Wie Russland die Stimmung gegen die Ukraine in Polen aufheizt, dazu ermittelt auch der Inlandsgeheimdiens ABW in Warschau. Ein Experte warnt vor zunehmenden von Moskau bezahlten Einflussaktionen.
In Polen sind neun Ukrainer und zwei Belarussen festgenommen worden, weil sie im Auftrag Russlands Anti-Ukraine-Proteste inszeniert haben sollen.
"Beamte des Inlandsgeheimdienstes ABW haben gemeinsam mit der Grenzschutzbehörde neun ukrainische und zwei belarussische Staatsbürger festgenommen, die umgehend aus Polen ausgewiesen werden sollen“, schrieb der Koordinator der Sonderdienste, Tomasz Siemoniak, am Montag auf X.
Ukrainische Medien, darunter das Portal Sestry, haben das System bezahlter Scheinproteste schon früher beschrieben. Die Redaktion erinnert daran, dass ein ähnliches Modell in den Jahren 2013 bis 2014 in der Ukraine unter dem Namen "Antymajdan" (oder "Anti-Maidan") eingesetzt wurde. Bei den Maidan-Protesten wurden mehr als 100 Aktivisten in Kyjiw getötet.
Organisatoren brachten damals gegen Bezahlung Menschen zu Kundgebungen und gaben ihnen Slogans vor. Sie wollten so den Eindruck breiter Unterstützung erzeugen oder künstliche Empörung schaffen, die sich anschließend politisch nutzen ließ.
Der Chefredakteur der Faktencheck-Organisation Demagog sagt im Gespräch mit Euronews, Russland erweitere sein Instrumentarium von Einflussoperationen kontinuierlich und nutze es unter anderem, um Gräben zwischen Ukrainerinnen und Ukrainern sowie Polinnen und Polen zu vertiefen.
Inszenierte Proteste in Polen
Wie liefen diese künstlich organisierten Demonstrationen in Polen ab? Medien berichteten, dass in Polen lebende Ukrainerinnen und Ukrainer Geld für die Teilnahme erhielten. Die Kundgebungen drehten sich vor allem um Korruption in der Ukraine, aber auch um Unterstützung für die Friedenspolitik von Präsident Donald Trump und um Ablehnung gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
Nach Angaben von Sestry bekamen Teilnehmende zwischen 100 und 200 Dollar pro Einsatz. Die Proteste fanden in mehreren Großstädten statt, unter anderem in Warschau, Breslau und Kattowitz. In Bromberg meldeten die Organisatoren eine Stiftung an, die Logistik, Anwerbung und Auszahlung der Honorare übernehmen sollte.
"Fotos und Videos dieses Protests tauchten in russischen Kanälen auf, die behaupteten, europäische Medien wollten die Aktion verschweigen“, sagt Marcin Kostecki über die Kundgebung in Breslau. "Sie sollte als Beleg dienen, dass Ukrainerinnen und Ukrainer ihren eigenen Behörden gegenüber eigentlich feindlich eingestellt sind und Frieden um jeden Preis wollen – und dass alles, was etwas anderes zeigt, nur ein verfälschtes Bild ist, das der Westen erzeugt.“
Nach den bisherigen Erkenntnissen sollten die Proteste außerdem das Bild der Ukraine beschädigen und sie dauerhaft als von Korruption durchdrungenen Staat darstellen.
"Für die inszenierten Proteste griffen die Organisatoren zu emotional aufgeladenen Themen. Sie nutzten Berichte über Korruptionsskandale und aktuelle innenpolitische Ereignisse in der Ukraine. Das ist ein Beispiel für Maßnahmen unterhalb der Schwelle offener Gewalt, die gesellschaftliches Vertrauen untergraben, Spannungen verstärken und Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind, zu Werkzeugen einer russischen Einflussoperation machen“, heißt es in einer Mitteilung der ABW.
Das ist jedoch nur ein Teil des Bildes. Bereits zuvor kursierte im Netz die Falschbehauptung, Ukrainerinnen und Ukrainer hätten in Breslau eine Großdemonstration organisiert, um eine höhere Leistung aus dem Familienprogramm „Rodzina 800 plus“ zu erzwingen. Wie jedoch das Portal Demagog klarstellte, stammt die dafür verwendete Originalaufnahme aus dem Jahr 2022. Zu sehen sind Anhänger des früheren ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko.
Doppelganger, Matrioschka und andere Einflussoperationen
Inszenierte Proteste sind nur ein Baustein im Instrumentenkasten russischer Einflussoperationen. Fachleute beschreiben seit einigen Jahren Kampagnen wie "Doppelganger" (abgeleitet vom deutschen Wort "Doppelgänger"), bei der Webseiten und Inhalte geschaffen werden, die seriösen Medien zum Verwechseln ähnlich sehen und Desinformation verbreiten.
