YouTube zählt mit seinem neuen „Exposure-basierten Modell“ das erste Bild schon als View – in Shorts, Videos, Podcasts und Livestreams. So steigen die Abrufzahlen, die Creator verdienen aber nicht mehr.
YouTube lässt demnächst jedes Video auf der Plattform über Nacht deutlich populärer aussehen, und das kostet das Unternehmen keinen Cent.
Die Plattform stellt auf ein von ihr sogenanntes „exposure-basiertes Modell“ für Aufrufe um. Es gilt für alle Formate: Shorts, längere Videos, Podcasts und Livestreams.
Nach dem neuen System zählt schon der Moment, in dem der erste Frame abläuft, als Aufruf, sogar dann, wenn jemand nur mit der Maus über der Vorschau schwebt.
Die Quintessenz ist klar: Die große Zahl unter jedem Video wird demnächst steigen, vermutlich rasant. Und sie wird überall auf der Plattform nach der gleichen Logik entstehen.
Die Umstellung gilt für alle Videos, die ab dem 24. August hochgeladen werden. Sie zeigen von Beginn an die neue Zählung ab dem ersten Frame.
Bereits veröffentlichte Videos behalten ihre bisherigen Zahlen bis zu diesem Datum. Danach laufen neue Aufrufe nach den neuen Regeln in die Statistik.
YouTube verkauft den Schritt als Aufräumaktion. Mehr „Konsistenz“ auf der Plattform, keine Inhalte, die ungezählt durchrutschen, und weniger Verwirrung darüber, was ein Aufruf überhaupt bedeutet.
Es gibt jedoch ein praktisches Beispiel dafür, was diese „Konsistenz“ in der Praxis heißt.
YouTube hat dieses Experiment bereits durchgeführt, als das Unternehmen im März vergangenen Jahres bei Shorts auf die Zählung ab dem ersten Frame umstellte. Die Wirkung war sofort sichtbar: Die Aufrufzahlen bei Shorts stiegen nach eigenen Angaben um rund 70 Prozent. 17 Monate später zieht YouTube nun die gesamte Plattform nach.
Damit holt YouTube auch nur nach. Instagram und TikTok zählen Aufrufe seit Jahren auf diese Weise. Kreatorinnen und Kreatoren, die auf allen drei Plattformen posten, sahen ihre YouTube-Zahlen bislang im direkten Vergleich oft mager aus.
Auf dem Papier schließt YouTube diese Lücke nun, zumindest optisch.
Der Haken: Für die Kreatorinnen und Kreatoren bringt das keinen zusätzlichen Cent. YouTube ändert nicht, wie das Unternehmen Werbeerlöse berechnet. Stattdessen behält die Plattform eine eigene Kennzahl, nun als „engaged views“ bezeichnet. Gemeint sind Aufrufe, bei denen jemand mehrere Sekunden zuschaut, also nach dem bisherigen Standard. Genau diese Zahl bleibt Maßstab für die Ausschüttung.
Die aufgeblähten Überschriftenzahlen sind damit vor allem Show, während das Geld weiterhin nach der alten Methode fließt.
YouTube erklärt, der Schritt gehe auf Rückmeldungen aus der Community zurück. Die Vielzahl unterschiedlicher Aufrufmetriken habe es schwer gemacht, die tatsächliche Reichweite einzuschätzen.
Das klingt plausibel. Der Zeitpunkt passt allerdings auch gut zu den Interessen von YouTube.
Die meisten Kreatorinnen und Kreatoren verdienen ihr Geld nicht in erster Linie mit YouTube-Werbung. Nach Angaben der Marketingplattform IdeaEquity stammen bis zu 70 Prozent ihrer Einnahmen aus Markenkooperationen und Sponsoring. Dort dienen Aufrufzahlen als Verhandlungsmasse, nicht als direkte Einnahmequelle.
Genau hier setzt die Änderung an.
Größere Zahlen verschaffen Kreatorinnen und Kreatoren in Gesprächen mit Marken mehr Verhandlungsmacht. Diese zusätzliche Macht kostet YouTube jedoch nichts.
Die Plattform verteilt damit einen Popularitätsschub, der sie selbst nichts kostet, und die Rechnung für potenziell höhere Kreatorhonorare zahlen am Ende Werbetreibende und Marken.