Meta gerät mitten in die aufgeheizten Parlamentswahlen in Ungarn: Fidesz-Anhänger klagen über gedrosselte Beiträge zugunsten der Opposition. Euronews ist den Vorfürfen nachgegengen.
In den sozialen Netzwerken verbreiten Konten, die die rechtspopulistische Regierungspartei Fidesz unterstützen, den Vorwurf, dass der Tech-Konzern Meta sich in die bevorstehenden Wahlen einmische und Beiträge der Partei sowie von Ministerpräsident Viktor Orbán zensiere.
Auch der Fidesz-Wahlkampfleiter Balázs Orbán stellt sich hinter diese Anschuldigungen.
„Wir haben zahlreiche Hinweise erhalten, dass einige Nutzer seit einigen Tagen keine Fidesz-bezogenen Inhalte auf Facebook mehr mit ‚Gefällt mir‘ markieren können“, erklärte er am 29. März.
Das Faktencheck-Team The Cube von Euronews ist den Vorwürfen nachgegangen.
Vorwürfe der Einflussnahme
Die Anschuldigungen tauchten zunächst in einem X-Beitrag des libanesisch-australischen Politik-Kommentators Mario Nawfal auf, der häufig populistische Positionen vertritt.
„Exklusiv: Facebook begrenzt Orbán-Beiträge Wochen vor den ungarischen Wahlen“, schrieb er am 18. März.
Sieben Tage später interviewte Nawfal Viktor Orbán und sagte, dass Facebook vor den „entscheidenden“ Wahlen am 12. April die Beiträge des ungarischen Regierungschefs offenbar einschränke.
Er führte dies auf einen angeblichen Aufruf eines Mitglieds der Oppositionspartei Tisza zurück – einer proeuropäischen konservativen Partei unter der Führung des früheren Fidesz-Mitglieds Péter Magyar –, das seine Anhänger demnach dazu aufgefordert habe, Orbáns Inhalte massenhaft zu melden.
Diese Vorwürfe griffen anschließend das polnische konservative Nachrichtenportal wPolityce.pl sowie Mandiner auf, eine Fidesz-nahe ungarische Zeitung. Mandiner identifizierte das von Nawfal erwähnte „Oppositionsmitglied“ als die Tisza-Abgeordnete Dóra Dávid, eine frühere Rechtsberaterin von Meta.
The Cube bat Nawfal um weitere Informationen zu seinen Vorwürfen, erhielt bis zur Veröffentlichung aber keine Antwort. Zugleich gibt es keine öffentlich zugänglichen Belege dafür, dass Meta gezielt Beiträge von Fidesz oder Orbán eingeschränkt oder gelöscht hat.
Eine Meta-Sprecherin erklärte zu Euronews, es gebe „keinerlei Einschränkungen für die Konten des ungarischen Ministerpräsidenten“; keiner seiner Beiträge sei entfernt worden.
„Unsere Gemeinschaftsstandards und Richtlinien gelten für alle gleichermaßen. Wir verfügen über Systeme, die koordinierte Versuche erkennen, unsere Meldemechanismen zu missbrauchen“, fügte sie hinzu.
Video aus dem Zusammenhang gerissen
Die Vorwürfe gegen Dávid scheinen frühere Aussagen von ihr irreführend aus dem Zusammenhang zu reißen – darunter ein Video, das sie im November 2025 in ihren sozialen Medien veröffentlichte.
In dem Video berichtete Dávid ihren Followern, „Propagandisten und die Gruppe ‚Mi hazánk‘“ – eine rechtsextreme ungarische Partei – hätten ihr vorgeworfen, die Algorithmen von Meta zu manipulieren. „Das stimmt nicht“, sagte sie.
„Ihr könnt viel dazu beitragen, dass der Algorithmus die lügnerischen, falschen, irreführenden und hetzerischen Beiträge von Fidesz und seinem Umfeld nicht verstärkt“, erklärte Dávid weiter.
„Wie? So: Meldet sie und wählt die passende Kategorie aus“, sagte sie und blendete im Video Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Melden von Inhalten ein.
Nutzer können Inhalte melden, die ihrer Ansicht nach gegen die Gemeinschaftsstandards von Meta verstoßen.
Dazu zählt laut den Richtlinien auch „hasserfüllter Inhalt“, der Menschen wegen „Rasse, Ethnie, nationaler Herkunft, Behinderung, religiöser Zugehörigkeit, Kaste, sexueller Orientierung, Geschlecht, Geschlechtsidentität oder schwerer Krankheit“ angreift.
Meta behandelt Desinformation zugleich als eine besondere Form von Äußerung und betont, dass es „keine Möglichkeit“ gebe, eine abschließende Liste verbotener Inhalte zu formulieren.
Nutzerinnen und Nutzer in Europa können Inhalte, die sie für Falschinformationen halten, bei Facebook melden. Unabhängige Faktencheck-Organisationen prüfen diese Beiträge anschließend.
