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Bergbau in Polen: Ein Ausstieg aus der Kohle liegt in weiter Ferne

Bergbau in Polen: Ein Ausstieg aus der Kohle liegt in weiter Ferne
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Eingebettet in das Liberecer Tal in der Tschechischen Republik liegt das malerische Dorf Vitkov. Die rund 100 Einwohner scheinen ein friedliches Leben zu führen. Aber es gibt etwas, was ihnen seit einiger Zeit Sorgen bereitet:"Früher stand hier das Wasser etwa einen Meter hoch, aber im vergangenen Jahr ist der Wasserstand stark gesunken, der Bach ist fast vollständig ausgetrocknet", sagt Marie Pilařová.

"Wir sollten unseren Energiemix langfristig ändern, den Anteil der Kohle reduzieren - aber in einem gut durchdachten Prozess."

Dominik Łaciak Gründer von "Kopalnia Kreatywna"

Man vermutet, dass die globale Erwärmung und das polnische Braunkohlebergwerk Turów auf der anderen Seite der Grenze Schuld daran sind. Der enorme Wasserverbrauch des Bergwerks bedrohe das Grundwasser der gesamten Region, befürchten die Bewohner von Vitkov.

Wie hier im Kindergarten mussten sie immer tiefere Brunnen graben, um Trinkwasser zu gewinnen: "Das Problem ist, dass sich nicht jeder einen neuen Brunnen leisten kann, und wenn die Menschen kein Wasser haben, ziehen sie weg und das Gebiet wird veröden", so der Lehrer Karel Řehák.

Der Wohlstand aus Kohle hat seinen Preis

Wir fahren ins wetspolnische Bogatynia, der Ort liegt nahe der Turów-Mine mit ihrem Wärmekraftwerk. Die Stadt verdankt ihren Wohlstand der Kohle. Aber das hat seinen Preis: Der Tagebau Turów zählt zu den fünf umweltschädlichsten Kohlekraftwerken Europas, die den höchsten CO2-Ausstoß produzieren.

Dieses Stadtviertel liegt in Sichtweite der Turów-Schornsteine. Wir sind mit einem der Einwohner verabredet. Wie viele Menschen in Bogatynia arbeitet er im Ernergiesektor, deshalb will er anonym bleiben: "Die Gewinnung und die Verbrennung von Kohle verursachen viele gesundheitliche Probleme, vor allem wegen des Kohlenstaubs und der feinen Partikel, die wir einatmen. Die Standards werden regelmäßig unterlaufen. Man hatdie Kohle im Mund, in den Augen, in der Nase - sie lagert sich überall ab", erzählt er. "Hier laden und lagern sie Kohle, schauen Sie, das ist direkt hier in der Nähe von unserem Viertel. Und so sieht im Winter der Schnee bei uns aus. Er ist schwarz."

Auf der Terrasse zeigt er uns die mit feinem Kohlenstaub überzogenen Gartenmöbel: "So sieht das aus, einen Tag nach dem wir sauber gemacht haben."

Zu hohe Feinstaubbelastung in Polen

Der Europäische Gerichtshof bescheinigt Polen, Grenzwerte für Feinstaub zu häufig zu überschreiten. Gründe dafür sind neben den Bergwerken der Einsatz von Kohle für das Heizen und Kochen in 40 Prozent der Haushalte.

Wir fahren nach Kattowitz, die Hauptstadt Schlesiens und Gastgeber des jüngsten Weltklimagipfels. Auf der Straße verteilen Aktivisten Atemschutzmasken. Mit ihrer Aktion wollen sie auf das Thema aufmerksam machen: Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur sterben jährlich rund 50.000 Menschen an der Umweltverschmutzung:

"Von den 50 am stärksten verschmutzten Städten in der Europäischen Union liegen 33 in Polen. Und Kohle ist einer der Gründe für die globale Erwärmung. Deshalb müssen wir die Kohle ausmustern", sagt der Klima-Aktivist Patryk Bialas.

Keine leichte Aufgabe in Schlesien, lange Zeit bekannt als das "polnische Königreich der Kohle". An der Branche hängen rund 85.000 direkte und viermal so viele indirekte Arbeitsplätze.

