Nach der Vergewaltigung und Ermordung der elfjährigen Lyhanna in Frankreich fordern Tausende bei Demonstrationen ein Gesetz für Prävention, Strafverfolgung und Hilfe für von sexueller Gewalt betroffene Kinder.
In ganz Frankreich sind am Wochenende Tausende Menschen auf die Straße gegangen und haben ein entschlossenes Handeln der Regierung gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder gefordert. Auslöser der Proteste ist die Vergewaltigung und Ermordung der elfjährigen Lyhanna. Der Fall hat landesweit für Empörung gesorgt..
Das Mädchen mit dem Namen Lyhanna war am 29. Mai 2026 in der südwestfranzösischen Kleinstadt Fleurance verschwunden. Fast eine Woche später fanden Ermittler ihre Leiche in einem ungenutzten Silo.
Der Zorn wuchs, nachdem bekannt wurde, dass der Hauptverdächtige, der 41-jährige Vater einer Schulfreundin von Lyhanna, bereits zweimal zuvor wegen des Verdachts der Vergewaltigung eines Kindes angezeigt worden war. Die Ermittlungen hatten jedoch zu keiner Befragung des Verdächtigen geführt.
Viele sehen die Tragödie als Versagen eines Systems, das Lyhanna und viele andere Betroffene hätte schützen können, es aber nicht tat.
Feministische Gruppen und Kinderschutzverbände drängen auf die Anerkennung des "systemischen Charakters" sexualisierter Gewalt. Sie fordern ein "umfassendes Gesetz“ dagegen, statt einzelner Maßnahmen und Gesetze, die jeweils erst unter dem Druck neuer Fälle entstehen.
"Wir dürfen uns mit einem Justizsystem nicht abfinden, das chronisch unterfinanziert ist und Täter eher schützt als Opfer. Wenn 94 % der Anzeigen wegen Vergewaltigung im Sand verlaufen, bleiben viele Täter trotz Meldung an die Justiz ohne Konsequenzen“, sagt Anne-Cécile Mailfert, die Präsidentin einer Stiftung für Frauen, vor Beginn der Demonstration in Paris. Der Protestzug setzte sich kurz nach 15 Uhr von der Place de la Bastille in Richtung Place de la Nation in Bewegung.
Nach dem Fall Lyhanna zeigte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron besorgt um das Vertrauen in die Institutionen des Landes. "Es hat offensichtliche Fehlfunktionen gegeben. Wir müssen nun verstehen, was auf individuelle Verantwortung zurückgeht und was auf systemische Versäumnisse in den beteiligten öffentlichen Diensten“, sagte Macron.
Frankreichs Justizminister Gérald Darmanin entschuldigte sich für das, was er als "riesiges Versagen“ im Fall Lyhanna bezeichnete. Er wies die Staatsanwaltschaften an, bis zum 14. Juli rund 70 000 offene Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern zu überprüfen.
Darmanin stellte den Plan am 8. Juni vor. "Keine einzige ranghohe Richterin, kein einziger ranghoher Richter wird in Urlaub gehen, ebenso wenig ich selbst, bevor ich mich mit allen Generalstaatsanwältinnen und Generalstaatsanwälten getroffen habe“, erklärte er. Ziel sei ein Lagebild der Situation in der Justiz.
Die Überlastung der Justiz in Frankreich
Beobachter stellen die Umsetzbarkeit dieses ambitionierten Vorhabens infrage. Die französische Justiz gilt als besonders langsam und verfügt laut Daten des Europarats über eine der niedrigsten Zahlen an Berufsrichterinnen und Berufsrichtern in Europa.
Die Organisatorinnen und Organisatoren der Proteste wollen die durch den Fall Lyhanna ausgelösten Emotionen nutzen, um ein "360-Grad-Gesetz“ durchzusetzen. Es soll Prävention, strafrechtliche Verfolgung und Unterstützung für Opfer – besonders für die am stärksten Schutzbedürftigen – umfassend regeln. Ein solches Gesetz fordern sie seit Ende 2024.
Proteste gab es in rund 80 Städten, darunter in Agen, Dijon und Toulouse.