Katholiken feiern heute Fronleichnam. Eigentlich selbstverständlich doch weltweit werden Christen diskriminiert. Auch in Europa häufen sich christenfeindliche Straftaten, so Anja Tang von der Beobachtungsstelle für Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen in einem Meinungseitrag für Euronews.
Heute ist Fronleichnam, ein Hochfest der katholischen Kirche, also ein für den Glauben besonders wichtiges Fest, meist begangen mit Fronleichnamsprozessionen. In vielen europäischen Städten ziehen darum Gläubige durch die Straßen. Monstranzen, Fahnen und Blasmusik mögen für manche anachronistisch wirken, doch Fronleichnamsprozessionen erinnern an ein Grundrecht, das zu den Fundamenten Europas gehört: die Freiheit, seinen Glauben öffentlich zu leben.
Auch in Europa: Sorge um Sicherheit christlicher Gemeinschaften
Dieses Recht erscheint heute selbstverständlich. Tatsächlich ist es das keineswegs. Weltweit werden Christen in vielen Ländern verfolgt, diskriminiert oder aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Auch in Europa wächst die Sorge um die Sicherheit christlicher Gemeinschaften. Während dies in der öffentlichen Debatte oft kaum wahrgenommen wird, beschäftigen sich Kirchen, Sicherheitsbehörden und internationale Organisationen zunehmend mit dem Thema.
Vergangene Woche kamen in Rom Vertreter von Regierungen, Polizeibehörden, Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen aus mehreren europäischen Ländern zu einer Fachtagung des Menschenrechtsbüros der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE/ODIHR) zusammen. Anlass war die neue OSZE-Richtlinie zum Verständnis christenfeindlicher Hassverbrechen und zum Schutz christlicher Gemeinschaften. Schon die Tatsache, dass eine solche Richtlinie heute notwendig erscheint, sollte zu denken geben.
Neben grundsätzlichen Fragen zur besseren methodischen Erfassung solcher Straftaten wurden im Rahmen der Konferenz konkrete Fallbeispiele aus Westeuropa diskutiert. Und von solchen gibt es mehr, als manche annehmen würden. Die Vorfälle reichen von einem Tränengasangriff auf einen Gottesdienst in Frankreich über die jihadistisch-motivierte Ermordung eines christlichen Flüchtlings in Lyon bis zu den wiederholten Angriffen auf einen ägyptischen Christen in Wien, der arabische Bibeln verteilte. In Spanien wurde eine Christin angegriffen, nachdem der Täter ihre religiöse Zugehörigkeit erkannt hatte. In Polen ergab eine aktuelle Studie, dass viele solcher Fälle allerdings nicht den Behörden gemeldet werden. In einer Befragung gab etwa die Hälfte der katholischen Priester an, innerhalb eines Jahres verbale oder körperliche Aggressionen erlebt zu haben – die große Mehrheit von ihnen meldeten die Vorfälle jedoch nicht der Polizei.
2025: Mehr als 90 Brandanschläge auf Kirchen in Europa
Bei der Mehrzahl christenfeindlicher Straftaten handelt es sich jedoch um Angriffe auf religiöse Stätten. Laut den Zahlen der OSZE sind christliche Religionsstätten in Europa davon besonders häufig betroffen. Allein im vergangenen Jahr dokumentierte unsere Organisation mehr als 90 Brandanschläge auf Kirchen und christliche Einrichtungen. In Deutschland warnte die katholische Bischofskonferenz, die kaum dafür bekannt ist, bei diesem Thema zu übertreiben, angesichts von verbrannten Bibeln, enthaupteten Statuen und Schändungen von Kirchen davor, dass beim Kirchenvandalismus mittlerweile „alle Tabus gefallen“ seien.
Hinzu kommen Entwicklungen, die weniger sichtbar sind als Vandalismus oder Brandstiftung. Aus mehreren europäischen Ländern häufen sich Berichte über christliche Schülerinnen und Schüler, die in mehrheitlich muslimischen Klassengemeinschaften aufgrund ihres Glaubens gemobbt oder eingeschüchtert werden. Konvertiten aus dem Islam berichten regelmäßig von Bedrohungen. Gleichzeitig beobachten viele Kirchen eine zunehmende Selbstzensur unter Gläubigen, die religiöse Überzeugungen lieber für sich behalten, um Konflikte zu vermeiden.
