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Mordfall Nowak: Millionenfach geteilte Fakes - was stimmt?

Southampton, England, am zweiten Juni 2026: Vor dem Polizeirevier versammeln sich Menschen zu einem Protest nach der Tötung von Henry Nowak.
Vor der Polizeiwache in Southampton versammeln sich am zweiten Juni 2026 Menschen zu einem Protest nach der Tötung von Henry Nowak. Copyright  Gareth Fuller/PA via AP
Copyright Gareth Fuller/PA via AP
Von Estelle Nilsson-Julien & Tamsin Paternoster
Zuerst veröffentlicht am
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Polizisten, die untertauchen müssen, gefälschte Bilder und Streit um die Tatwaffe: Rund um die Tötung des 18-jährigen Studenten Henry Nowak kursiert eine Welle von Falschinformationen.

Im Netz kursiert eine Welle von Falschinformationen, nachdem der 23-jährige Vickrum Digwa zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er kam am 1. Juni ins Gefängnis, weil er den 18-jährigen Studenten Henry Nowak getötet hatte.

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Die Tötung Nowaks im südenglischen Hafenort Southampton im Dezember 2025 hat eine heftige öffentliche Debatte über die Polizeiarbeit und das Messerrecht im Vereinigten Königreich ausgelöst.

Auch Politiker in ganz Europa greifen den Fall auf. Ein polnischer Rechtsextremist behauptete etwa, der Fall stehe für ein "Europa, das sich selbst zum Tod verurteilt".

Der Fall hat eine gefährliche Welle von Desinformation ausgelöst – mit realen Folgen für Menschen. Polizisten, die mit dem Einsatz nichts zu tun hatten, erhalten Morddrohungen und mussten untertauchen. Viele Menschen sind empört darüber, wie die Beamten am Tatort vorgegangen sind.

In der Tatnacht behauptete Digwa, der Sikh ist, am Telefon gegenüber der Polizei fälschlicherweise, er sei Opfer eines rassistischen Angriffs geworden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er Nowak bereits viermal niedergestochen. Als die Einsatzkräfte eintrafen, behandelten sie Nowak zunächst als Verdächtigen. Das zeigen Körperkamera-Aufnahmen, die von der Polizei veröffentlicht wurden. Sie legten ihm Handschellen an und ignorierten seine Schmerzschreie. Erst danach erkannten sie die lebensbedrohliche Verletzung und versuchten, ihn zu reanimieren.

Falschinformationen treffen Polizei

Polizeikräfte, die gar nicht am Tatort waren, sind in sozialen Netzwerken fälschlicherweise identifiziert worden. Manche dieser Beiträge erreichten mehr als eine Million Aufrufe.

Unter den zu Unrecht Beschuldigten ist die ehemalige Polizistin Christi Hill. Sie hatte den Dienst bereits im April 2024 verlassen – mehr als eineinhalb Jahre vor der Tötung von Nowak. Trotzdem verbreiteten Nutzer auf Facebook, X und Instagram Beiträge in mehreren Sprachen, darunter auch auf Deutsch, die sie mit dem Fall in Verbindung brachten.

Besonders ein Foto, das Hill neben einer früheren Kollegin zeigt, wurde massenhaft geteilt. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, sie sei eine der Beamtinnen am Tatort gewesen.

"Die Verwirrung geht auf eine Medienmitteilung zu einer nationalen Auszeichnung für Polizeimut zurück. Ein Foto von mir und einer ehemaligen Kollegin, die ebenfalls zu Unrecht ins Visier geraten ist, wird immer wieder verbreitet und fälschlich mit diesem Fall in Verbindung gebracht", erklärte Hill in einer Stellungnahme auf LinkedIn, die sie am 3. Juni veröffentlichte.