Besuch im Steinkohlenbergwerk

Das nicht weit von Kattowitz liegende Steinkohlenbergwerk Piast ist das größte Europas. Kurz vor der COP 24 durften wir es besuchen. Euronews-Reporterin Valérie Gauriat: "Es war eine echte Herausforderung, hier reinzukommen. Vor dem Gipfel reagieren Bergbauunternehmen sehr zögerlich auf Medienanfragen. Sie haben Angst vor schlechter Publicity."

Für diese Männer ist es das Ende ihrer Schicht. Sie waren sieben Stunden unter Tage, 500 bis 600 Meter tief. Radoslaw ist einer der 3500 Bergarbeiter. Er ist 29 Jahre alt, arbeitet seit neun Jahren im Bergbau. Der Job ist anstrengend und gefährlich, erzählt er. Aber er kann sich nichts anderes vorstellen:

"Ich habe diese Mine mein ganzes Leben lang von meinem Fenster aus gesehen. Mein Vater war Bergarbeiter, meine Großväter arbeiteten in den Minen. Es ist eine Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Manchmal fühle ich mich wie ein menschliches Wrack, meine Wirbelsäule schmerzt, meine Knie und meine Beine schmerzen. Aber das gehört zum Job. Es ist schwer zu erklären, aber irgendetwas zieht mich an, deswegen arbeite ich immer weiter in der Mine", sagt Radoslaw Wojnar.

Alltag der Bergleute

Neben seiner schweren Arbeit pflegt Radoslaw seine Hobbys mit seinem Freund und Nachbarn Dominik, der eine Kommunikationsagentur namens "Creative Mine" gründete. Gemeinsam gründeten sie einen Blog, in dem es um Berge und Wintersport geht:

"Bei der Arbeit bin ich in engen Tunneln und im Dunkeln. Mein Ausgleich ist es dann, mich in meiner Freizeit in weiten Räumen wie den Bergen und auf den Gipfeln zu vergnügen", sagt Radoslaw Wojnar.

Ein weiteres seiner Hobbys ist die Fotografie. Seit Jahren hält Radoslaw den Alltag der Bergleute in Bildern fest: "Ich empfinde das als meine Pflicht, weil ich hier lebe und in der Mine arbeite, diese Bergbautradition zu pflegen, sie zu zeigen und zu unterstützen, damit sie nie vergessen wird."

Auch sie unterstützen den Kampf gegen die globale Erwärmung - aber nicht auf Kosten der Gemeinschaft, in der sie aufgewachsen sind:

"Es ist zu einfach, den Leute, die ihr Leben riskieren, um Kohle zu gewinnen, eine Mitschuld an der globalen Erwärmung zu geben, das ist für mich sozialer Rassismus, und das ist inakzeptabel. Meiner Meinung nach sollten wir unseren Energiemix langfristig ändern und den Anteil der Kohle reduzieren, aber dieser Prozess muss gut durchdacht sein", sagt Dominik Łaciak, Gründer von "Kopalnia Kreatywna".

Polen ist weit entfernt vom Austieg aus der Kohle

Von einem Austieg aus der Kohle, mit der mehr als 80 Prozent des Strombedarfs gedeckt werden, ist Polen noch weit entfernt. Neben dem Bau eines neuen Kohlekraftwerks im Norden des Landes planen mehrere schlesische Bergbaugebiete eine Vergrößerung, so will beispielsweise das Steinkohlenbergwerk Piast unter die Stadt Imielin vorstoßen. Anwohner sind beunruhigt.

Der ehemalige örtliche Ratsvorsitzende Tomasz zeigt uns die Schäden, die das Bergwerk bereits in einem anderen Dorf in der Nähe verursachte.

Euronews-Reporterin Valérie Gauriat: "Dieses Dorf ist vom Kohlebergbau unter Tage betroffen?"

Tomasz Lamik, Ex-Ratsvorsitzender und Vorsitzender der Organisation "Citizens Beyond Coal": "Wegen der Landabsenkung neigen sich die Gebäude, die Häuser bekommen Risse, in einigen Fällen mussten sie sogar abgerissen werden."

Er zeigt uns andere Häuser mit gewaltigen Rissen und sagt: "Hier wird seit 30 Jahren intensiv Bergbau betrieben; man repariert die Gebäude und sie werden wieder beschädigt, man repariert erneut - das ist ein ewiger Kreislauf."

