Der Chef des Ifo-Instituts Clemens Fuest schlägt vor, die ermäßigte Mehrwertsteuer in Deutschland abzuschaffen. Er will Mehreinnahmen für den Staat und das System vereinfachen. Doch wie machen es andere Staaten?
Top-Ökonom Clemens Fuest vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München (kurz: Ifo-Institut) fordert, die ermäßigte Mehrwertsteuer von sieben Prozent in Deutschland abzuschaffen und auf alles den "normalen" Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent zu erheben. Dadurch könnte der Staat mehr Geld einnehmen und das derzeit sehr komplizierte Steuersystem würde vereinfacht.
Der Ifo-Chef sagt selbst, dass durch seinen Vorschlag alles teurer würde, aber Haushalte mit niedrigerem Einkommen sollten von der Regierung 360 Euro pro Jahr als Entlastung bekommen. Clemens Fuest erklärt im Interview mit Bild: "Belastet würde vor allem die Hälfte der Bevölkerung mit den höheren Einkommen, also mit Bruttoeinkommen über circa 55.000 Euro."
Wo gilt die reduzierte Mehrwertsteuer von 7 Prozent?
Die Mehrwertsteuer (MwSt) heißt eigentlich Umsatzsteuer (USt) und beträgt derzeit in Deutschland 19 Prozent. Sie wird immer dann fällig, wenn eine Dienstleistung erbracht oder eine Ware verkauft wird.
Um Verbraucherinnen und Verbraucher zu entlasten, gibt es seit 1983 eine ermäßigte Mehrwertsteuer von 7 Prozent beispielsweise auf Grundnahrungsmittel und Bücher.
Ökonom Clemens Fuest geht allerdings davon aus, dass die Unternehmen die höhere Steuer nicht gleich in vollem Umfang auf die Preise anrechnen würden.
Theoretisch würden nach Berechungen des Magazin Focus ein halbes Kilo Hackfleisch um 56 Cent, ein Kilo Äpfel um 36 Cent und ein Liter Milch um 12 Prozent teurer.
Auf dem Kassenzettel können Sie nachlesen, wie viel Steuer sie auf die einzelnen Produkte bezahlt haben. So gilt nicht nur für Brot, sondern auch für Schokolade die günstigere MwST von 7 Prozent, während auch Getränke ohne Zucker mit 19 Prozent besteuert werden.
Mit der ermäßigten MwST sollte der Gastronomie geholfen werden. Seit dem 1. Januar 2026 gilt für Restaurants in Deutschland deshalb dauerhaft der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent, allerdings unterliegen Getränke weiterhin dem regulären Steuersatz von 19 Prozent.
Und es gibt einige Ungereimtheiten. Bei To go oder bei Lieferung werden Milch und Milchmischgetränke mit mindestens 75 Prozent Milchanteil begünstigt und können mit 7 Prozent besteuert werden.
Die niedrigere Mehrwertsteuer gilt auch für einige lebende Tiere wie Bienen, Hausschweine, Hausrinder, Gänse, Hühner und Blindenhunde.
Ein anderer Trend in Europa?
Da die Inflation vor allem wegen steigender Energiekosten zuletzt wieder gestiegen war, zeichnet sich in Europa eher ein anderer Trend ab, als der Weg, den Clemens Fuest vorschlägt. Zwar gibt es in Dänemark, einem Land, das der Ifo-Chef für ein Vorbild hält, eine Umsatzsteuer von 25 Prozent auf fast alles, doch beispielsweise in Schweden gelten geringere Steuersätze für Lebensmittel und andere Waren.
Die Regierung in Wien hat "zur Stärkung des wirtschaftlichen Aufschwungs" zum 1. Juli 2026 die Mehrwertsteuer auf Milch, Butter, Joghurt, Eier, frisches Obst, frisches Gemüse, Reis, Mehl, Nudeln, Brot, Gebäck und Speisesalz auf 4,9 Prozent gesenkt.
Finanz-Staatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl erklärt: "Mit der Senkung der Mehrwertsteuer auf ausgewählte Lebensmittel setzen wir einen weiteren Schritt zur Entlastung der Österreicherinnen und Österreicher. Für einen durchschnittlichen Haushalt bedeutet das rund 100 Euro Steuerersparnis im Jahr – durch einen Warenkorb, der bewusst auf Grundnahrungsmittel mit einem klaren Fokus auf heimischen Lebensmitteln ausgerichtet ist."
In Österreich liegt die Umsatzsteuer grundsätzlich bei 20 Prozent. Auf Lebensmittel, Medikamente, Bücher, Zeitschriften, Mieten, ÖPNV und Wasser werden aber nur 10 Prozent erhoben.
In der Schweiz beträgt die Mehrwertsteuer 8,1 Prozent, doch um den Tourismus zu fördern, gilt für die Beherbergung ein niedrigerer Satz von 3,8 Prozent. Eine reduzierte Mehrwertsteuer von nur 2,6 Prozent betrifft Lebensmittel, Vieh, Futtermittel, Getreide, Bücher und Zeitschriften und einiges mehr.
Schon in den ersten Tagen seiner Amtszeit hat der neue britische Premierminister Senkungen der Mehrwertsteuer angekündigt. Ein erklärtes Ziel des Labour-Politikers Andy Burnham ist es, die Lebenshaltungskosten für die Menschen in Großbritannien zu senken.
In Griechenland hat die Regierung des konservativen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis in Zusammenarbeit mit dem Verband der Supermärkte die Preise für 2.000 Produkte gesenkt. Als Grund für diesen Schritt nennen die Verantwortlichen "die Inflationskrise, die Energiekrise und die Auswirkungen des Klimawandels auf die Nahrungsmittelversorgung, die auf internationaler Ebene entstehen".