Die sogenannte translunare Zündung erfolgte 25 Stunden nach dem Start und brachte die drei Amerikaner und einen Kanadier auf Kurs für einen Mondumflug Anfang nächster Woche.
Die vier Astronauten der NASA-Mission Artemis II haben offiziell ihre Reise zum Mond begonnen, nachdem sie nach dem historischen Start am Donnerstag zunächst einen Tag in der Erdumlaufbahn verbracht haben.
Die Astronauten – die Amerikaner Reid Wiseman, Victor Glover und Christina Koch sowie der Kanadier Jeremy Hansen – befinden sich nun auf einer sogenannten "Free-Return"-Bahn. Dabei nutzen sie die Schwerkraft des Mondes, um ihn zu umrunden und anschließend ohne zusätzlichen Antrieb zur Erde zurückzukehren.
"Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass erstmals seit 1972 – seit Apollo 17 – wieder Menschen die Erdumlaufbahn verlassen haben", sagte Lori Glaze von der NASA auf einer Pressekonferenz.
"Von diesem Zeitpunkt an werden die Gesetze der Orbitalmechanik unsere Besatzung zum Mond, um die andere Seite herum und zurück zur Erde tragen", so Glaze weiter.
In den Momenten nach dem von der US-Raumfahrtbehörde als "fehlerfrei" bezeichneten Start, der knapp sechs Minuten dauerte, sagte Astronaut Jeremy Hansen, die Menschheit habe "wieder einmal gezeigt, wozu sie fähig ist".
Die Astronauten tragen Anzüge, die zugleich als "Überlebenssysteme" dienen. Im unwahrscheinlichen Fall eines Druckabfalls in der Kabine oder eines Lecks sichern sie bis zu sechs Tage lang Sauerstoffversorgung, Temperaturkontrolle und den notwendigen Druck.
"Phänomenale" Aussicht
Die Astronauten berichteten, sie hätten "am Fenster geklebt", als sie die Erde hinter sich ließen, um die "phänomenale" Aussicht zu genießen. Ihre Gesichter seien dabei so fest gegen die Scheiben gedrückt gewesen, dass sie diese anschließend hätten abwischen müssen.
Zugleich schilderte die Crew, dass es im Raumschiff etwas kühl sei und sich die Situation noch ungewohnt anfühle – dennoch überwog die Begeisterung.
"Es gibt nichts, was dich auf den atemberaubenden Anblick deines Heimatplaneten vorbereitet – der sowohl taghell erleuchtet ist als auch nachts im Licht des Sonnenuntergangs vom Mond aus schimmert", sagte Christina Koch.
Glover, Koch und Hansen haben bereits Geschichte geschrieben – als erster Schwarzer Astronaut, erste Frau und erster Nicht-US-Bürger auf einer Mondmission.
"Glauben Sie uns: Sie sehen fantastisch aus. Sie sehen wunderschön aus", sagte Victor Glover in einem Fernsehinterview, nachdem er die Erde von Pol zu Pol betrachtet hatte. "Und von hier oben wirkt ihr wie eines: Homo sapiens. Denn egal, woher ihr kommt oder wie ihr ausseht – wir sind ein Volk."
Zur Einstimmung auf das Hauptereignis des Tages weckte die Missionskontrolle die Crew mit "Green Light" von John Legend und André 3000 sowie einem Medley von NASA-Teams, die die Astronauten anfeuerten.
"Wir sind bereit, loszulegen", sagte Glover.
Kleinere Probleme
Die NASA ließ die Artemis-II-Besatzung zunächst einen Tag in Erdnähe bleiben, um die Lebenserhaltungssysteme der Kapsel zu testen, bevor sie die Freigabe für den Flug zum Mond erhielt.
Die Crew verbrachte die ersten Stunden im All damit, kleinere Probleme an dem Raumfahrzeug zu überprüfen und zu beheben, das zuvor noch nie Menschen transportiert hatte. Dazu gehörten ein Kommunikationsproblem und eine defekte Toilette.
Auf Nachfrage erklärte Christina Koch mit einem Augenzwinkern, sie sei "stolz darauf, sich als Weltraumklempnerin zu bezeichnen".
"Ich sage gerne, dass dies wahrscheinlich das wichtigste Gerät an Bord ist", sagte sie. "Wir haben alle aufgeatmet, als sich herausstellte, dass alles in Ordnung ist."
Jeder Astronaut wird täglich rund 30 Minuten für körperliches Training einplanen, um dem Muskel- und Knochenabbau in der Schwerelosigkeit entgegenzuwirken.
Wenn alles planmäßig verläuft, könnten die Astronauten auch einen Rekord aufstellen und sich weiter von der Erde entfernen als je ein Mensch zuvor.
"Daran ist nichts normal" sagte Reid Wiseman. "Vier Menschen 250.000 Meilen weit von der Erde zu schicken, ist eine Herkulesaufgabe, deren Tragweite wir gerade erst begreifen."
Die Mission Artemis II ist Teil eines langfristigen Programms zur Rückkehr zum Mond. Ziel ist es, dort dauerhaft präsent zu sein und eine Basis zu errichten, die als Ausgangspunkt für weitere Erkundungen dienen soll.
Die rund zehntägige Mission gilt als wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer bemannten Mondlandung, die derzeit für 2028 geplant ist.
Die neue Phase amerikanischer Mondprogramme wird häufig auch im Kontext geopolitischer Konkurrenz gesehen: China verfolgt das Ziel, bis spätestens 2030 eigene Astronauten auf dem Mond landen zu lassen.