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"Ich möchte den 15 Mio. muslimischen Frauen in Europa eine Stimme geben"

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Dieser Artikel ist ein Kommentar und spiegelt nur die Ansicht der Autorin.

"Ich habe muslimisch-christliche Wurzeln, bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, kann mich dennoch nicht wirklich als Deutsch bezeichnen.

An diesem Tag der muslimischen Frau möchten wir den 15 Millionen muslimischen Frauen in Europa eine Stimme geben.

Europa gilt weltweit als Hochburg der Toleranz und des Multikulturalismus, angeführt von Merkels Willkommenskultur durch die Aufnahme von einer Millionen Flüchtlingen in den letzten vier Jahren. Aber dieser Ruf scheint leider nur Fassade zu sein und vor allem muslimische Frauen auf allen Kontinenten spüren die Auswirkungen."

"Ein von Rassismus und Diskriminierung geprägtes Land"

"Obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, kann ich mich leider nicht wirklich als Deutsch identifizieren - aus dem Grund, dass sich die Deutschen auch nicht mit mir identifizieren. Trotz meiner beruflichen Erfolge und meines Aktivismus führe ich noch immer den gleichen Kampf, den schon meine libanesische Mutter führen musste, wenn es darum geht, das Leben und den Alltag in einem von Rassismus und Diskriminierung geprägten Land und Kontinent zu meistern. Nur durch mehr Sichtbarkeit und eine hörbare Stimme sowie letztlich politische Partizipation können muslimische Frauen etwas bewegen.

Obschon es sehr tragisch ist mit anzusehen, dass Europa seinem alten Gespenst von Rassismus und weißer Vorherrschaft erlegen ist, gibt es scheinbar keinen Grund, warum das Kontinent dagegen immun sein sollte. Bei der Gründung der EU ging es in erster Linie um Solidarität und Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten und nicht um die Erweiterung dieser Werte zwischen Europa und seinen Nachbarn in Afrika und dem Nahen Osten.

Es ist ein historischer Zufall, dass die Unterstützung für die EU (und insbesondere für Schengen) zu einer Linksflügel-Position geworden ist, da es ursprünglich um die Freiheit und den Frieden der einheimischen Europäer innerhalb Europas ging.

Dieser Hintergrund hilft uns zu verstehen, warum dieselben EU-Institutionen jetzt von den harten - und den extremen - Rechten ins Visier genommen werden, die Europa entweder zerstören oder seine Strukturen als protektionistischen Block beibehalten wollen. Sie unterstützen Europa insofern, als sie Europa wieder groß machen und Europa an die erste Stelle setzen wollen. Und sie definieren Europa in erster Linie als negativ. Sie kennen Europa meist aus dem, was es nicht ist: Afrika oder den Mittleren Osten.

Das mag wie eine Dystopie klingen, aber es geschieht bereits. EU-Wahlen hatten nie die gleiche Bedeutung wie nationale oder gar lokale Wahlen, insbesondere bei Minderheiten und Einwanderern, die über eine geringere demokratische Kompetenz verfügen.

Das hat dazu geführt, dass das EU-Parlament nach rechts geschwenkt ist. Die rechtsextremen Gruppen in Brüssel haben 37 Abgeordnete, die ihre Plattform nutzen, um eine Reihe von Zielen zu erreichen. An der Spitze ihrer Propaganda stehen Muslime im Allgemeinen und muslimische Frauen in Besonderem, die ganz besonders die Auswirkungen spüren.

Und es gab sehr wenig Reaktionen und Einsatz von den traditionellen und nationalen Parteien. Vielleicht wissend, dass muslimische Stimmen außerhalb ihrer Reichweite lagen, entschieden sie sich für die Wahlurnen-Realpolitik, welches für sie mit geringerem Einsatz verbunden war."

"Muslime sind in Brüssel kaum vertreten"

"Und die Muslime selbst sind in Brüssel kaum vertreten: Es gibt nur 3 muslimische Abgeordnete von insgesamt 751. Und da sie alle Männer sind, sind muslimische Frauen im EU-Parlament unsichtbar (mit Ausnahme einiger Putzfrauen).

Wenn dieser Trend anhält, wird er noch schlimmer und nicht besser: Rechte Blöcke planen, die EU-Wahlen im Mai zu nutzen, um Brüssel noch weiter nach Rechts zu bringen. Dies mag das Leben vieler "einheimischer" Europäer nicht beeinträchtigen, aber diejenigen mit Migrationshintergrund - und insbesondere muslimische Frauen - werden wahrscheinlich den Preis dafür zahlen, dass ihre Beziehungen, ihr Verhalten, ihre Kleidung und sogar ihre Gedanken in einem zunehmend feindlichen Klima überwacht werden.

Muslimische Frauen müssen einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen. Als Bevölkerung gehören die europäischen muslimischen Frauen seit jeher zu den am wenigsten politisch aktiven Bürgern.

Und da die Mainstream-Parteien sie bestenfalls heuchlerisch genutzt und im schlimmsten Fall ganz gemieden haben, hat sich dies etabliert.

Aber die Dinge beginnen sich zu ändern. In meiner Partei zum Beispiel ist mein muslimischer und multikultureller Hintergrund die Norm und keine Anomalie. Die Wurzeln meiner Mitbewerber liegen in der Türkei, dem Balkan und Afrika. Und viele von ihnen sind Frauen.

So wie die extreme Rechte ihre Unterstützungsbasis ruhig in die Sitze in Brüssel eingebaut hat, hoffe ich, dass wir das Gleiche in unseren Gemeinschaften tun können, in denen viele Mitmenschen nie wählen gegangen sind.

Und wenn das nächste Mal muslimische Frauen im EU-Parlament erwähnt werden, hoffe ich, dass es jemanden geben wird, der sich auf Augenhöhe dazu äußern kann."

Maha Walter-Kamano

Maha Watta Walter-Kamano ist eine deutsche Aktivistin, deren Eltern aus dem Libanon und Guinea nach Bonn gezogen sind. Sie ist Kandidatin des EU-Parlaments für die BIG Partei (Bündnis für Innovation & Gerechtigkeit), eine basisdemokratische Partei, die von Deutschen mit Migrationshintergrund gegründet wurde.