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Warum werden neue Autos nur mit Blick auf männliche Körper entworfen und getestet?

Die Test-Dummys basieren auf dem "durchschnittlichen" Mann der 1970er Jahre.
Die Test-Dummys basieren auf dem "durchschnittlichen" Mann der 1970er Jahre. Copyright Canva
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Von Geraldine Herbert
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Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Frontalaufprall schwer verletzt zu werden oder zu sterben, ist bei Frauen deutlich höher als bei Männern. Liegt das an der Art und Weise, wie wir die Sicherheit von Autos testen?

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Dank moderner Crashtests und Forschung erwarten wir von unseren Autos, dass sie uns schützen, sei es auf Familienausflügen oder beim täglichen Pendeln.

Seit Jahrzehnten werden Crashtest-Dummys von Wissenschaftlern und Ingenieuren eingesetzt, um die vielfältigen Auswirkungen von Kollisionen auf die Fahrzeuginsassen zu verstehen.

Sie werden in Autositze geschnallt und mit hoher Geschwindigkeit bewegt, um die Wirkung und den Einfluss realer Crashsituationen zu messen und mögliche Verletzungen aufzuzeigen.

Für Autokäufer sind diese Tests von unschätzbarem Wert, denn das Europäische Programm zur Bewertung von Neuwagen (EuroNCAP) vergibt für alle Neuwagen Sicherheitsratings, die Auskunft darüber geben, wie sicher ein Auto für Fahrer und Insassen ist.

Aber gelten diese Bewertungen für alle Fahrzeuginsassen gleichermaßen? Offenbar nicht.

Der am häufigsten verwendete Crashtest-Dummy hat die gleichen Abmessungen und das gleiche Gewicht wie ein durchschnittlicher erwachsener Mann aus den 1970er Jahren. Warum soll das wichtig sein? Die Struktur von männlichen und weiblichen Körpern ist doch sicherlich ähnlich genug, dass sie das Ergebnis von Sicherheitstests nicht beeinflusst?

Frauen sind aber keine “verkleinerten Männer”, und sie haben andere körperliche Merkmale in Bezug auf Größe, Gewicht, Knochendichte und Muskelmasse. Da Autos für Modelle konstruiert und getestet werden, die den "Durchschnittsmann" repräsentieren, lassen die Ergebnisse dieser Tests keine genauen Rückschlüsse auf die Sicherheitsrisiken für weibliche Insassen bei einem Unfall zu.

Untersuchungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einem Frontalaufprall schwer verletzt zu werden oder zu sterben, bei Frauen um 73 Prozent höher ist als bei Männern und die Wahrscheinlichkeit eines Schleudertraumas dreimal so hoch ist.

Die Sitzposition kann das Verletzungsrisiko erhöhen. Da Frauen tendenziell kleiner sind, sitzen sie in der Regel näher am Lenkrad, was sie anfälliger für Verletzungen des Unterkörpers, der Beine, der Wirbelsäule und des Unterleibs macht.

Obwohl Frauen bei tödlichen Unfällen im Durchschnitt häufiger angeschnallt sind als Männer, einen niedrigeren durchschnittlichen Body-Mass-Index haben und neuere Autos fahren, sind Frauen bei Fahrzeugkollisionen eindeutig einem höheren Risiko ausgesetzt als Männer.

Die Sicherheitsbewertungen des EuroNCAP werden anhand einer Reihe von Fahrzeugtests ermittelt, die so konzipiert sind, dass sie wichtige reale Kollisionsszenarien darstellen, die zu verletzten oder getöteten Fahrzeuginsassen oder anderen Verkehrsteilnehmern führen können.

Männlicher Dummy aus den 1970er Jahren

Zur Darstellung von Fahrern werden verschiedene Crashtest-Dummys verwendet, die alle auf der Größe und Statur eines durchschnittlichen erwachsenen Mannes basieren, mit Ausnahme des Hybrid III-Dummys, der einen kleinen weiblichen erwachsenen Insassen darstellt.

Dieser Dummy, der erst seit 2015 verwendet wird, ist jedoch im Wesentlichen bloß eine modifizierte Version des männlichen Dummys, der bereits seit den 1970er Jahren im Einsatz ist.

Er entspricht nicht der weiblichen Geometrie, wie z. B. der Form und Gestalt des Rumpfes, der Muskelkraft, der Ausrichtung der Wirbelsäule oder der Massenverteilung der verschiedenen Körperteile. Er spiegelt daher viele der physiologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht wider, die möglicherweise die Auswirkungen bestimmter Crash-Szenarien auf Frauen beeinflussen.

Die vom EuroNCAP durchgeführten Crashtests liefern den Verbrauchern nicht nur unabhängige Informationen über die Sicherheit eines Fahrzeugs, sondern die Ergebnisse beeinflussen auch das Design der Fahrzeughersteller.

Es gibt als derzeit kein aktualisiertes Abbild einer durchschnittlichen Frau, das bei Sicherheitstests für Autos verwendet wird, und damit wird Frauen der erhöhte Schutz vorenthalten, der durch Änderungen an der Gesamtkonstruktion eines Fahrzeugs erreicht werden könnte.

Und es sind nicht nur Frauen, die zu kurz kommen.

Ältere und fettleibige Fahrer haben eine hohe Sterblichkeitsrate pro gefahrenen Fahrzeugkilometer, und Untersuchungen haben gezeigt, dass ältere Frauen und fettleibige Männer bei gleich schweren Unfällen mehr Verletzungen erleiden als "normale" Männer.

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Änderungen sind in Sicht

Aber die Dinge ändern sich. Die schwedische Ingenieurin Astrid Linder und ihr Team am schwedischen Nationalen Institut für Straßen- und Verkehrsforschung (VTI) arbeiten daran, diese Ungleichheit zu beseitigen, indem sie den ersten Prototyp eines Crashtest-Dummys entwickeln, der einer durchschnittlich großen Frau nachempfunden ist.

Ihr Dummy ist 162 cm groß und wiegt etwa 62 kg und spiegelt die geometrischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen wider, darunter eine geringere Steifigkeit zwischen den Gelenken und weniger Muskeln.

Ohne Modelle, die den weiblichen Teil der Bevölkerung repräsentieren, können die Automobilhersteller nicht die gesamte Bevölkerung schützen, da die Ingenieure derzeit einfach nicht über genügend Daten verfügen, um die optimale Sicherheit in Fahrzeugen zu entwickeln.

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