
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Europa muss jetzt handeln – sonst gerät auch die letzte finanzielle Souveränität in die Abhängigkeit US-amerikanischer Zahlungsdienste. Mit WERO soll erstmals ein gesamteuropäisches Echtzeitsystem entstehen, das Europas Unabhängigkeit im Zahlungsverkehr stärkt.

Auf dem EU-Binnenmarkt werden jedes Jahr Milliarden Zahlungen abgewickelt. Gleichzeitig ist Europas Abhängigkeit von US-amerikanischen Bezahlsystemen deutlich gewachsen.

WERBUNG
WERBUNG

2023 verarbeiteten Visa und Mastercard in der EU Transaktionen im Wert von rund 4,7 Billionen US-Dollar. In 13 der 21 Eurostaaten laufen Kartenzahlungen ausschließlich über internationale Systeme. US-Anbieter dominieren damit nahezu das gesamte grenzüberschreitende Geschäft und wickeln 61 Prozent aller Kartentransaktionen im Euroraum ab.

Angesichts wachsender Spannungen zwischen der EU und den USA wächst die Sorge, dass im Extremfall bis zu 450 Millionen Europäer vom Zugang zu internationalen Finanzinfrastrukturen abgeschnitten werden könnten. Die Abhängigkeit von US-Finanzsystemen ist damit erneut ins politische Rampenlicht gerückt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) warnte kürzlich: "Wenn wir die Kontrolle über unser Geld verlieren, verlieren wir die Kontrolle über unser wirtschaftliches Schicksal. Und wir geben ein zentrales Merkmal unserer Souveränität aus der Hand."

Formelle Beschlüsse der EU-Institutionen stehen zwar noch aus. Doch sowohl die EU-Kommission als auch das Europäische Parlament bewerten WERO positiv – derzeit der einzige gesamteuropäische Vorstoß der Privatwirtschaft, der die Zahlungssouveränität Europas stärken soll.

WERO startete 2024 in Deutschland als erste digitale Geldbörse und Instant-Person-to-Person-Zahlungslösung "made in Europe". Die dahinterstehende European Payment Initiative (EPI) will den Dienst bis 2027 zu einer vollwertigen Alternative zu US-Zahlungsnetzwerken ausbauen. Ziel sei es, "die Architektur der europäischen Zahlungssouveränität zu vervollständigen und eine skalierbare europäische Alternative zu schaffen", so das EPI-Kommunikationsteam.

Doch wie nah kommt WERO den Schwergewichten Visa und Mastercard tatsächlich?

Judith Arnal, Senior Researcher am Centre for European Policy Studies und am Elcano Royal Institute, sieht das Projekt als vielversprechend – aber keineswegs als Selbstläufer.

Um konkurrenzfähig zu sein, müsse WERO zentrale Anforderungen erfüllen: geringe Kosten für Händler, hohe Benutzerfreundlichkeit für Verbraucher, wirksamer Betrugsschutz und verlässliche Streitbeilegungsmechanismen. Gleichzeitig warnt Arnal vor antiamerikanischer Rhetorik. Statt Visa und Mastercard verdrängen zu wollen, solle die EU eigene Alternativen ergänzend aufbauen.

Die Zeit drängt

Mehrere Initiativen sollen Europas Finanzsouveränität stärken, zuletzt die Verordnung über Instant Payments von 2024. Dennoch bleibt die Abhängigkeit hoch: 2025 liefen 47 Prozent des Werts aller Kartenzahlungen im Euroraum über Visa und Mastercard.

Was lange als Ausdruck eines effizienten Marktes galt, wird heute zunehmend als strategische Verwundbarkeit gesehen. Die angespannten transatlantischen Beziehungen nähren die Sorge, Washington könnte seine Kontrolle über Zahlungssysteme als politisches Druckmittel einsetzen.

Nach Darstellung der EPI begann der konkrete Handlungsdruck bereits vor sieben bis acht Jahren. Mit der Verschiebung internationaler Allianzen sei klar geworden, dass Zahlungen nicht nur kommerzielle Infrastruktur sind, sondern Teil der kritischen wirtschaftlichen Resilienz.

Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte, die Abhängigkeit von ausländischen Zahlungssystemen sei letztlich eine Frage der europäischen Souveränität – insbesondere mit Blick auf den digitalen Euro.

Zwar konzentrieren sich die USA aktuell vor allem auf Zollpolitik. Doch die politische Unberechenbarkeit der vergangenen Jahre hat gezeigt, wie schnell Finanzinfrastruktur geopolitisch instrumentalisiert werden kann.

Das Europäische Parlament treibt die Debatte besonders entschlossen voran. Aurore Lalucq, Vorsitzende des Wirtschafts- und Währungsausschusses, warnt, Washington könne sein elektronisches Zahlungsnetz jederzeit vom europäischen System abkoppeln. Sie fordert daher einen "Airbus für europäische Zahlungssysteme".

Ein Aussetzen der Dienste von Visa und Mastercard hätte gravierende Folgen: Kartenzahlungen würden ausfallen, digitale Geldbörsen nicht mehr funktionieren und Online-Handel massiv eingeschränkt.