Wir gehen weiter und kommen zu einem kleinen Wald: "Und hier sehen Sie diesen Teich mit stehendem Wasser. Das Wasser sammelt sich an und wird von der Minengesellschaft nicht abgepumpt. Dieser Wald ist abgestorben, wei er unter Wasser steht", sagt Tomasz Lamik.

Betroffene Anwohner hoffen auf EU-Hilfe

Am Ortseingang haben sich Gleise abgesenkt. Dort treffen wir Alicja Zdziechiewicz. Auch die Lehrerin will die Stadt retten:

"Diese Eisenbahngleise sind für mich einerseits ein Symbol dafür, wie unsere Stadt heute ist, hübsch und ordentlich; aber andererseits zeigen sie auch, was mit uns passieren kann: Unsere Häuser können einstürzen, genauso wie unsere beiden Trinkwasserbehälter."

Auf lange Sicht befürchten Tomasz und Alicja, dass immer mehr Leute die Stadt verlassen. Der Tag endet in einem Haus in Imielin, wo Bartosz und seine Nachbarin Anna auf uns warten. Ihr Viertel liegt weit entfernt vom Bergbaugebiet. Sie wiegten sich in Sicherheit, aber auch sie sind betroffen:

"Hier gibt es große Risse. Auch der Türrahmen ist schief. Und da unten gibt es noch eine weiteren Riss, und diese Wand ist komplett gespalten", Bartosz Tarkowski führt uns durch das Haus: "An das erste Beben erinnere ich mich, als wäre es heute. Es muss unsere dritte oder vierte Nacht in diesem Haus gewesen sein. Als das Haus bebte, sprang ich aus meinem Bett und konnte dann nicht mehr einschlafen. Gerade vor Kurzem bebte das Haus sehr stark. "

Alicja und Anna bestätigen das heftige Beben am 20. Oktober: "Das war ein Beben der Stärke 3 auf der Richterskala, Gegenstände in den Schränken wurden umgeworfen, die Schränke öffneten sich, die Schubladen kamen heraus, wir mussten den Fernseher festhalten, damit er nicht runterfällt", sagt Anna Drobik, eine Einwohnerin von Imielin. "Wir haben keine Verstärkungsstrukturen in unseren Häusern, wenn die Minengesellschaft hier mit dem Abbau beginnt - 180 Meter tief haben sie geschrieben - dann werden unsere Häuser einfach verschwinden. "

Tomasz Lamik: "Ich zähle auf die Hilfe der Europäischen Union, deren Klimapolitik darauf abzielt, den Kohleabbau zu reduzieren."

Zu schneller Kohle-Ausstieg wäre fatal

Die von der Europäischen Kommission bis 2050 propagierte Klimaneutralität ist für die polnischen Behörden und die Bergbauindustrie undenkbar. Ein zu schneller Ausstieg wäre fatal, sagt der Regionalvorsitzende der Gewerkschaft Solidarność in Schlesien, denn eine Green Economy kann die mit dem Kohlebergbau verbundenen Arbeitsplatzverluste nicht ausgleichen:

"Vor fünfundzwanzig Jahren, als der Umstrukturierungsprozess begann, gingen Tausende von Arbeitsplätzen verloren, und im Gegenzug wurden nur Hunderte von Arbeitsplätzen geschaffen. Wenn der Ausstieg aus der Kohle weiterhin so schnell verlaufen soll, wie die Europäische Union es wünscht, werden wir ihm weder wirtschaftlich noch sozial standhalten. Und trotzdem werden wir weiterhin Produkte mit einem CO2-Fußabdruck kaufen, die aus Ländern stammen, die sich nicht um das Klima kümmern, oder die Treibhausgasemissionen reduzieren, wie China, Indien, die Vereinigten Staaten und so weiter. Und wir verlieren unsere Wettbewerbsfähigkeit in der Europäischen Union", sagt Domink Kolorz, Regionalvorsitzender der Gewerkschaft Solidarność in Schlesien.

