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Endstation Balkanroute? Tauziehen um Migranten geht weiter

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Endstation Balkanroute? Tauziehen um Migranten geht weiter
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Wird die Notfallhilfe der Europäischen Union ausreichen, um eine Wiederholung der humanitären Krise während der Wintermonate in Bosnien-Herzegowina zu verhindern? Die EU versucht zudem, die Eigenverantwortung vor Ort zu stärken, damit auf dem Balkan Migranten angemessen behandelt und versorgt werden. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell kritisierte vor Kurzem, Bosnien riskiere „ernsthafte Konsequenzen“ und einen Image-Schaden, wenn den Menschen, die aktuell im Kanton Una Sana im Nordwesten Bosnien-Herzegowinas ohne Unterkunft und Unterstützung bleiben, nicht dringend geholfen werde.

Zehntausende Menschen waren schon in den vergangenen Jahren in der Region gestrandet, bei dem Versuch, Westeuropa über Bosnien-Herzegowina zu erreichen – einem EU-Kandidatenland mit 3,3 Millionen Einwohnern, das an das EU-Mitglied Kroatien grenzt.

Bosnien ist das zentrale Transitland auf der Balkanroute für Migranten aus der ganzen Welt. Doch die Außengrenzen der Europäischen Union sind geschlossen. Jetzt sitzen Tausende Migranten fest. Sie hausen unter Zeltplanen, in Hausruinen oder - so wie am Rande von Tuzla - in ausrangierten Güterwaggons.

Die Temperaturen fallen weit unter den Gefrierpunkt. Hunderte von Menschen, so wie Salman und seine Brüder, die draußen schlafen, ohne Heizung, im Winter bei Temperaturen bis zu minus zehn Grad Celsius. Warum sind diese Menschen nicht in Notunterkünften. Euronews-Reporter Hans von der Brelie hat in Bosnien-Herzegowina recherchiert.

Salman, ein Migrant aus Pakistan, erzählt: "Wir schlafen in alten Waggons. Das Leben ist nicht gut hier. Es war ein großer Fehler von uns, nach Bosnien zu kommen. Ein großer Fehler."

Das Interview wird von einem schreienden Pakistani mit Messer in der Hand unterbrochen. Das Gespräch muss abgebrochen werden. Bei Tageslicht erklärt Salman dem Reporter, dass bei einigen seiner Mitreisenden mittlerweile eine Schraube locker sei. Eine Folge der extrem belastenden Flucht - sowohl körperlich wie mental. In Pakistan zahlen Mittelschichtfamilien Tausende Euro, um ihre Söhne nach Europa zu schleusen. Jetzt sitzen sie in der Falle: kein Weg nach vorne - und keiner zurück.

Gestrandete Migranten: kein Weg nach vorn - und keiner zurück

Diese Gruppe pakistanischer Migranten ist seit eineinhalb Jahren in der Region "gestrandet". Seit sieben Monaten leben sie in ausrangierten Güterwaggons. Die Versuche, die bosnisch-kroatische Grenze zu überqueren, blieben bisher erfolglos. Dem Reporter erzählen sie, sie werden es noch ein letztes Mal versuchen. Wenn sie wieder scheitern, kehren sie nach Pakistan zurück und riskieren damit große Probleme mit ihren Familienclans. Sie haben für jede Person, die nach Europa geschickt wird, etwa 3000 bis 4000 Euro ausgegeben. Oft haben sie dafür Schulden gemacht oder Kredite aufgenommen. Die "Entsendung" wird als Investition gesehen: Man rechnet damit, dass man später von der Person im Ausland Geld geschickt bekommt.

"Es ist einfach zu kalt hier. Jeden Tag Schnee. Nur Schnee", meint Salman weiter. "Zu schwierig. Das ist kein Leben hier, schau Dich doch einfach mal um."

Lokalpolitiker blockierten den Bau einer Notunterkunft bei Tuzla, obwohl die bosnische Stadt ein Knotenpunkt ist zwischen Serbien und Kroatien. Organisationen wie Emmaus können die Not nur etwas lindern. Viele Arbeitsmigranten aus Pakistan und den Maghreb-Staaten wärmen sich dort. So wie Brahim und seine Freunde aus Algerien. Auch ihr illegaler Grenzübertritt scheiterte bereits mehrmals. Brahim Radi, ein Migrant aus Algerien, erzählt:

"Ein kroatischer Grenzschutzbeamter hat mir mit seinem Knüppel einen Zahn ausgeschlagen. Er hat mir mit seinem Stock auf den Mund geschlagen, der Zahn war weg. - Andere Leute haben ein Auge verloren oder ihnen wurden die Rippen gebrochen. Hier, schau mal, der wurde mit einem Schlagstock aufs Ohr geschlagen."