Auch der KI-Chatbot Grok von X identifizierte sie fälschlicherweise. Auf Anfragen von Nutzern antwortete er, Hill sei eine der Polizistinnen gewesen, als Nowak starb. "Es ist zutiefst verstörend, meinen Namen zu Unrecht mit einem so prominenten und sensiblen Fall in Verbindung gebracht zu sehen", sagte sie. "Meine Gedanken sind vor allem bei der Familie, die von dieser Tragödie betroffen ist. Sie verdient Gerechtigkeit und Klarheit – nicht den Lärm von Desinformation im Netz."

Christi Hill wurde fälschlich als am Tatort anwesend bezeichnet
Christi Hill wurde fälschlich als am Tatort anwesend bezeichnet Euronews

Mindestens ein weiterer fälschlicherweise identifizierter Polizist erhielt Todesdrohungen und musste umziehen, um seine Familie zu schützen. "Wir wissen, dass es nach der Verurteilung von Vickrum Digwa viele Reaktionen gegeben hat, und wir verstehen das Bedürfnis nach Antworten auf den Polizeieinsatz in jener Nacht", sagte eine Sprecherin der Polizei von Hampshire gegenüber dem Faktencheck-Team von Euronews, The Cube.

"Was wir aber nicht akzeptieren können, ist die massive Verbreitung von Falschinformationen im Netz durch Menschen, die bewusst Angst und Spaltung schüren wollen, indem sie Beamtinnen und Beamten drohen und Namen verbreiten, die schlicht nicht stimmen", so die Sprecherin weiter.

Hill wurde außerdem mit einem Bild in Verbindung gebracht, das in sozialen Netzwerken und auf einschlägigen Webseiten weit verbreitet ist. Es soll einen Screenshot aus Körperkamera-Aufnahmen vom Tatort zeigen, auf dem die Hand einer Polizistin mit langen, spitzen Fingernägeln zu sehen ist.

Dieses Bild – in vielen Sprachen geteilt, darunter auf Französisch, Deutsch und Polnisch, und auch vom britischen Reform-UK-Abgeordneten Robert Jenrick verbreitet – ist in Wirklichkeit KI-generiert. Ein Vergleich mit dem echten Filmmaterial zeigt dies deutlich.

Das manipulierte Bild zeigt eine krallenartige Hand
Das manipulierte Bild zeigt eine krallenartige Hand Euronews

Unklarheit über die verwendete Waffe

Mehrere viel geteilte Online-Beiträge bringen Nowaks Tötung mit einer Ausnahmeregel im britischen Recht in Verbindung. Sie erlaubt es initiierten Sikh, aus religiösen Gründen ein Messer – den sogenannten Kirpan – zu tragen, solange die Klinge nicht länger als neun Zoll (23 Zentimeter) ist.

Der Fall hat eine breite Debatte ausgelöst. Politiker der von Nigel Farage mitgegründeten Reform UK fordern, diese Ausnahme für den Kirpan abzuschaffen. Auch die für die Polizeiaufsicht in Southampton zuständige Police and Crime Commissioner von Hampshire verlangt eine Überprüfung der Regelung. Unterschiedliche Darstellungen zur Rolle des Kirpan bei der Tötung Nowaks haben die Verwirrung zusätzlich verstärkt. Die Staatsanwaltschaft (Crown Prosecution Service, CPS) erklärte im Prozess, Digwa habe bei der Tat zwei zeremonielle Klingen getragen und beide als "Kirpans" bezeichnet.

Richter William Mousley KC sagte in seiner Urteilsbegründung, Digwa habe unter seiner Kleidung den Kirpan getragen, den der Sikh-Glaube von initiierten Sikh verlangt, sowie einen "großen Dolch in einer Scheide", den er ebenfalls als "großen Sikh-Dolch" bezeichnet habe. Dieser größere Dolch war acht Zoll lang und die Waffe, mit der Digwa Nowak tötete.

Der Nihang-Sikh-Tradition zufolge gehört es zum Brauch, ein zweites Messer zu tragen. Der Richter betonte jedoch, dies sei "keine strenge Pflicht". Digwa habe "das Privileg missbraucht, das Sikh gewährt wird, aus religiösen Gründen ein Messer in der Öffentlichkeit zu tragen", dadurch seiner Religion geschadet und "andere dem Risiko von Vergeltungsaktionen ausgesetzt".

