Marineinspekteur Jan Christian Kaack sieht für einen Einsatz in der Straße von Hormus wenig Spielraum: Die Marine ist mit knappen Mitteln im Roten Meer, Mittelmeer, Nordatlantik und in der Ostsee gleichzeitig gebunden.
Die strategisch wichtige Straße von Hormus ist dem Iran zufolge wieder bis zum Ende der Waffenruhe im Libanon offen. Aktuell ist diese für zehn Tage angesetzt. Zuvor wurde sie sowohl von Teheran, als auch den USA blockiert, die sie kurz darauf wieder öffneten.
Zuvor hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) offenbar angeboten, Minenjagdboote und Flugzeuge der Bundeswehr für eine mögliche Mission in der Straße von Hormus bereitzustellen. Demnach könnte die Marine Minenjagdboote der Frankenthal-Klasse entsenden, unterstützt von Versorgungsschiffen und Seefernaufklärer vom Typ P-8A Poseidon. Auch eine sogenannte Multi-Sensor-Plattform (MSP) käme infrage – eine zivil betriebene, zweimotorige Propellermaschine mit Aufklärungssensorik, die von der Bundeswehr für Überwachungsmissionen eingesetzt wird, unter anderem am Horn von Afrika.
Die Bundeswehr ist derzeit in mehreren maritimen Einsatzgebieten gleichzeitig gebunden: Im Roten Meer beteiligt sie sich an der EU-Mission EUNAVFOR Aspides zum Schutz der internationalen Schifffahrt vor Angriffen der Huthi-Milizen. Im Mittelmeer unterstützt sie im Rahmen von UNIFIL die Überwachung der libanesischen Küste. Parallel dazu ist die Fregatte "Sachsen" in NATO-Einsätzen aktiv und trägt zur Sicherung des Nordatlantiks und der Ostsee bei – insbesondere beim Schutz kritischer Infrastruktur wie Unterseekabeln und Windparks. Darüber hinaus zeigt die Marine auch unabhängig davon kontinuierliche Präsenz in der Ostsee, wo deutsche Einheiten regelmäßig operieren.
Auch ein möglicher Einsatz in der Straße von Hormus bleibe für die Marine grundsätzlich auf dem Tisch, wird vom Inspekteur der Marine, Jan Christian Kaack, im Interview mit der Wirtschaftswoche klar relativiert. Kaack begründet dies vor allem mit den begrenzten Ressourcen und den Zielkonflikt zwischen verschiedenen Einsatzräumen: "Wir haben die kleinste Marine aller Zeiten, aber eine Masse an Aufgaben."
Ein Engagement – etwa zum Schutz der Schifffahrt – wäre nur eine von vielen parallelen Verpflichtungen. Kaack warnt deshalb vor Überlastung durch zu viele gleichzeitige Prioritäten: "Wer alles priorisiert, priorisiert nichts."
Auf die Frage, ob die Marine Einsätze wie in Hormus zusätzlich stemmen könne, verweist er auf den Bündniskontext und vermeidet eine klare Zusage, und nennt es eine "hypothetische Frage". "Wir stellen uns immer auf den Worst Case ein, um bereit zu sein. Und dabei sind wir nicht allein – sondern Teil der NATO", so der Inspekteur der Marine.
Hormus ist für Kaack nur ein möglicher Einsatzraum – aber einer von mehreren gleichzeitig wachsenden Konfliktzonen, von der Ostsee bis zur Arktis. Für ihn sei genau diese Mehrfrontenbelastung ein eigentliches Warnsignal.
Drei-Stufen-Modell soll Bundeswehr kampffähig machen
Vor diesem Hintergrund setzt die Marine auf einen grundlegenden strategischen Umbau. Strategisch richtet sich die Marine Kaack zufolge an einem klaren Drei-Stufen-Modell aus: "Fight Now, Fight Tonight bis 2029 und Fight Tomorrow ab 2035". Dahinter steckt der Versuch, kurzfristige Einsatzfähigkeit, mittelfristigen Fähigkeitsaufbau und langfristige Modernisierung miteinander zu verbinden.
Konkret setzt die Marine dabei verstärkt auf Tempo bei der Beschaffung. Statt langwieriger Entwicklungsprojekte rücken sofort verfügbare Lösungen in den Fokus: "Als erste Aufgabe beschaffen wir seit geraumer Zeit marktverfügbare Systeme und testen sie operativ."
Ein Beispiel dafür sei die schnelle Einführung neuer Drohnensysteme, die innerhalb kurzer Zeit vom Test in den Einsatz gebracht wurden. Ziel ist es, schneller auf neue Bedrohungen wie Drohnenschwärme oder Angriffe auf Unterwasserinfrastruktur reagieren zu können.
Ein strukturelles Problem bleibe jedoch bestehen: der Mangel an Personal. Jüngsten Zahlen des Verteidigungsministeriums zufolge hat die Bundeswehr einen Anstieg von 20 Prozent bei den Bewerbungen und 10 Prozent bei den Einstellungen verzeichnet. Insgesamt sei die Truppe auf rund 185.400 Soldaten gewachsen, heißt es, und das trotz saisonaler Rückgänge im Frühjahr. Zwar konnte die Marine zuletzt somit auch mehr Menschen gewinnen, der Bedarf sei laut Kaack jedoch deutlich höher.
"Wir konnten in den vergangenen drei Jahren 15 bis 20 Prozent mehr Menschen für die Marine gewinnen als zuvor. Weil das noch immer nicht reicht, setzen wir große Hoffnungen in den neuen Wehrdienst."
Um den steigenden Anforderungen gerecht zu werden, baut die Marine deshalb ihre Ausbildung um: neue Rekruten sollen frühzeitig an moderne Technologien herangeführt werden – insbesondere an den Umgang mit unbemannten Systemen. Damit versucht die Marine, ihre personellen Defizite zumindest teilweise durch technologische Anpassung und effizientere Strukturen auszugleichen.