Ein weiteres Beispiel ist "Matrioschka“, bei der sich Akteure als Institutionen oder Organisationen ausgeben, um erfundene Inhalte glaubwürdiger wirken zu lassen. Ziel all dieser Aktionen ist es, das Vertrauen in staatliche und gesellschaftliche Institutionen Schritt für Schritt zu schwächen, gesellschaftliche Spaltungen zu vertiefen und die öffentliche Meinung in Ländern zu beeinflussen, die die Ukraine unterstützen.
Über die antiukrainischen Narrative in Polen berichtet unter anderem die Polnische Presseagentur. Sie stützt sich dabei auf einen Bericht des Europäischen Auswärtigen Dienstes (ESDZ) und des ukrainischen staatlichen Zentrums zur Bekämpfung von Desinformation.
Laut dem Bericht richten sich die jüngsten Fake News vor allem gegen den Integrationsprozess der Ukraine in die Europäische Union. Sie ergänzen damit das Bild der genannten Antikorruptionsproteste. Zu den Kernelementen dieser Erzählung gehören unter anderem:
• die Behauptung, Europa – insbesondere die EU-Staaten – wolle die Ukraine aufteilen oder stelle ihre territoriale Integrität infrage;
• die Aussage, die Ukraine habe keine realistische Aussicht auf EU-Mitgliedschaft und der Westen verliere zunehmend das Interesse, sie zu unterstützen;
• die These wachsender Spannungen und verdeckter Konflikte zwischen der Ukraine und ihren westlichen Partnern;
• Erzählungen, die sich gegen Geflüchtete aus der Ukraine richten und ihnen etwa Kriminalität und gesellschaftliche Risiken zuschreiben – besonders in Polen.
Ein separater Bericht der Geremek-Stiftung aus dem August 2025 zeigt, dass sich diese Botschaften vor allem um angebliche Sonderrechte für Ukrainerinnen und Ukrainer bei Sozialleistungen drehen, um ihren vermeintlichen Einfluss auf das Sozialsystem und um die Behauptung, sie seien für steigende Kriminalität verantwortlich. Solche Narrative sollen gesellschaftliche Spannungen verstärken und die Unterstützung für die Ukraine schwächen; ihre Urheber werden häufig mit russischen Einflusskampagnen in Verbindung gebracht.
Diese Erzählungen wirken überraschend stark. Laut Umfragen des Instituts CBOS sank die Sympathie für Ukrainerinnen und Ukrainer in Polen im Jahr 2025 auf 30 Prozent.
Experte: Russland nutzt Emotionen
Marcin Kostecki betont, Russland versuche konstant, Spaltungen zwischen Polinnen und Polen sowie Ukrainerinnen und Ukrainern zu schaffen und zu vertiefen. Dieses Muster war schon vor Putins Angriffskrieg in der Ukraine zu beobachten.
"Gleichzeitig erweitert Russland seit längerem sein Repertoire, um möglichst rasch ein bestimmtes Ziel zu erreichen: Ablehnung von Ukrainerinnen und Ukrainern in der polnischen Gesellschaft“, sagt er. "Diese Stimmung könnte politische Veränderungen in Polen begünstigen und die Unterstützung für die Ukraine einschränken.“
Auf die Frage nach den eingesetzten Mitteln verweist Kostecki unter anderem auf Sabotageakte, die mit Kampagnen im Informationsraum verknüpft werden – etwa Brandstiftungen, für die anschließend Ukrainerinnen und Ukrainer verantwortlich gemacht werden.
"Am wirksamsten ist jedoch vermutlich das bewusste Aufreißen realer Wunden in den polnisch-ukrainischen Beziehungen“, sagt der Experte. "Dazu gehören etwa die Haltung vieler Polinnen und Polen zu den Verbrechen der OUN und UPA (der ukrainischen Partisanenarmee und der "Organisation Ukrainischer Nationalisten" oder Bandera-Fraktion - Anmerk. der Red). oder die Sicht vieler Ukrainerinnen und Ukrainer auf das Handeln der polnischen Eliten in der Ersten und Zweiten Republik.“
"Russische Desinformation und Propaganda greifen auch die Debatte um die Aberkennung des polnischen Ordens des Weißen Adlers für Selenskyj auf“, erklärt Kostecki. "Sie sollen Polinnen und Polen von angeblich faschistischen, verbrecherischen Ansichten der Ukrainerinnen und Ukrainer überzeugen und Ukrainerinnen und Ukrainer wiederum von angeblich übergriffigen, herrschsüchtigen Haltungen der Polinnen und Polen.“ Russland setze dabei gezielt auf aktuelle Emotionen, sagt er, in der Hoffnung, dass Menschen Inhalte akzeptieren, die sie früher womöglich zurückgewiesen hätten.