Euronews hat bereits 2018 über die festhängenden Migranten auf der Westbalkanroute berichtet. Schon damals war die Not groß und es gab viel Gewalt.

Bei der französischen Hilfsorganisation Emmaus können die Migranten duschen und ihre dreckigen Kleider waschen lassen. Die engagierte Rechtsanwältin Dženeta Delić Sadiković kümmert sich um alles und jeden. Sie ist empört über die völlig fehlende Unterstützung durch den örtlichen Stadtrat von Tuzla. Und an die Adresse der Europäischen Union gerichtet, bittet sie die Mitgliedsstaaten, die an der Außengrenze "gestrandeten" Menschen aufzunehmen.

"Das Problem mit der Polizeigewalt an der kroatisch-bosnischen Grenze muss gelöst werden", meint sie. _"Da die Menschen nicht in Bosnien-Herzegowina bleiben wollen, muss man ihnen einen Weg zeigen, das Land Richtung Europa zu verlassen."
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Die Lage in Lipa eskalierte: Ein Lager brannte nieder

Lipa liegt im Westen. Einen Tag vor Weihnachten brannte das Lager ab. Legten wütende Migranten das Feuer? Die Untersuchung läuft noch. Lokalbehörden versäumten, Lipa winterfest zu machen. Die Internationale Organisation für Migration schlug Alarm. Die Zentralregierung wollte die Menschen daraufhin nach Zentralbosnien umquartieren, in eine alte Kaserne. Anwohnerproteste verhinderten das. Um die Menschen nicht erfrieren zu lassen, übernahm das Innenministerium, die Armee baute beheizte Zelte auf.

Eine humanitäre Katastrophe wurde in letzter Minute verhindert- aber der Aufbau einer grundlegenden Infrastruktur ist noch im Gange.

Der pakistanische Migrant Suleman Shadid berichtet: "Wir müssen zwei Kilometer laufen, um an Trinkwasser zu gelangen. Pro Tag bekommen wir nur drei Wasserkanister für 33 bis 45 Leute."

Er sei Bauingenieur, erzählt Suleman, der angibt, seit einem Jahr unterwegs zu sein. Er will als Hotelmanager in Italien, Deutschland oder Spanien arbeiten. Er habe bereits einige Arbeitserfahrungen auf Baustellen in den Golfstaaten gesammelt, sagt Salman. Auf dem Gelände des Lipa-Camps hat er jetzt etwa vier Monate verbracht.

Auf dem Territorium Bosnien-Herzegowinas halten sich derzeit etwa 9.000 Migranten auf. Diese Leute menschenwürdig unterzubringen, sollte machbar sein, meint der EU-Botschafter in Sarajewo Johann Sattler gegenüber Euronews und fordert die Politiker des Landes auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Ziaullah Zahheer, ein Migrant aus Afghanistan, sagt: "Um sich zu waschen, kommen alle Leute aus dem Lager hier an die Quelle. Warmes Wasser gibt es nicht. Ist das eine korrekte Unterbringung? Alle Migranten müssen sich hier im Freien waschen. Ich fordere von der Europäischen Union, ernsthaft was zu unternehmen und sich um uns Migranten zu kümmern."

Ziaullah Zaheer stellt sich als einer der Sprecher der im Lager Lipa anwesenden Migranten vor. Er hat Afghanistan verlassen, weil er von einigen der Kämpfergruppen ins Visier genommen wird, erzählt er. Er will in ein europäisches Land, um sein Leben zu retten. Einer seiner Brüder hat durch Schüsse ein Auge verloren. Daraufhin haben die Eltern Ziaullah gedrängt, zu gehen.

Bihać ist eine Stadt an der Grenze zu Kroatien. 60 besetzte Gebäude gibt es hier. Die Internationale Organisation für Migration bringt Essen.

Jedes Jahr zwanzig Millionen Euro. Mit diesem Geld will die Europäische Union Bosnien-Herzegowina helfen, damit das Land die Migrationskrise in den Griff bekommt. Doch trotz dieser Millionensummen hausen weiterhin Hunderte Migranten in Ruinen - so wie hier im westbosnischen Bihać. Der Ort liegt unweit der EU-Außengrenze. Die lokalen Behörden weigern sich strikt, eine voll ausgestattete Notunterkunft wiederzueröffnen, die sofort 2000 Migranten aufnehmen könnte.

