Der Senat hat ein Gesetz gegen Ultra‑Fast‑Fashion beschlossen. Es sieht unter anderem Werbeverbote und steigende Strafabgaben vor. Frankreich profiliert sich damit als Vorreiter gegenüber Shein und Temu.
Nach mehr als zweieinhalb Jahren parlamentarischem Marathon, geprägt von intensiven gesellschaftlichen Debatten und starkem Druck industrieller Lobbygruppen, vollzieht Frankreich nun eine entscheidende Wende. Der Senat hat am Montag die endgültige Fassung der Gesetzesinitiative, die ursprünglich von der Horizons-Abgeordneten Anne-Cécile Violland stammt, nahezu einstimmig verabschiedet. Ein großer Teil der Linken enthielt sich allerdings, weil er die abgeschwächte Fassung kritisiert.
Die Textilbranche verursacht knapp zehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Zugleich hat Ultrafast-Fashion den französischen Markt überschwemmt. Das Gesetz markiert nun den Kurswechsel: Der Gesetzgeber greift künftig direkt in Preis, Sichtbarkeit und Vertrieb von Wegwerfkleidung ein.
Die endgültige Verabschiedung durch das Parlament beendet die Gesetzesdebatten. Nun beginnt für das Ministerium für den ökologischen Wandel und die zuständigen Rücknahmesysteme allerdings erst der operative Teil. Die Umsetzung wird sich über mehrere Jahre hinziehen.
Was ist "Ultrafast-Fashion" oder "Mode ultra-express"?
Einer der größten Knackpunkte des Textes war, eine klare juristische Definition von "Ultrafast-Fashion" zu finden, um Klagen zu vermeiden und nicht die gesamte Bekleidungsbranche zu treffen.
Das Gesetz setzt schließlich auf zwei kumulative Kriterien: Erstens die Anzahl der Neuheiten, die online gestellt werden, und zwar sehr häufig – auf manchen Plattformen erscheinen jeden Tag Tausende neuer Produkte. Zweitens der geringe Anreiz zur Reparatur, also wenn ein Kleidungsstück so billig ist, dass es günstiger ist, es wegzuwerfen, statt es zu reparieren.
Die genauen Schwellenwerte legt eine Verordnung fest. Ziel ist es vor allem, Konzerne wie Shein, Temu oder AliExpress ins Visier zu nehmen, ohne klassische europäische Ketten wie Kiabi, Zara oder H&M zu treffen.
Finanzmechanismus: stufenweises Bonus-Malus-System
Die neue Regelung folgt dem Verursacherprinzip. Marken der Ultrafast-Fashion müssen für jedes verkaufte Produkt Strafzahlungen leisten, abhängig von dessen Umweltauswirkungen. Je stärker ein Kleidungsstück als umweltschädlich eingestuft wird, desto höher fällt der Beitrag aus. Das eingenommene Geld fließt in Recycling, Reparatur von Kleidung und in die Unterstützung von Marken, die umweltfreundlicher produzieren.
Um einen zu abrupten wirtschaftlichen Schock zu vermeiden, begrenzt das Parlament diese Abgabe jedoch. Die Strafzahlung darf höchstens 50 % des Nettopreises eines Produkts betragen. Wird ein Artikel etwa für sechs Euro verkauft, liegt die maximale Abgabe selbst im Jahr 2030 bei drei Euro.
Zusätzlich zu Abgaben und Sanktionen verpflichtet das Gesetz die Plattformen, Hinweise zu Sparsamkeit, Wiederverwendung und Recycling von Kleidung anzuzeigen. Beim Bezahlen des Warenkorbs sehen Verbraucherinnen und Verbraucher außerdem Hinweise auf die Umweltauswirkungen der Produkte, die sie zu kaufen planen.
Marketing fast vollständig verboten, Strafen für Influencer
Sobald die Durchführungsverordnungen in Kraft sind, ist in Frankreich jede Werbung für Ultrafast-Fashion untersagt – ob Plakatwerbung, Fernsehen, Internet oder zielgerichtete Online-Werbung.
Auch Influencer-Marketing ist betroffen: Aktionen in sozialen Netzwerken, insbesondere "Haul"-Videos, sind ab dem 1. Januar 2027 verboten.
Influencerinnen und Influencer, die sich nicht an diese Regel halten, riskieren hohe Geldbußen von bis zu 100.000 Euro.
Unklar ist noch, wann dieses Verbot tatsächlich in Kraft tritt. Die Europäische Kommission hat bereits Zweifel geäußert, ob es mit dem europäischen Recht vereinbar ist, insbesondere mit den Regeln zur Werbung.
Was bedeutet das für die Verbraucherinnen und Verbraucher?
Frankreich legt damit den Grundstein für einen Rechtsrahmen, den viele möglichst schnell auf die gesamte Europäische Union ausgeweitet sehen wollen. Nur auf dieser Ebene lässt sich genug Druck auf die Anbieter von Wegwerfmode ausüben, um ihre Praktiken dauerhaft zu verändern.
Offen ist nun, wie die Verbraucher reagieren: Setzen sie künftig stärker auf verantwortungsvollere Marken?
Angesichts der Wirtschaftskrise und des Kaufkraftverlusts dürften sich etliche wohl weiterhin für die Billigware entscheiden.