Das Konzept eines "Heimathafen Europa" wäre ein Stabilitätsanker in stürmischen Zeiten, schreibt Felix Manuel Müller, Europa-Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung, in einem Meinungsbeitrag für Euronews. Das Konzept greift die Ergebnisse der aktuellen, repräsentativen Eurobarometer-Umfrage auf.
Drei von vier Europäerinnen und Europäern (75 Prozent) sehen die EU als Hort der Stabilität in einer krisenhaften Welt. Das zeigt die heute veröffentlichte Eurobarometer-Umfrage des Europäischen Parlaments – ein Anstieg um acht Prozentpunkte gegenüber dem Herbst 2025.
Die Weltlage weckt hohe Erwartungen an die EU. Denn das internationale System befindet sich im Strukturwandel. Auf die Bipolarität des Kalten Krieges folgte ab 1990 die Unipolarität. Auch sie scheint vorbei. An ihre Stelle tritt eine multipolare Ordnung – präziser: eine multipolare Unordnung. Die geopolitischen Stürme nehmen zu und die Instabilität ist kein vorübergehendes Interregnum, sondern ein länger anhaltender Zustand.
Für Deutschland und Europa heißt das: Sicherheit und Stabilität sind keine selbstverständlichen Rahmenbedingungen mehr. Auch die USA werden künftig weniger aus wertrationalen als aus zweckrationalen Motiven kooperieren – unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt. Die Menschen spüren, dass nach einer Dekade der Disruption seit 2015 die Dinge im Fluss sind. Viele nehmen wahr, dass nicht nur einzelne Politikfelder sich verändern, sondern die Grundlagen von Ordnung, Wohlstand und Sicherheit selbst unter Druck geraten.
Politisch erfolgreich wird sein, wer als Krisenlotse ein zukunftsgerichtetes Deutungsangebot macht und glaubhaft signalisiert, Sicherheit organisieren zu können. Dafür braucht es ein positives Zielbild – eine politische Verheißung – gestützt von einer tragfähigen Allegorie. Dieses Bild darf nicht zu komplex sein, muss Ambiguität zulassen, im europäischen Kulturraum funktionieren und realistisch erreichbar sein, weil es an bereits erkennbare Entwicklungen anknüpft.
Europa als Heimathafen
Mein Vorschlag: Diese Verheißung kann der Heimathafen Europa sein. Die Sprachfigur des Hafens schlägt die Brücke zwischen Schutzraum und Weltöffnung.
Ein Hafen steht zunächst für Schutz und Sicherheit. Schiffe entkommen dem offenen, gefährlichen Meer und finden einen geschützten Raum. Ein Bild für Geborgenheit, Stabilität, Heimat und Ordnung. Europäische Integration schützt empirisch vor Krieg: Gerald Knaus spricht von einer „europablauen Zone des demokratischen Friedens“. Gewalt beobachtet man dort, wo diese Integration fehlt. Der Heimathafen verheißt aber mehr als nur Schutz vor Krieg. Er umfasst äußere, innere, soziale, kulturelle und individuelle Sicherheit.
Laut dem jüngsten Eurobarometer sind Frieden und Sicherheit der von den Befragten am häufigsten genannte Grund, warum Länder von der EU-Mitgliedschaft profitieren. 40 Prozent nennen den Beitrag der EU zum Schutz des Friedens und zur Stärkung der Sicherheit. Der Heimathafen Europa knüpft an dieses Schutzversprechen an, geht aber darüber hinaus: Er verheißt nicht nur Schutz vor Krieg, sondern umfasst äußere, innere, soziale, kulturelle und individuelle Sicherheit.
Damit unterscheidet er sich grundlegend von autoritären und kollektivistischen Ordnungsvorstellungen systemischer Wettbewerber. Ein Hafen impliziert Freiheit und individuelle Entfaltung. Er schützt nicht, um zu bevormunden, sondern um Verantwortung und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Aus christdemokratischer Perspektive dient Sicherheit der Freiheit der Person. Sie ist nicht Selbstzweck des Staates, sondern Voraussetzung dafür, dass Menschen und Unternehmen Zukunft gestalten.
