Baltische Staaten stehen unter Druck, ihre Luftverteidigung auszubauen. Doch Experten sagen, ganz Europa fehlen Ausrüstung und Fachkräfte.
Jüngste Drohnenvorstöße an der Ostflanke der NATO verstärken in den baltischen Staaten den Druck, ihre Luftverteidigung auszubauen.
Militärexperten warnen jedoch, dass in ganz Europa Ausrüstung und Fachkräfte fehlen. Das könnte die Schließung entscheidender Lücken bei Drohnenerkennung und -abwehr bremsen.
„Die industrielle Kapazität ist der wichtigste Engpass“, sagte Tomas Jermalavičius, Leiter der Studienabteilung am International Centre for Defence and Security (ICDS) in Estland, gegenüber Euronews Next.
In Europa investieren viele Staaten derzeit massiv in Luft- und Raketenabwehr. Sie konkurrieren dabei um dieselben Radarsysteme, Fähigkeiten in der elektronischen Kriegsführung und Anti-Drohnen-Technologien, die nur wenige Anbieter liefern.
Die Folge sind wachsende Beschaffungsstaus, steigende Kosten und Lieferzeiten, die sich über Jahre hinziehen können, so Jermalavičius.
Kein Land kann ständig hundertprozentigen Schutz bieten
Um gegen eine Drohne vorzugehen, braucht das Militär Ortungssensoren, Wirkmittel zum Abschuss der Drohne und eine übergeordnete Architektur. Diese soll den Bedienern ein umfassendes Lagebild liefern, indem sie etwa Kamerabilder sowie Radar- und Akustikdaten auf mehreren Bildschirmen zusammenführt.
„Fehlt einer dieser Bausteine oder gibt es dort eine Lücke, wird die Abwehr deutlich schwieriger“, sagte Federico Borsari, Verteidigungsanalyst beim Centre for European Policy Analysis (CEPA), Euronews Next.
Für die baltischen Staaten sei der erste Engpass nach wie vor die Entdeckung der Drohnen, erklärte er.
Drohnen erscheinen auf den derzeitigen europäischen Mittel- und Langstreckenradaren anders als andere Ziele wie Flugzeuge oder Marschflugkörper. Sie bestehen aus Materialien, die sie schwerer erkennbar machen, so Jermalavičius.
„Sie fliegen niedrig, sie fliegen langsam“, sagte er. „Drohnen lassen sich oft mit großen Vögeln oder einem Vogelschwarm verwechseln.“
Streitkräfte schicken mitunter Kampfflugzeuge in die Luft, um eine bessere Luftlage zu bekommen und entscheiden zu können, ob sie schießen sollen. Das ist jedoch extrem teuer, so Borsari.
Vorrangig sollten die baltischen Staaten nach Ansicht von Jermalavičius stärker in kurz- und sehr kurzreichende Radare investieren, um Drohnen gezielter verfolgen zu können.
„Bei kürzerer Reichweite liefert das Radar ein präziseres Bild. So lassen sich Ziele leichter identifizieren“, sagte er. Langstreckenradare verlieren dagegen manchmal die Spur von Drohnen, wenn diese in den Luftraum einfliegen.
Außerdem könnten die Staaten eine neue Generation von Kurzstreckenradaren in das bestehende System der Baltic Air Policing integrieren. Dieses umfasst bodengestützte Frühwarn- und Überwachungsradare, die in allen drei Ländern Flugzeuge, Drohnen und Raketen erfassen.
Allerdings gebe es Grenzen, wie viele Systeme sich gleichzeitig stationieren lassen. „Wir müssen sehr hart priorisieren, wo sie zum Einsatz kommen“, so Jermalavičius.
Trotzdem sind Kurzstreckenraketen keine perfekte Lösung für jede einzelne Drohnenverletzung des Luftraums, fügte er hinzu. Investiere eine Regierung nur in Kurzstreckenradar, riskiere sie Unterinvestitionen in andere Bereiche, etwa kostengünstigere Abfangwaffen gegen Drohnen.
„Kein Land kann zu jeder Zeit, an jedem Ort, für alle potenziellen Ziele gegen alle Arten von Bedrohungen eine lückenlose Abdeckung gewährleisten“, sagte Jermalavičius. „Es wird immer eine Drohne geben, die durchkommt – egal was man tut.“
Länder wie die baltischen Staaten und Polen an der Ostflanke der NATO wissen, dass sie diese Investitionen tätigen müssen. „Aber so etwas entsteht nicht über Nacht“, erklärte Borsari.
Die baltischen Staaten sollten neben kurzfristigen Radarinvestitionen auch neue Technologien abwägen, sagte Borsari. Dazu gehören Hochenergielaser, die vergleichsweise günstig sind und sich sehr effektiv gegen Drohnen einsetzen lassen.
Alle jagen derselben Ausrüstung nach
Auf dem Weg zu einem dichten Netz aus Kurzstreckenradaren entlang der baltischen Verteidigungslinie stehen jedoch zahlreiche Hürden, betonten beide Experten.
Jermalavičius sagte, die Produktion und Lieferung eines einzelnen Radarsystems könne bis zu 24 Monate dauern. Die Auslastung der Unternehmen bestimme daher maßgeblich, wann und ob die baltischen Staaten und der Rest Europas Kurzstreckenradare erhalten.
„Europa steht insgesamt vor massiven, chronischen Lücken in der Luftverteidigung“, so Jermalavičius. „Alle wollen dieselbe Ausrüstung, alle gehen zu denselben Anbietern, denselben Herstellern. Am Ende wird es ein sehr enges Rennen.“
Für die Drohnenerkennung braucht es zudem weitere Technik wie akustische Sensoren sowie elektrooptische und Infrarotsensoren. Auch diese fehlen in Europa, sagte Jermalavičius.
Eine weitere Hürde beim Aufbau der nötigen Technologie ist der Mangel an Fachwissen und Personal, betonen Jermalavičius und Borsari.
„Wir sind kleine Länder, unsere Arbeitsmärkte sind sehr umkämpft, und es handelt sich um hochtechnische Berufe. Die Verfügbarkeit qualifizierten Personals, das ausgebildet und in den Einsatz gebracht werden kann, ist daher ein weiterer großer begrenzender Faktor“, erklärte Jermalavičius.
Eine wirksame Reaktion auf Drohnen setzt zudem ein vernetztes System voraus, in dem eine Bedrohung in einem baltischen Land auch im anderen erkannt wird. Die baltischen Staaten verfügen mit Boltnet über ein „sehr gut integriertes“ Luftüberwachungssystem, das erkannte Bedrohungen zwischen den Ländern teilt, so Jermalavičius.
Erfasst und verfolgt ein estnisches Radar in Boltnet eine Bedrohung, teilen die estnischen Stellen die Informationen mit den lettischen und litauischen Luftüberwachungsdiensten. Auch das integrierte Luft- und Raketenabwehrsystem der NATO wird eingebunden, um eine gemeinsame Antwort zu koordinieren.
Allerdings müsse Boltnet auch „weitere Akteure“ am Boden stärker einbinden, betonte Jermalavičius. Dazu zählte er Baltic Air Policing oder die Territorialverteidigungskräfte, um besser auf erkannte Drohnen reagieren zu können.