Überlebende der Atombombe von Hiroshima zeigen sich frustriert und besorgt: Immer mehr Staaten, auch Japan, befürworten Atomwaffen als Abschreckung.
Hiroshima hat den 81. Jahrestag des US-Atombombenabwurfs auf die westjapanische Stadt begangen. Bürgermeister Kazumi Matsui kritisierte dabei die Großmächte für ihre Kriege und forderte sie auf, den Besitz von Atomwaffen nicht länger als Abschreckung zu rechtfertigen.
„Wer die Unmenschlichkeit von Atomwaffen herunterspielt und Gewalt akzeptiert, um den eigenen Wohlstand zu sichern, riskiert Spiralen gewaltsamer Vergeltung, die am Ende zu einem neuen Hiroshima oder Nagasaki führen könnten“, sagte Kazumi Matsui.
Zu viele Top-Politiker halten laut dem Bürgermeister von Hiroshima nukleare Abschreckung weiterhin für einen realistischen Ansatz und legitimieren Gewalt. Das „rückt eine Welt ohne Atomwaffen einfach weiter in die Ferne“, erklärte Matsui in seiner Friedensbotschaft bei der Zeremonie im Friedenspark der Millionenstadt.
Er rief zudem alle Bürgerinnen und Bürger auf, aus der Vergangenheit zu lernen und aktiv zu werden.
Rund 50.000 Menschen nahmen an der Zeremonie teil, darunter Vertreterinnen und Vertreter aus etwa 120 Staaten und Regionen, auch aus den USA und Iran.
Um 8.15 Uhr läutete eine Friedensglocke, die Teilnehmenden hielten eine Schweigeminute. Genau zu dieser Zeit hatte 1945 eine US-B-29 die Bombe über der Stadt abgeworfen.
Richtungswechsel beim Thema Atomwaffen in Japan?
Japans Ministerpräsidentin Sanae Takaichi nahm erstmals in ihrer Funktion als Regierungschefin an der Gedenkfeier teil. Sie kündigte an, „einen realistischen Ansatz“ zu verfolgen, um eine Welt zu erreichen, in der Atomwaffen niemals eingesetzt werden – im Rahmen des UN-Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen.
Die diesjährige Zeremonie fällt in eine Phase zunehmender Spekulationen.
Die als Hardlinerin geltende Sanae Takaichi, die sich für nukleare Abschreckung ausspricht, könnte Japans drei nichtnukleare Grundsätze aus der Nachkriegszeit lockern, wenn sie demnächst ihre neue Sicherheits- und Verteidigungskonzepte vorlegt.
Takaichi hat eine Überprüfung dieser Grundsätze ins Gespräch gebracht. Sie will analysieren lassen, ob der dritte Grundsatz – das Verbot, Atomwaffen in das Land zu bringen – entfallen könnte.
Die Regierungschefin betonte, Japan habe seine drei nichtnuklearen Nachkriegsgrundsätze bisher eingehalten. Eine klare Zusage, diese Politik auch künftig fortzuführen, vermied sie.
Überlebende äußern Frustration und Sorge darüber, dass in der internationalen Gemeinschaft – auch in Japan – die Zustimmung zum Besitz von Atomwaffen zur Abschreckung wächst.
Japan steht unter dem nuklearen Schutzschirm der USA und fordert von Washington immer wieder Zusicherungen für dessen Engagement und einen stärkeren Schutz.
Auch deshalb lehnt die japanische Regierung die Forderung der Überlebenden ab, den Vertrag über das Verbot von Kernwaffen zu unterzeichnen oder dessen Konferenzen zumindest als Beobachterin zu besuchen.
Ende des Zweiten Weltkriegs
Der Atombombenangriff auf Hiroshima am 6. August 1945 zerstörte die Stadt und tötete 140.000 Menschen. Drei Tage später traf eine zweite Bombe Nagasaki und forderte 70.000 weitere Todesopfer. Am 15. August kapitulierte Japan; damit endeten der Zweite Weltkrieg und fast ein halbes Jahrhundert japanischer Aggression in Asien.
Die Zahl der Überlebenden ist auf 91.105 gesunken, etwa ein Viertel der ursprünglichen Zahl. Ihr Durchschnittsalter liegt inzwischen über 86 Jahren. Viele von ihnen sorgen sich, dass die Erinnerung verblasst, weil die jüngsten Überlebenden damals zu jung waren, um sich wirklich an den Angriff zu erinnern.
„Der Schrecken von Atomwaffen ist nur eine der Lehren aus Hiroshima. Eine andere ist die Notwendigkeit, eine Welt zu schaffen, in der Drohung oder Einsatz dieser Waffen undenkbar werden“, erklärte UN-Generalsekretär António Guterres.
„Hiroshima ist ein inspirierendes Beispiel für Widerstandskraft, Erneuerung und Hoffnung. Über Generationen hinweg erinnern uns seine Einwohner daran, dass wir selbst nach den dunkelsten Momenten eine andere Zukunft wählen und gestalten können“, so Guterres, der zu „Dialog statt Spaltung, Zusammenarbeit statt Konfrontation und gemeinsamer Sicherheit statt kurzfristiger Vorteile“ aufrief.