Ein Hafen als "Tor zu Welt"statt "Festung Europa"
Zudem verweist der Hafen auf Verbindung und Austausch. Er ist ein Knotenpunkt zwischen Innen und Außen. Als „Tor zur Welt“ lebt er von Handel, Migration, Diplomatie und kultureller Begegnung. Er ist grundsätzlich offen für Waren, Menschen und Ideen – keine Chiffre für eine abgeschottete „Festung Europa“.
Europa muss weiter Impulse von außen aufnehmen. Durch Handel, wissenschaftliche Kooperation, qualifizierte Migration und strategische Partnerschaften. Ein sicherer Hafen ist kein einsames Eiland, sondern ein geordneter Weltzugang. Genau darin liegt der Unterschied zur nationalistischen Rückzugslogik: nicht Abschottung, sondern geordnete Offenheit.
Wichtig ist die Ambivalenz der Figur. Der Hafen ist geschützt, aber nie vollständig abgeschlossen. Er verbindet Ordnung mit Bewegung, Stabilität mit Wandel. Zugleich hat er eine Gatekeeper-Funktion: Nicht jedes Schiff kann jederzeit und unter beliebigen Bedingungen einlaufen. Politisch heißt das: geordnete Migration, Schutz der Außengrenzen, klare Asylverfahren, gezielte Fachkräftezuwanderung und ein realistischer EU-Erweiterungsprozess. Wer Offenheit erhalten will, muss Ordnung herstellen.
In dieser Figur verkörpern die europäischen Länder Schiffe. Mit dem christlichen Menschenbild existiert ein verlässlicher Wertekompass für die Navigation: Personalität, Subsidiarität, Solidarität und Verantwortung. Er hilft, Sicherheit nicht autoritär, Freiheit nicht beliebig und Europa nicht technokratisch zu denken.
Europas Stärke: koordinierte Vielfalt statt Uniformität
In der europäischen Flotte hat jedes Schiff eigene Fähigkeiten und erfüllt eine Aufgabe für den Verbund. Europas Stärke liegt nicht in Uniformität, sondern in der koordinierten Vielfalt seiner Beiträge. Zugleich muss jedes Mitglied selbst klar Schiff machen. Jeder Staat muss seine Hausaufgaben bei Wettbewerbsfähigkeit, Verteidigung und Haushaltsverantwortung machen.
Auch Europa insgesamt muss agiler werden. Ein Hafen ist nur funktionsfähig, wenn seine Strukturen modern und seine Regeln verständlich sind. Deshalb muss unnötiger Ballast abgeworfen werden – überbordende Bürokratie, regulatorische Selbstblockaden, strategische Unentschlossenheit. Wer Sicherheit verheißt, muss Handlungsfähigkeit organisieren.
Sicherheitsverantwortung statt Angstbewirtschaftung
Doch Gegenwind kommt auch von innen. Autoritäre Stimmen wollen unsere Gesellschaften spalten. Rechtspopulistische Kräfte inszenieren sich als Verteidiger nationaler Souveränität, untergraben aber als russische Schattenflotte die europäische Handlungsfähigkeit. Sie teilen das Zielbild eines sicheren, freien und handlungsfähigen Europas nicht.
Der Gegenentwurf lautet: Sicherheitsverantwortung statt Angstbewirtschaftung. Zukunftspolitik statt technokratischer Verwaltung des Status quo. Nicht naive Offenheit, nicht nationaler Rückzug, sondern geordnete Weltoffenheit.
Neun von zehn Europäern stimmen laut Eurobarometer zu, dass die EU-Mitgliedsstaaten angesichts der globalen Herausforderungen stärker zusammenstehen sollen.Der Auftrag ist klar: gemeinsam am Heimathafen Europa arbeiten und Kurs halten. Europa kann der Stabilitätsanker in einer Welt in Unordnung sein – nicht, weil es alle Stürme verhindern könnte, sondern weil es ihnen standhält. Das Ziel ist erreichbar. Land ist in Sicht.
Felix Manuel Müller ist Referent für Europapolitik in der Abteilung „Demokratie, Recht und Parteien“ bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Zuvor war Müller unter anderem im Bayerischen Landtag, bei Europe Direct sowie in der Kontakt- und Informationsstelle des Bayerischen Landtags in Brüssel tätig.