Die Spuren der tiefgreifenden Umstrukturierung des polnischen Kohlesektors sind noch deutlich zu erkennen. Während ein Teil des Bergbaugebiets seinen wirtschaftlichen Wandel erfolgreich vollzogen hat, haben andere Regionen immer noch Schwierigkeiten. In Niederschlesien, im Südwesten des Landes, verdankte die Region Walbrzych ihren Wohlstand der Kohle. Weil sie unrentabel waren, wurden dort alle Minen geschlossen, Zehntausende von Menschen verloren ihren Job. Für viele von ihnen war es eine ungerechtfertigte politische Entscheidung, die sie nie akzeptiert haben. Wie beispielsweise dieser ehemalige Bergarbeiter, den wir auf der Straße treffen:

"Sehen Sie diesen Hügel dort, da drüben in der Nähe der Mine gibt es viel Kohle, so viele Kohle. Wen kann das stören! Wir brauchen die Kohle! Und diejenigen, die anders denken, naja, Sie wissen schon."

Illegaler Kohleabbau in den Armutsgruben

Roman Janiscek verlor vor etwa zwanzig Jahren seinen Job als Bergarbeiter. Nachdem er in Polen und Europa keine Arbeit fand, begann er in den sogenannten Armutsgruben zu arbeiten.

Illegale kleine Minen, die am Stadtrand ausgehoben wurden. Auf dem Höhepunkt der Krise haben dort bis zu 3000 Menschen illegal nach Kohle gegraben und sie schwarz verkauft. Aufgrund der scharfen Verfolgung ging das illegale Geschäft in den vergangenen Jahren stark zurück.

Heute lebt Roman von Gelegenheitsjobs. Aber er kommt immer noch von Zeit zu Zeit hierher, um über die Runden zu kommen: "Das ist das schwarze Gold von Wałbrzych, die Mine könnte über mir zusammenbrechen, mich begraben, aber wir stützen die Gruben ab, so dass sie sicher sind und wir hinein- und hinausgehen können. Wir beten zu Gott, dass alles gut geht."

Euronews-Reporterin Valérie Gauriat: "Diese Grube ist nur etwa zwei Meter tief, aber laut Roman kann man bis zu einer Tiefe von 15 Meter graben. Er hat gerade sieben Stück Kohle auf seinen Pickel gelegt; Sie repräsentieren die sieben Leute, die er kannte und die in diesen Gruben starben."

Der ehemalige Bergarbeiter ist fest überzeugt: "Solange es Kohle gibt, wird es Armutsgruben geben. Die Behörden werden kommen und sie schließen, aber die Leute werden kommen und sie wieder öffnen. Denn Kohle wurde und wird immer gebraucht werden."

An diesem Tag wird Roman seine Kohle nicht verkaufen. Er bringt sie einem Nachbarn, auch ein ehemaliger Bergarbeiter, der dann als Maurer arbeitete. Ein Unfall vor etwa zehn Jahren stürzte ihn ins Elend: In seiner Wohnung sind Gas und Strom abgestellt. Mit Sozialleistungen von 140 Euro pro Monat kann Zbigniew seine Schulden nicht bezahlen:

"Ich bekomme Holzkohle aus den Armutsgruben und Roman bringt sie mir, mein bester Freund", sagt Zbigniew Wozniowski. "Es brennt gut! Mir ist nicht kalt, weil ich etwas zum Heizen habe. Wenn ich nichts zu verbrennen hätte, oh je! Jetzt ist warm! So ist das hier."

Die Bergleute halten an Traditionen fest

Wir fahren in die etwa vierzig Kilometer entfernte Stadt Nowa Ruda. Wir sind zu einem sehr exklusiven Treffen eingeladen, das jedes Jahr im Vorfeld des Barbara-Tages, der Schutzpatronin der Bergleute, organisiert wird. Wir treffen Roman, der die Tracht der Bergleute trägt. Für nichts auf der Welt würde er dieses Ereignis verpassen:

"Die Minen sind seit vielen Jahren geschlossen, aber wir sind hier, um die alten Traditionen der Bergleute zu feiern, einen Krug Bier zu trinken, die Lieder der Bergleute zu singen. Damit unsere Herzen, wenn auch nur für wenige Augenblicke, im Rhythmus der alten Zeiten schlagen, in denen alle arbeiteten", sagt Roman Janiscek. "Glück auf!"