Die Sikh Federation UK veröffentlichte anschließend eine Erklärung. Darin heißt es, bei der von Digwa verwendeten Waffe habe es sich nicht um einen traditionellen Kirpan gehandelt, sondern um einen 21 Zentimeter langen Pesh-Kabz, eine historische Klingenwaffe aus Südasien.

Gegenüber The Cube erklärte Jagbir Jhutti Johal, Professorin für Sikh-Studien an der Universität Birmingham, das von Digwa geführte Messer müsse klar vom Kirpan unterschieden werden. Der Kirpan sei eines der Glaubenssymbole, die von initiierten Sikh getragen werden, die sogenannten "Five Ks".

"Der Kirpan wird üblicherweise als kleine, gebogene, einseitig geschliffene Klinge verstanden, oft mit einer Gesamtlänge zwischen drei und acht Zoll einschließlich Scheide und Griff und häufig sogar kleiner. Es gibt keine vorgeschriebene Standardgröße", sagte Johal. "Er wird normalerweise unter der Kleidung getragen und ist in der Öffentlichkeit meist nicht sichtbar."

Die von Digwa getragene Waffe sei hingegen keines der Five Ks, so Johal. Sie sei eher als "zeremonielle oder martialische Sikh-Klinge zu verstehen, die zur breiteren Tradition der Shastar-Waffen gehört". "Beide haben innerhalb der Sikh-Tradition kulturelle und historische Bedeutung, unterscheiden sich aber in ihrem Status, ihrer vorgesehenen Funktion und ihrer typischen Form", sagte sie. "Der Kirpan ist ein verpflichtendes Glaubenssymbol für alle initiierten Sikh. Der Choora oder Pesh-Kabz ist dagegen eine größere, klar martialische Waffe und kein Bestandteil der Five Ks."

Polizei und Demonstrierende geraten bei einem Protest nach dem Tod von Henry Nowak in Southampton, England, am Dienstag, den zweiten Juni 2026 aneinander
Polizei und Demonstrierende geraten bei einem Protest nach dem Tod von Henry Nowak in Southampton, England, am Dienstag, den zweiten Juni 2026 aneinander Jamie Lashmar/PA via AP

Nowaks Vater Mark fordert "härtere Maßnahmen gegen den Verkauf, den Besitz und das Mitführen aller Messer". "Wir brauchen echte Lösungen. Wir brauchen Investitionen in Prävention. Wir brauchen ein entschlosseneres Vorgehen gegen den Verkauf, den Besitz und das Mitführen aller Messer", sagte er.

"Menschen sollten nicht mit einer 21 Zentimeter langen Klinge durch die Straßen Großbritanniens laufen dürfen." Er betonte zudem, er wolle nicht, dass der Tod seines Sohnes "dazu benutzt wird, noch mehr Hass, Spaltung oder Spannungen zu erzeugen".

Vertreter der Sikh-Gemeinschaft haben die Tat weitgehend verurteilt. Gegenüber Euronews erklärten sie, sie seien besorgt über mögliche Folgen im Alltag. Amandeep Singh, Sikh-Educator der Wohltätigkeitsorganisation Basics of Sikhi, berichtete, Mitglieder der Gemeinschaft hätten nach dem Fall von feindseligen Reaktionen berichtet.

In der öffentlichen Debatte werde häufig nicht klar zwischen dem Kirpan, den initiierte Sikh tragen, und der größeren Klinge unterschieden, die Digwa verwendete. "Der Kirpan wurde nie eingesetzt", sagte er. In seiner Urteilsbegründung erklärte Richter Mousley, Digwas Handeln habe "rassistische Spannungen in Southampton und im ganzen Land angeheizt" und dazu geführt, dass "viele Sikh um ihre eigene Sicherheit fürchten, obwohl sie absolut nichts falsch gemacht haben".

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