In den USA geht Meta seit Anfang 2025 einen anderen Weg: Das Unternehmen kündigte an, die Zusammenarbeit mit professionellen Faktencheckern zurückzufahren und stattdessen ein System mit „Community Notes“ nach dem Vorbild von X einzuführen. Nutzerinnen und Nutzer können dort Anmerkungen zu aus ihrer Sicht irreführenden Beiträgen verfassen.
Meta-Gründer Mark Zuckerberg erklärte damals, man habe Beiträge im bisherigen System „zu aggressiv“ moderiert.
In Europa wäre ein solcher Schritt allerdings deutlich komplizierter. Grund ist das Gesetz über digitale Dienste (Digital Services Act, DSA), das die Verbreitung von Desinformation eindämmen soll, indem Plattformen verpflichtet werden, Risiken für demokratische Prozesse zu begrenzen. Verstöße können hohe Geldstrafen nach sich ziehen.
Bislang scheint Metas Faktenprüfungs-System diesseits des Atlantiks unverändert zu bleiben. Eine Unternehmenssprecherin sagte Euronews, die Überprüfung durch unabhängige Dritte bleibe außerhalb der USA bestehen. „Dazu gehören Ungarn, wo wir mit AFP zusammenarbeiten, und die EU.“
„Wir beginnen mit der Einführung von Community Notes in den USA und werden das System verbessern, bevor wir es auf andere Länder ausweiten. Es braucht Zeit, ein tragfähiges Community-Notes-Ökosystem aufzubauen“, so die Sprecherin.
Dávids Aufruf, „lügnerische, falsche, irreführende und hetzerische Beiträge“ zu melden, verstößt daher nicht gegen die Vorgaben. Er entspricht vielmehr dem Ziel des DSA, die Verbreitung von Desinformation und schädlichen Inhalten einzudämmen.
The Cube bat Dávid um eine Stellungnahme. Sie lehnte es ab, zu präzisieren, welche Fidesz-Inhalte sie konkret gemeint hatte.
Die Vorwürfe gegen sie reihen sich ein in eine Serie anderer Anschuldigungen, nach denen Fidesz mit fragwürdigen Mitteln gegen politische Gegner vorgeht.
In den vergangenen Monaten war der Partei vorgeworfen worden, eine Schmutzkampagne zu führen und mithilfe von KI-generierten Bildern und Videos ihre Gegner zu diskreditieren – etwa mit manipulierten Aufnahmen des Tisza-Vorsitzenden Péter Magyar oder gefälschten Videos, die ungarische Soldaten in Särgen zeigen und die Unterstützung für die Ukraine im Krieg gegen Russland untergraben sollen.
Meta betont zwar, dass das Unternehmen Inhalte löscht, die „wahrscheinlich direkt dazu beitragen, politische Prozesse zu stören“. Doch nach Einschätzung von Desinformationsexperten weist das Filtersystem weiterhin Lücken auf, sodass ein Teil dieser Inhalte online bleibt.
Meta-Team gerät ins Visier von Einflussnahme-Gerüchten
Dávid ist nicht die Einzige, der vorgeworfen wird, über Meta eine Kampagne gegen Fidesz zu steuern.
In mehreren Beiträgen in sozialen Netzwerken hieß es, Oskar Braszczyński, bei Meta zuständig für Regierungsbeziehungen und gesellschaftliche Wirkung in Mittel- und Osteuropa, leite eine Kampagne gegen die ungarische Regierungspartei.
Am 18. März veröffentlichte der konservative Politik-Kommentator Philip Pilkington, Gastwissenschaftler am regierungsnahen Thinktank Mathias Corvinus Collegium, einen X-Beitrag, den er als „Breaking News“ bezeichnete. Darin warf er Braszczyński vor, Orbáns Auftritte in den sozialen Medien zu „unterdrücken“.
Keines der Konten, die diese Behauptungen verbreiteten, legte konkrete Belege dafür vor.
Stattdessen verwiesen X-Nutzer auf Braszczyńskis klare Unterstützung für die Ukraine und die Rechte von LGBT-Personen auf Facebook und bezeichneten dies als „klassische Merkmale“ jener „progressiven Liberalen“, denen angeblich Wahlmanipulation in Europa aufgetragen werde.
Pilkington sagte The Cube, er könne seine Vorwürfe nicht weiter belegen; er berufe sich auf eine „hochrangige Regierungsquelle in Budapest“, die ihm die Informationen zugespielt habe.
Braszczyński reagierte nicht auf unsere Anfrage nach einer Stellungnahme.
Meta wollte sich zu den Anschuldigungen gegen Braszczyński und Dávid nicht äußern.
Das Fact-Checking-Team „The Cube“ von Euronews konnte keine belastbaren Beweise finden, die diese Behauptungen stützen.