Ein ähnliches Szenario gab es bereits: Nach dem Angriff auf die Ukraine stellten Visa und Mastercard im März 2022 ihren Betrieb in Russland ein. Das führte zu erheblicher finanzieller Isolation und zwang viele Menschen, verstärkt auf Bargeld und nationale Systeme auszuweichen.

Auch in den Jahren 2024 und 2025 verhängten die USA sekundäre Sanktionen gegen Finanzinstitute, die Russland oder Iran bei der Umgehung bestehender Strafmaßnahmen unterstützten. Mehr als 300 Banken in China, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Zentralasien riskierten dadurch den Zugang zum US-Finanzsystem.

Die bisherigen Schritte der EU

Lange galt diese Abhängigkeit als blinder Fleck. Inzwischen drängt Brüssel darauf, gegenzusteuern.

Im Februar 2026 warnte die EZB erneut vor einer "starken Abhängigkeit" von internationalen Kartensystemen und großen Technologiekonzernen im Online-Handel. Diese "Überabhängigkeit" berge Risiken für Datenschutz, Nachverfolgbarkeit, Resilienz und Wettbewerb.

In den vergangenen zehn Jahren entwickelte die EU deshalb einen mehrschichtigen Ansatz: EU-weite Regeln für Instant-Überweisungen von Konto zu Konto (A2A), private Initiativen für interoperable Wallets und Netze sowie das Projekt eines digitalen Euro, um Zentralbankgeld auch im digitalen Zeitalter nutzbar zu halten.

Bereits 2012 schlugen die Staats- und Regierungschefs auf dem Höhepunkt der Eurokrise die Europäische Bankenunion vor, um die Fragmentierung des Währungsraums zu überwinden. Ihr Ziel ist es, die enge Verflechtung zwischen Staaten und Banken aufzubrechen, Aufsicht zu bündeln und einheitliche Sicherungsmechanismen zu schaffen. Zwei der drei Säulen sind umgesetzt; die gemeinsame Einlagensicherung wird noch verhandelt.

Parallel dazu entstehen europäische Alternativen auf der sogenannten Account-to-Account-Ebene – einem Bereich, in dem laut Arnal derzeit echte Fortschritte erzielt werden.

WERO ist dabei das zentrale Projekt. Die Wallet ermöglicht Instant-Überweisungen per Handynummer, E-Mail-Adresse oder QR-Code – ohne klassische Kartennetzwerke. Gestartet wurde der Dienst 2024 für P2P-Zahlungen in Deutschland, Frankreich und Belgien. Nun soll er im E- und M-Commerce ausgebaut werden.

Hinzu kommt das SEPA-Gesetz zu Instant-Überweisungen, das seit April 2024 Banken verpflichtet, Echtzeitüberweisungen zum Preis herkömmlicher Transfers anzubieten.

Technische Grundlage ist TIPS (TARGET Instant Payment Settlement), eine EZB-Infrastruktur für Echtzeitzahlungen in Zentralbankgeld rund um die Uhr. Das System läuft seit 2018 und wird kontinuierlich erweitert.

Die dritte strategische Säule ist der Digitale Euro, angekündigt 2020. Er soll eine digitale Form von Zentralbankgeld für alltägliche elektronische Zahlungen bereitstellen.

Strategische Autonomie auf dem Spiel

Nach Einschätzung der EPI liegt der größte Schaden nicht allein im Finanziellen, sondern im Strategischen: Es geht um Kontrolle über Daten, Werbeflächen, Wachstumschancen und Innovationspotenziale. Ohne gesamteuropäische Lösung fehle eine zentrale Ebene für Autonomie und wirtschaftliche Führungsfähigkeit im Binnenmarkt.

Stattdessen dominieren zersplitterte nationale Lösungen mit begrenzter Reichweite. Diese Fragmentierung schwächt Wettbewerbsfähigkeit und Skaleneffekte – mit möglichen Kosten von bis zu 500 Milliarden Euro jährlich an entgangenem BIP.

WERO soll genau hier ansetzen und Innovation, Wettbewerb und Effizienz auf kontinentaler Ebene ermöglichen. Eine starke europäische Alternative würde Wettbewerb erhöhen, Resilienz stärken und Banken wie Händlern mehr Auswahl bieten – mit positiven Effekten für Verbraucherinnen und Verbraucher.

Auch sie spüren bereits die Kosten. Trotz SEPA werden Zahlungen tendenziell teurer. Händler im Euroraum zahlen schätzungsweise drei Milliarden Euro jährlich allein an Gebühren für Debitkartenzahlungen ausländischer Kundschaft.

WERO verspricht hier Abhilfe: Interoperabilität, eine europaweit erkennbare Marke und grenzüberschreitende Akzeptanz sollen Instant-Überweisungen von Konto zu Konto zur selbstverständlichen Alltagstechnologie machen – für Verbraucher wie für Unternehmen.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Nahost-Eskalation verunsichert Märkte: Europas Börsen brechen ein

Weltraum, 6G, KI: EU will mit 100-Millionen-€-Fonds globale Vernetzung anführen

Zwei Jahre EU-Digitalgesetz: Funktioniert es wirklich?