Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Lagarde in Sintra: EZB setzt auf neues geldpolitisches Konzept

In Frankfurt spricht EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei einer Pressekonferenz nach der Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank zu den Medien.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht nach der Ratssitzung in Frankfurt am Donnerstag bei einer Pressekonferenz zu den Medien. Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
Von Piero Cingari
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Christine Lagarde: EZB kehrt zu ihren Kernaufgaben zurück, muss sich aber auf eine volatilere Weltwirtschaft einstellen.

Christine Lagarde hat die Eröffnung des jährlichen Forums der Europäischen Zentralbank in Sintra am Montag genutzt. Sie erklärte, dass damit eine Ära der Geldpolitik zu Ende geht.

WERBUNG
WERBUNG

Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem Anleihekäufe, Notfallkredite und sogenannte Forward Guidance die Geldpolitik prägten, kann die EZB nach ihrer Einschätzung wieder vor allem über den Leitzins gegen die Inflation steuern.

Einfacher wird ihre Aufgabe dadurch aber nicht.

„Die Geldpolitik ist zu ihren Grundlagen zurückgekehrt“, sagte Lagarde. Sie fügte hinzu, dass die Rückkehr zu klassischen Instrumenten „kein Weg zurück in dieselbe idealisierte Vergangenheit“ sei.

Zurück zu den Grundlagen: Was das bedeutet

In den vergangenen 13 Jahren griff die EZB überwiegend zu Instrumenten, die keine Zentralbank als normal bezeichnen würde.

Sie kaufte in großem Stil Staatsanleihen, vergab günstige Mehrjahreskredite an Banken, entwickelte Programme gegen eine Aufspaltung des Euroraums und stützte sich stark auf Forward Guidance, also die frühzeitige Ankündigung geplanter Schritte gegenüber den Märkten.

Als die Inflation nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine stark anzog, leitete die EZB zudem den schnellsten Straffungszyklus ihrer Geschichte ein und erhöhte die Zinsen in Schritten von 75 Basispunkten.

Lagarde machte deutlich, dass diese außergewöhnlichen Maßnahmen zu einem anderen Kapitel der Geldpolitik gehören.

Europa robuster: Warum die EZB zuversichtlicher ist

Nach ihren Worten spiegelt der Kurswechsel nicht nur ein anderes Inflationsumfeld wider, sondern auch einen widerstandsfähigeren Euroraum.

In den vergangenen zehn Jahren hat Europa die Bankenaufsicht verschärft, neue Abwicklungsregeln für scheiternde Institute eingeführt und gemeinsame fiskalische Instrumente geschaffen, etwa den Europäischen Stabilitätsmechanismus und NextGenerationEU.

Sie verwies zudem auf die Inflationserwartungen, die weiterhin um das 2-%-Ziel der EZB verankert sind, und auf die Energiewende. Sie mindert nach und nach die Abhängigkeit Europas von Preisschocks bei fossilen Brennstoffen.

Länder wie Portugal, Spanien und Frankreich erzeugen zunehmend Strom, der nicht mehr von den Gaspreisen abhängt. Das macht die Wirtschaft widerstandsfähiger als in früheren Energiekrisen.

Diese Robustheit ermöglicht der EZB nach ihrer Einschätzung, sich wieder stärker auf ihr Kernziel zu konzentrieren: stabile Preise.

„Indem dieser Rahmen die Wirtschaft widerstandsfähiger gegen Schocks macht, verringert er den Bedarf an unkonventionellen oder drastischen geldpolitischen Maßnahmen“, sagte Lagarde.

Eine zunehmend unberechenbare Welt

Auch wenn der Werkzeugkasten der EZB heute einfacher wirkt, ist die Welt um sie herum nach Lagardes Darstellung alles andere als berechenbar.

Aktuelle Schocks entstehen häufig auf der Angebotsseite. Sie treiben die Preise nach oben, statt vor allem die Nachfrage zu dämpfen.

