Eilmeldung
This content is not available in your region

Gefangen mit dem Peiniger: Häusliche Gewalt in der Quarantäne

Gefangen mit dem Peiniger: Häusliche Gewalt in der Quarantäne
Copyright  Charles Rex Arbogast/AP
Schriftgrösse Aa Aa

In Frankreich gilt seit anderthalb Wochen eine landesweite Ausgangssperre. Eine traurige Nebenwirkung: Die häusliche Gewalt hat seither drastisch zugenommen. Ähnliche Entwicklungen werden in der Schweiz, Österreich und Deutschland befürchtet.

Drastischer Anstieg in Frankreich

Es ist eine alarmierend Zahl, die Frankreichs Innenminister Christophe Castaner gestern Abend im Fernsehen verkündete: Allein im Großraum Paris hat häusliche Gewalt seit dem Beginn der Coronavirus-Quarantäne am 17. März um 36 Prozent zugenommen. Landesweit könne man einen ähnlichen Anstieg beobachten. Betroffen seien vor allem Frauen.

Frankreichs Regierung, die erst vor kurzem ein Gesetzespaket gegen häusliche Gewalt verschiedet hat, will betroffene Frauen nun noch besser schützen. In Zeiten von Corona müsse man ganz neue Wege finden, so Castaner im Fernsehsender "France 2".

Alarmsystem für betroffene Frauen

Deshalb wird in Frankreich nun das Apothekenpersonal auf den Umgang mit misshandelten Frauen vorbereitet. Betroffene sollen beim Einkaufen in der Apotheke Alarm schlagen können - auch wenn der Mann dabei ist.

Möglich soll das laut Castaner durch ein Codewort sein, das die Frau unbemerkt gegenüber den Mitarbeitern äußert. Ein ähnliches System funktioniere in Spanien bereits sehr gut.

Gefährlicher Personalmangel

In der chinesischen Provinz Hubei hatten sich die Notrufe von Opfern häuslicher Gewalt während der Quarantäne fast verdreifacht. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz richten sich die Frauenhäuser auf einen deutlichen Anstieg in den nächsten Wochen ein.

Das Problem: Viele Notunterkünfte sind voll und die Beratungsstellen derzeit knapp besetzt - sei es wegen krankheitsbedingter Ausfälle, Kinderbetreuung oder weil Ausgangssperren in Kraft sind. Zudem wird damit gerechnet, dass sich viele Betroffene erst dann melden, wenn sich die Krise wieder etwas beruhigt hat - da sie in der Nähe ihres Peinigers nicht den Mut und die Kraft dazu finden.

Hotels könnten Frauenhäuser entlasten

Für den Fall, dass bald auch Frauenhäuser unter Quarantäne gestellt werden sollten, rufen die deutschen Dachverbände dazu auf, Opfer häuslicher Gewalt in Hotelzimmern oder Pensionen unterzubringen. Denn die meisten stehen in der Corona-Krise ohnehin leer.

Das forderte jetzt auch die deutsche Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) im Gespräch mit der "Rheinischen Post". Als gute Beispiele nannte sie die Stadt Kassel, die leerstehende Ferienwohnungen für Frauen in Not angemietet habe, sowie Berlin, wo "zwei ganze Hotels als Schutzräume gebucht" worden seien.

Unter der Nummer 08000 116 016 finden Frauen, die physische oder verbale Gewalt erleben, in Deutschland Hilfe.