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Unabhängig werden? Oder französisch bleiben? Neukaledonien entscheidet

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Unabhängig werden? Oder französisch bleiben? Neukaledonien entscheidet

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Das französische Überseegebiet Neukaledonien stimmt an diesem Sonntag über seine Unabhängigkeit von Frankreich ab - nach mehr als eineinhalb Jahrhunderten. Bis 1946 war Neukaledonien französische Kolonie. Wahlberechtigt beim Referendum sind etwa 175.000 Bewohner der Inselgruppe im Pazifik.

Die stärksten Befürworter eine „Ja“ kommen aus der Bevölkerungsgruppe der Ureinwohner, der Kanaken. Auf die Volksabstimmung warten viele seit mehr als drei Jahrzehnten.

Die Umfragen lassen allerdings eine Mehrheit gegen die Unabhängigkeit erwarten. Demnach sind mehr als 60 Prozent der Neukaledonier dafür, dass die Inselgruppe bei Frankreich bleibt. Die Frage spaltet das Völkergemisch aus "Kanak" (Ureinwohner Neukaledoniens), Menschen europäischer Abstammung ("Caldoches" oder "Metropolitan French"), Polynesier und Südostasiaten, Algerienfranzosen und Nordafrikaner. Sprachen: Französisch und anerkannte Regionalsprachen (Nengone, Paicî, Ajië Drehu, Javanesisch und 35 weitere Sprachen).

René Bagnolet, Arzt:

"Dieses Referendum wird einige auf den Geschmack bringen, und es wird Konflikte unter ihnen und mit uns geben, gegen Weiße und andere ethnische Gruppen. Das ist schade."

Sosefo Caofifenua, Rentner:

"Mein Herz stimmt für die Kanak-Seite, aber mein Kopf sagt mir, „bleib Franzose“, und ich meine, vielleicht geh ich nicht zur Wahl."

Karl, Kanak:

"Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, die Zuwanderung nimmt zu, aber wir als legitime Einwohner in diesem Land bleiben marginalisiert, das heißt, wir werden zerrieben."

Marceline Bolo, Hausfrau:

"Frankreich hat alles für uns getan, wir haben Schulen, wir haben Krankenhäuser, es gibt Bildung, wir brauchen Frankreich wirklich. Für mich ist das unmöglich, eine Unabhängigkeit ohne Frankreich, das könnte hier eine Katastrophe geben."

NOUVELLE-CALÉDONIE

Das Archipel Nouvelle-Calédonie (wörtlich: Neuschottland) wurde 1853 von Paris in Besitz genommen und anfangs als Sträflingsinsel genutzt. Heute leben dort mehr als 280.000 Menschen, darunter auch viele Zuwanderer aus anderen Pazifikstaaten. Aktuell erhalten die Inseln pro Jahr etwa eine Milliarde Euro aus Paris.

Frankreich, 16.740 Kilometer entfernt, ist für Finanzen, Verteidigung, Innere Sicherheit und Justiz zuständig, in den übrigen Bereichen genießt die neukaledonische Regierung weitgehende Selbstständigkeit und gibt unter anderem eigene Briefmarken heraus. Bezahlt wird nicht mit dem Euro, sondern mit dem Pazifik-Franc.

Das Referendum hätte ursprünglich 1998 stattfinden sollen, wurde aber mehrfach hinausgezögert. Neukaledonien gehört nicht zum Gebiet der Europäischen Union. Bei Europawahlen dürfen die Neukaledonier aber mitstimmen. Zudem gibt es von der EU auch Geld.

Zeitweise stand Neukaledonien am Rand eines Bürgerkriegs. Inzwischen hat sich die Stimmung deutlich beruhigt. Manche «Caldoches», wie die Zuwanderer aus Europa heißen, befürchten bei einem "Nein" neue Unruhen. Frankreich hat die Zahl der Sicherheitskräfte verstärkt.

Sollten die Neukaledonier mit "Nein" stimmen, bedeutet dies nicht das letzte Wort über die Unabhängigkeit. Nach den Abmachungen mit Paris kann es bis 2024 noch zwei weitere Volksabstimmungen darüber geben.

su