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Hagia Sophia soll Moschee werden: Darf Erdogan allein entscheiden?

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Ex-Kirche, Ex-Moschee, bald auch Ex-Museum? Die Hagia Sophia in Istanbul.
Ex-Kirche, Ex-Moschee, bald auch Ex-Museum? Die Hagia Sophia in Istanbul.   -   Copyright  AP/Copyright 2020 The Associated Press. All rights reserved
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Erst war sie eine Kirche, dann eine Moschee, heute ist sie ein Museum: die Hagia Sophia in Istanbul. Nun gibt es Streit rund um das Bauwerk. Denn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will die Hagia Sophia wieder zur Moschee machen.

Kritik kommt unter anderem vom orthodoxen Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I. Er sagte: "Die mögliche Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee wird Millionen Christen weltweit gegen den Islam wenden. Die Hagia Sophia, die wegen ihrer Heiligkeit ein wichtiges Zentrum ist, an dem sich Ost und West treffen, würde diese beiden Welten spalten."

Nikolaos Manginas/AP
Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel. Bartholomäus I.Nikolaos Manginas/AP

Vor allem Griechenland ist wegen der Bedeutung der Hagia Sophia für die Orthodoxie gegen eine Änderung des Status. Eine Umwidmung der Hagia Sophia zur Moschee könnte die Spannungen zwischen den Nachbarländern weiter verschärfen, die sich ohnehin schon um Erdgas im östlichen Mittelmeer streiten.

Die griechische Kulturministerin Lina Mendoni hat sich in der Angelegenheit an die UNESCO gewandt. Sie sagte: "Was die türkische Regierung und Präsident Erdogan da tun, weckt nationalistischen und religiösen Fanatismus. Es wird versucht, den Wert und die globale Strahlkraft dieses Bauwerks zu schmälern."

Jetzt liegt die Entscheidung beim Obersten Verwaltungsgericht der Türkei. Dieses will laut einem Medienbericht erst in spätestens 15 Tagen bekanntgeben, ob die Hagia Sophia ein Museum bleibt. Falls nicht, könnte sie schon zum 15. Juli wieder eine Moschee sein.

Türkische Medien berichteten, das Gericht habe auch anerkannt, dass die Entscheidung letztlich von Erdogan selbst getroffen werden könne - etwas, das die oppsitionelle CHP ebenfalls angemerkt hat.

Sie sagte, der Gerichtsprozess sei eine Farce, Erdogan könne die Umwandlung in eine Moschee auch einfach per Dekret anordnen. CHP-Sprecher Faik Öztrak kritisierte kürzlich zudem, dass in der Türkei ein "Ein-Mann-Regime" herrsche, die Justiz von der Regierung kontrolliert werde und nicht gegen deren Willen handele.

Kayhan Ozer/AP
Erdogan bei einem Besuch in der Hagia Sophia 2018.Kayhan Ozer/AP

Beobachter sagen, Erdogan wolle mit der Aktion von innenpolitischen Problemen ablenken und seine religiös-konservativen Anhänger hinter sich bringen.

Der Analyst Soner Cagaptay vom Washington Institute erklärt: "Er steht unter Druck, denn der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet. Daher nutzt er Themen, von denen er hofft, dass sie seine rechte Basis mobilisieren. Dabei geht es um populistische, gegen die Eliten gewandte Themen, und da spielt die Hagia Sophia hinein. Es geht nicht um einen Gebetsraum, es geht nicht um den Bau oder die Einrichtung einer Moschee, wo es gerade keine gibt. Es geht für Erdogan vielmehr um das, was ich den muslimischen Nationalismus nenne, darum, die islamische Identität der Türkei zu betonen auf Kosten aller anderen, um seine rechte und konservative Basis zu mobilisieren."

Die im 6. Jahrhundert nach Christus erbaute Hagia Sophia (griechisch: Heilige Weisheit) gehört seit 1985 als Teil der Istanbuler Altstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie war fast ein Jahrtausend lang das größte Gotteshaus der Christenheit und Hauptkirche des Byzantinischen Reiches, in der die Kaiser gekrönt wurden.

Nach der Eroberung des damaligen Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 wandelte Sultan Mehmet II. ("Der Eroberer") die Hagia Sophia in eine Moschee um und fügte als äußeres Kennzeichen vier Minarette hinzu.

Auf Betreiben des türkischen Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk ordnete der Ministerrat im Jahr 1934 die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum an.