Das von Russland angegriffene Land hat aus dem Nichts eine breite Drohnenindustrie aufgebaut, die Präsident Wolodymyr Selenskyj als die beste der Welt preist. Westliche Verbündete können sich von der Ukraine etwas abschauen.
In seiner Garagenwerkstatt steht der ukrainische Ingenieur Eduard Trotsenko zwischen Robotern, Waffen und Computern. Er sprüht geradezu vor Begeisterung und präsentiert seine neuesten Prototypen. Dabei erzählt er von seinen Visionen für die Zukunft, die aus einem Science-Fiction-Film stammen könnten.
Ganz oben auf seiner Ideenliste stehen "mechanische Vögel", die auf Hochspannungsleitungen landen und sich dort selbst aufladen, sowie "Roboterhunde", die man in den Kampf schicken kann.
Tatsächlich prägen autonome Waffen inzwischen den Verteidigungskrieg gegen Russland. Aufklärungs- und Sprengstoffdrohnen kreisen an der Front über den Stellungen. Unter der Erde unterstützen Roboter die Logistik.
Vor allem hat die Ukraine eine breit aufgestellte Drohnenindustrie aus dem Nichts aufgebaut, die Präsident Wolodymyr Selenskyj als die beste der Welt preist.
Doch die Entlassung des populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow im vergangenen Monat, eines der entschlossensten Befürworter von Drohnen, hat Fragen zur Zukunft der Branche ausgelöst.
"Ich verstehe nicht, warum sie Fedorow entlassen haben", sagt Trotsenko, Gründer und Geschäftsführer des Roboterherstellers Temerland.
Trotz seines Abgangs sehen Branchenvertreter und Armeeangehörige, mit denen die Nachrichtenagentur AFP gesprochen hat, keinen Weg zurück.
"Die jungen Leute dort werden das nicht aufgeben. Drohnen wird es auf jeden Fall geben", sagt Trotsenko.
Militärische Roboter statt Ladestationen für PKW
Als Russland im Jahr 2022 die umfassende Invasion der Ukraine begann, stellte der damals 25-jährige Trotsenko seine Produktion um: Statt Ladestationen für Autos entwickelte er nun militärische Roboter.
Seine Spezialität sind Bodendrohnen – autonome Fahrzeuge, die durch den "Todesstreifen" kriechen, einen kilometerbreiten Abschnitt, über dem russische und ukrainische Drohnen lauern und für die Menschen am Boden ständig zur Gefahr werden.
Derzeit holen sie vor allem verwundete Soldaten aus der Kampfzone oder transportieren Nachschub. So müssen weniger Soldaten in den Todesstreifen geschickt werden.
Trotsenko arbeitet aber bereits an Kampfprototypen: einer mit einem RPG-Raketenwerfer, ein anderer mit einem schweren Maschinengewehr, gesteuert von bordeigener künstlicher Intelligenz.
"Sie werden derzeit in einigen Brigaden getestet", sagt Trotsenko, der auf grünes Licht des Generalstabs für eine breitere Einführung wartet.
Fedorow trieb den technologischen Wandel in der ukrainischen Armee maßgeblich voran. Er gründete das Defence AI Center A1, ein Zentrum, das künstliche Intelligenz in die Streitkräfte einbindet und mithilfe von Rückmeldungen direkt von der Front neue Technologien schneller in den Einsatz bringt.
Außerdem setzte Fedorow darauf, private Unternehmen in das Militärsystem einzubinden und Wettbewerb zum Motor der Innovation in der Armee zu machen.
"In einem privaten Unternehmen kann man Risiken viel schneller eingehen", erklärt Trotsenko. Kleine Firmen würden so dazu motiviert, ihre Produkte rasch anzupassen und weiterzuentwickeln, um Aufträge zu erhalten.
Mangel an Personal: Bericht von der Front
Hunderte Kilometer entfernt ist ein fünfundvierzigjähriger Kommandeur, Funkname "Jason", gerade von einem Einsatz zurückgekehrt. Er leitet eine Einheit, die mit jenen Bodendrohnen arbeitet, die Trotsenko in seiner Garage entwickelt.
"Eine Drohne kann man verlieren, einen Menschen nicht. So sinkt dort die Wahrscheinlichkeit von Verlusten", sagte er AFP. Genau dieses Prinzip – Drohnen zum Schutz von Leben – hatte Fedorow im Verteidigungsministerium propagiert.
Nach seiner Entlassung setzten Proteste den sowjetisch geprägten Oberbefehlshaber Oleksandr Syrsky unter Druck, der mit Fedorows Reformkurs aneinandergeraten war. Kritiker warfen Syrsky vor, Drohnen zu wenig zu nutzen und zu sorglos mit dem Leben der Soldaten umzugehen.
Ob Fedorows Abgang die Drohnenentwicklung der Ukraine bremsen könnte, lässt Jason kalt. "So einfach ist das nicht … Die technologische Initiative kam nicht von oben. Das war kein Regierungsbefehl", sagt er. Nach der Invasion Russlands habe es "eine Explosion an Eigeninitiative von unten" gegeben.
Junge Ingenieure entwickelten neue Produkte, stellten sie der Armee vor, die sich geeignete Systeme aussuchte und darauf ihre eigene Entwicklung aufbaute, erzählt er.
Heute arbeiten Programmierer, Telekommunikationsexperten und Ingenieure fest eingebunden in den Streitkräften. Jason sagt, "der Mangel an professionell ausgebildeten Leuten" sei seine größte Herausforderung.
Zurück in Trotsenkos Werkstatt arbeiten seine Ingenieure bereits daran, die technologischen und geografischen Grenzen des Krieges neu zu ziehen.
Auf einem Whiteboard skizziert er seine Zukunftsvision: Kriege, in denen humanoide Roboter kämpfen, gesteuert von Bedienern in einem anderen Land oder von verwundeten Soldaten, die in Krankenhausbetten liegen.
"Das Ganze hat richtig Fahrt aufgenommen", so der ukrainische Ingenieur.