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Zurück "in die 50er": Warum die Krise Frauen härter trifft

Zurück "in die 50er": Warum die Krise Frauen härter trifft
Copyright  Craig Mitchelldyer/AP
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Das Coronavirus ist für Männer tödlicher. Doch seine Nebenwirkungen treffen Frauen weltweit härter – sei es in Haushalt, Pflege, öffentlichem Leben oder Wissenschaft.

„Iron Mom 2020“

„Ich habe mich gestern heulend auf den Küchenboden gelegt. Meine Zweijährige hat meinen Rücken gestreichelt und der Sechsjährige meinen Kopf. Hat etwas geholfen.“

„Wenn ich versage, bin ich schuld. Wenn ich es hinkriege, ist es 'normal'. Aber es fühlt sich an wie Iron Mom 2020.“

Mit Posts wie diesen teilen Eltern in den sozialen Medien ihren Lockdown-Frust. Unter dem Hashtag #CoronaEltern berichten sie von Finanzängsten, Verzweiflung und der Überforderung, die Homeoffice, geschlossene Kitas und Heimunterricht mit sich bringen. Schon auf den ersten Blick fällt auf: Fast nur Userinnen melden sich zu Wort.

„Rolle rückwärts in die 50er-Jahre“

Frauen erlebten durch die aktuelle Krise eine „entsetzliche Retraditionalisierung“, warnte jüngst die deutsche Soziologin Jutta Allmendinger in der Talkshow „Anne Will“. „Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann.“ In Sachen Gleichstellung und Karrierechancen befürchtet Allmendinger einen Verlust von „drei Jahrzehnten“.

Mona Küppers vom Deutschen Frauenrat geht sogar noch weiter und spricht von der Gefahr einer „Rolle rückwärts in die 50er-Jahre“. Denn mehr Zeit zu Hause bedeutet auch: Mehr unbezahlte Wasch-, Putz-, Erziehungs- und Kocharbeit.

Laut Frauenrat ist es erwiesen, dass diese zusätzlichen Aufgaben in Familien mit zwei Erziehenden in den meisten Fällen von der Frau geleistet würden, „die bereits vor Corona durchschnittlich 1,5 Stunden täglich mehr damit verbracht hat als ein Mann“.

Die Situation sei schon für Paare herausfordernd und für Alleinerziehende „schlicht nicht leistbar“ – davon 90 Prozent Frauen, heißt es vonseiten der Frauenrechtsorganisation.

Forscherinnen veröffentlichen weniger

Drastische Prognosen wie die von Allmendinger und Küppers werden von Kritikern als „feministische Hysterie“ abgetan. Schließlich sei der Spagat zwischen Job und Kinderbetreuung in Corona-Zeiten auch für Männer schwierig.

Das mag in vielen Fällen zutreffen. Doch die Warnungen, dass viele Frauen durch die Pandemie einen erheblichen Karriererückstand zu befürchten haben, werden von Tag zu Tag von neuen wissenschaftlichen Studien untermauert.

So zeigt eine vom Magazin „The Lily“ veröffentlichte Untersuchung: Die ungleiche Verteilung der Hausarbeit in Corona-Zeiten hat Einfluss auf die Arbeit von Forscherinnen.

Herausgeber wissenschaftlicher Zeitungen haben laut dem Bericht seit Ausbruch der Pandemie einen deutlichen Rückgang weiblicher Beiträge festgestellt. Das liege auch daran, dass Frauen in der Corona-Krise „zwangsläufig einen größeren Teil der familiären Pflichten“ zu tragen hätten.

Beispiel Astrophysik: Dort sei die Zahl der Essays, die Frauen von Januar bis April 2020 auf sogenannten "Preprint-Servern" hochgeladen haben, im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte eingebrochen. Bei Männern nehme die Zahl der Veröffentlichungen dagegen zu.

Corona und Kinderbetreuung: Die Zahlen

Laut der „Corona-Studie“ der Uni Mannheim ist Kinderbetreuung in der Corona-Krise oft Frauensache. In etwa der Hälfte der befragten Haushalte wird die Aufgabe allein von der Frau übernommen, in etwa einem Viertel allein vom Mann, in 24 Prozent der Haushalte teilen sich beide Partner die Kinderbetreuung.

"Corona-Studie" der Universität Mannheim

Auch eine Untersuchung des „Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung” (WZB) kam zu dem Ergebnis, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie deutsche Frauen mehr belasten als Männer. Kurz nach Schließung der Schulen und Kitas nahm die Zufriedenheit der Frauen mit ihrer Arbeit und ihrem Leben im Allgemeinen deutlich stärker ab als die männlicher Befragter.

Studie: Frauen tragen die Hauptlast

Eine heute veröffentlichte Umfrage in Österreich zeigt ein ähnliches Bild: Laut ihr sorgt die Corona-Krise bei Frauen für große Zukunftsängste, die zudem mit dem Bildungsgrad weiter steigen. Außerdem stimmten 86 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Frauen die Hauptlast während der Krise tragen.

Als Erklärung gaben sie Kinderbetreuung (61 Prozent), Haushalt (42 Prozent) und „Alles unter einen Hut bringen“ (30 Prozent) an. Laut Österreichs Arbeiterkammer kommen Frauen derzeit auf 27 Stunden unbezahlte Familien- und Hausarbeit, Männer auf 16.

Frauen an der Front, Männer im Fernsehen

Doch es braucht gar keine Studien, schon ein Blick in die Zeitungen und auf Bildschirme zeigt, die Rollen sind ungleich verteilt – und das nicht erst seit Ausbruch der Pandemie. In Deutschland sind die Gesichter der Krise fast alle männlich – von Jens Spahn über Christian Drosten, Alexander Kekulé bis hin zu Lothar Wieler.

Derweil bieten an der Front vor allem Frauen der Pandemie die Stirn. Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung liegt der Frauenanteil in systemrelevanten Berufen bei knapp 75 Prozent.

Als Pflegerinnen, Supermarktmitarbeiterinnen oder Erzieherinnen „halten sie den Laden am Laufen“, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel so schön beschrieb. Sie leisten unverzichtbare, aber unterbezahlte Arbeit.

Dass PolitikerInnen wie Merkel ihnen dafür danken und abends am Fenster für sie geklatscht wird, ist ein schönes Zeichen, aber nicht genug. Der Frauenrat pocht vielmehr darauf, dass „professionelle Sorgearbeit durch angemessene Gehälter aufgewertet und die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten verbessert werden“.

Forderungen, die Frauenverbände seit Jahren erheben. Sollten sie jetzt endlich von der Politik beachtet und beantwortet werden, könnte sich die Corona-Krise beim Thema Gleichberechtigung vielleicht sogar zur Chance wandeln.