Übergriffe gegen Christen werdemn ausgeblendet oder relativiert
Dass diese Entwicklungen nicht nur innerhalb der Kirchen wahrgenommen werden, zeigen aktuelle Umfragen. In einer aktuellen repräsentativen Erhebung in Deutschland gaben knapp die Hälfte der unter 30-Jährigen an, dass feindselige Einstellungen gegenüber Christen in Deutschland weit verbreitet seien.
Bemerkenswert ist dabei, dass das Problembewusstsein unter Sicherheitsbehörden häufig deutlich weiter entwickelt ist als in Teilen der politischen Debatte. Die neue OSZE-Richtlinie stellt unmissverständlich fest, dass christenfeindliche Hassverbrechen eine reale Herausforderung darstellen und die Sicherheit christlicher Gemeinschaften beeinträchtigen können. Dennoch scheint diese Erkenntnis auf politischer Ebene bei Weitem nicht überall angekommen zu sein.
Ein Grund dafür sind ideologische Scheuklappen. Im politischen Umfeld hält sich teilweise bis heute die Vorstellung, dass Hassverbrechen oder Diskriminierung nur Minderheiten treffen können. Gerade in Teilen des linken politischen Spektrums führt die Einteilung gesellschaftlicher Gruppen in vermeintliche Täter- und Opferkollektive bisweilen dazu, dass Übergriffe gegen Christen ausgeblendet oder relativiert werden. Das zeigt sich beispielsweise in Spanien, wo christenfeindliche Straftaten bis heute nicht gesondert ausgewertet werden, obwohl dies für antisemitische und antimuslimische Straftaten selbstverständlich geschieht. Stattdessen werden sie unter der Kategorie „andere religiös motivierten Delikten“ erfasst – und das obwohl diese regelmäßig die höchsten Fallzahlen aufweist.
EU muss auch Struktur gegen Christenhass schaffen
Noch bemerkenswerter ist die Situation auf EU-Ebene. Während Brüssel erhebliche Ressourcen für die Bekämpfung antisemitischer und antimuslimischer Hasskriminalität bereitstellt – und das völlig zu Recht –, wird christenfeindliche Gewalt in den Berichten der EU-Grundrechteagentur ausgeblendet. Und die Kommission, die seit Jahren über Koordinatorinnen für Antisemitismus und antimuslimischen Hass verfügt, hat bis heute trotz zahlreicher Forderungen keine vergleichbare Struktur für christenfeindliche Übergriffe geschaffen.
Die Debatte leidet allerdings auch unter ideologischen Reflexen auf der politischen rechten Seite, wo christenfeindliche Gewalt gelegentlich überzeichnet oder vorschnell ausschließlich islamistischen Motiven zugeschrieben wird. Die Daten geben ein deutlich komplexeres Bild her. Hinter den Taten stehen unterschiedliche Motive – von religiösem Extremismus über politische Radikalisierung bis hin zu antireligiösen und antikirchlichen Einstellungen. Wer ernsthaft Lösungen finden will, braucht Fakten statt ideologischer Reflexe.
Genau deshalb ist die Arbeit von Polizei, Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Dokumentationsstellen so wichtig. Verlässliche Daten helfen dabei, ein sensibles Thema zu entpolitisieren und auf einer sachlichen Grundlage zu diskutieren. Die erste Empfehlung der neuen OSZE-Richtlinie and die Regierungen ist bemerkenswert schlicht: Das Problem anzuerkennen.
Das wäre auch für die Europäische Union ein guter Anfang. Denn Religionsfreiheit bedeutet nicht, einzelne Gruppen gegeneinander auszuspielen. Sie bedeutet, jeden Menschen vor Hass und Gewalt aufgrund seines Glaubens zu schützen. Wer christenfeindliche Übergriffe ignoriert, verteidigt nicht die Gleichheit. Er untergräbt sie.
Anja Tang ist Expertin für Menschenrechte mit Schwerpunkt Religionsfreiheit. Für die Beobachtungsstelle OIDAC Europe, die sie seit Oktober 2023 leitet, arbeitet Tang mit internationalen Organisationen zusammen und veröffentlicht regelmäßig Berichte und Medienbeiträge zur Religionsfreiheit von Christen in Europa.