Im Unterschied zu früheren Krisen können sich solche Ereignisse sehr schnell zuspitzen und ebenso rasch wieder drehen. Das erschwert die Einschätzung, ob der Inflationsdruck nur vorübergehend oder dauerhaft ist.

Als Beispiel nannte sie die im vergangenen Jahr verhängten US-Zölle.

Viele ökonomische Modelle sagten einen schwächeren Euro gegenüber dem Dollar voraus. Tatsächlich geschah das Gegenteil, weil Investoren die Rolle von US-Anlagen im globalen Finanzsystem neu bewerteten.

Gleichzeitig erhöhten europäische Regierungen ihre Verteidigungsausgaben. Das glich einen Teil der wirtschaftlichen Belastung durch den rückläufigen Handel aus.

Der Konflikt im Nahen Osten lieferte ein weiteres Beispiel.

Im März stieg der Ölpreis zeitweise auf fast 120 Dollar je Barrel und fiel nach der vorläufigen Friedensvereinbarung in der vergangenen Woche wieder auf rund 72 Dollar zurück. Das zeigt, wie schnell sich der Inflationsausblick ändern kann.

Warum die Zinserhöhung im Juni laut Lagarde kein „Versicherungsschritt“ war

Lagarde wies zudem den Vorwurf zurück, die Zinsanhebung der EZB im Juni sei lediglich ein „Versicherungsschritt“ gewesen.

Nach ihren Worten erhöhten die Notenbanker die Zinsen, weil die Daten auf ein echtes Inflationsproblem hindeuteten. Gesamt- und Kerninflation sollten demnach stärker bleiben, als zuvor erwartet worden war.

Projektionen der EZB zeigten, dass die Inflation erst Ende 2027 zum 2-%-Ziel zurückkehren dürfte – und nur, wenn die Geldpolitik weiter gestrafft wird.

Ohne weitere Zinsanhebungen wäre die Inflation nach ihren Berechnungen in den Jahren 2027 und 2028 durchgehend über dem Ziel geblieben.

Keine Versprechen mehr zur weiteren Zinsentwicklung

Ebenso klar stellte sie heraus, dass die Bank den Märkten keine Aussage darüber liefert, was als Nächstes kommt. „Forward Guidance steht nicht auf der Agenda“, sagte sie. Sicherheit über den weiteren Kurs gebe es nicht.

Stattdessen setzt sie auf das, was sie Framework Guidance nennt. Die EZB erklärt dabei nicht, was sie tun wird, sondern wie sie Entscheidungen trifft.

Die Reaktionsfunktion der EZB basiert auf drei Faktoren: dem Inflationsausblick, den zugrunde liegenden Inflationsdynamiken und der Stärke, mit der die Geldpolitik in der Wirtschaft ankommt.

Da die Märkte diese Funktionsweise inzwischen verstehen, passen sich die Finanzbedingungen nach ihren Worten oft schon an neue Daten an, bevor der EZB-Rat überhaupt zusammentritt.

Bereits im März zogen die Marktzinssätze an, als sich der Energieschock durch die Wirtschaft fraß – lange vor der Zinsentscheidung im Juni.

„Die Märkte haben die Arbeit für uns erledigt“, sagte sie.

Was das für die weitere Zinsentwicklung bedeutet

Die Botschaft aus Sintra ist breiter angelegt: Die EZB will nicht mehr, dass Investoren über ihren nächsten Schritt rätseln.

Stattdessen sollen sie verstehen, wie die Notenbanker in einer Welt mit wenig Gewissheit auf neue Daten reagieren.

Vorerst gilt: Die Erhöhung im Juni gilt als entschlossener Schritt, nicht als Vorsichtsmaßnahme. Über weitere Schritte sollen die Daten entscheiden.

Offen bleibt, ob eine derart volatile Welt der EZB überhaupt die stabilen Daten liefert, die sie für ihre neue, grundlegende Ausrichtung der Geldpolitik braucht.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Iran dementiert neue US-Gespräche – doch Trump spricht von Treffen in Doha

Rekordhitze in Europa: Das Wichtigste im Überblick

Lagarde in Sintra: EZB setzt auf neues geldpolitisches Konzept