Kompetenzwirrwarr in Bosnien-Herzegowina

Kernproblem ist der Kompetenzwirrwarr in Bosnien-Herzegowina. Entscheidungen der Zentralregierung werden von lokalen Gebietskörperschaften blockiert. Und einige Regionen verweigern rundweg die Notunterbringung von Migranten. In den Ruinen hilft die Internationale Organisation für Migration (IOM). IOM-Regionalleiterin Nataša Omerović:

"Die Lage ist ernst. Diesen Menschen hier fehlt das Allernötigste. Allein in diesem Gebäude leben 120 Menschen. In der gesamten Region hausen rund 1000 Migranten in solchen Ruinen, an Orten so wie diesem, den Sie hinter mir sehen können."

Anoosh Mostafaei kommt aus dem Iran. Dort sei er politisch verfolgt worden, weil er der aserbaidschanischen Minderheit angehöre. Der härteste Teil seiner Reise sei das Verlassen des Irans und die Durchquerung schwieriger Gebirgsregionen ohne genügend Lebensmittelvorräte gewesen, erzählt Anoosh. Sein beruflicher Traum: eine Karriere als professioneller Bodybuilder in einem westeuropäischen Land. Sein Ziel ist Deutschland. Zusammen mit seinem Kumpel Milad ist er soeben in Bihać eingetroffen: "Ich habe meine Reise vor drei Jahren begonnen", so Anoosh Mostafaei. "Die Grenze (nach Europa) ist geschlossen, was kann ich tun? Vielleicht helfen mir Freunde, Schmuggler - ich werde Geld zahlen."

Bira - Jugoslawiens berühmte Kühlschrankfabrik. Bis September des vergangenen Jahres war hier eine Notunterkunft für 2000 Migranten. Doch dann häuften sich die Beschwerden der Nachbarn: Einbrüche und nicht nur das, wie Seid Šehić berichtet. Er lädt den euronews-Reporter in seinen Gemüsegarten ein. Der liegt direkt zwischen seinem schmucken Häuschen und der Notunterkunft. Es geschah beim Kartoffelpflanzen erzählt er:

"Da kamen auf einmal fünf dieser Migranten auf mich zu. Einer von ihnen hatte ein langes Messer in der Hand und griff mich an. Ich hatte schon die Spitze des Messers auf meinem Bauch, das ging durch die Kleidung. Ich konnte gerade noch einen Schritt zurückweichen, eine Mistgabel aufheben und ihm damit das Messer aus der Hand schlagen. Der Typ fiel hin."

Gemeinsam mit Nachbarn und anderen Bürgern aus allen Teilen der Stadt errichtete er ein Protestcamp vor der nun geschlossenen Bira-Fabrik, um sicherzustellen, dass die Migranten nicht in das nun leere Lager zurückgeschickt werden.

Ein hochrangiger Diplomat warnt den Reporter in einem Hintergrundgespräch vor Mustafa Ružnić, dem "Ministerpräsidenten" des Kantons Una Sana, einem Mann, der bereit sei, Menschen erfrieren zu lassen. Ružnić rechtfertigt seinen harten Kurs mit der Kriminalitätsstatistik. Die Migrationskrise sei längst kein humanitäres Problem mehr, sondern eines der öffentlichen Sicherheit, meint er:

"In meinem Kanton Una Sana gibt es dauernd Prügeleien zwischen Paschtunen und Hasara, zwischen Schiiten und Sunniten. In den vergangenen drei Jahren verübten diese Migranten mehr als 3200 Vergehen, darunter auch solche Verbrechen wie Vergewaltigungen, Morde von Migranten an Migranten, diverse Mordversuche an unseren Bürgern, Brandstiftungen, Eigentumsdelikte wie Einbrüche in Privathäuser und so weiter. Jeder Migrant, der sich hier in unserer Stadt herumtreibt, sollte abgeschoben werden, er ist illegal hier."

Rückkehr nach Hause

Am Lagereingang haben Bürger aus Bihać "Lager - nein danke!" plakatiert. Seit September durfte kein Kameramann mehr hier filmen. Die Internationale Organisation für Migration erteilte Euronews eine Ausnahmegenehmigung. Die Coronakrise führte in Bosnien zu einem harten Lockdown. Das führte zu Spannungen. Im April kam es zu einer Massenschlägerei. Im Herbst war dann Schluss. Das sorgt für Ärger auf höchster Ebene: Denn in Bira stecken europäische Steuergelder. Und jetzt steht es leer. Und die Migranten irren draußen im Winter umher. Ein Skandal.

Nataša Omerović leitete das Camp. Sie sagt: "Der Ort ist innerhalb von 24 Stunden voll funktionsfähig. Wir haben 250 Container und in jedem können sechs Leute untergebracht werden. Damit kommen wir auf 1500 Menschen, die man in diesem Lager aufnehmen könnte."

Rückflug über Istanbul. Einige Passagiere werden von der Internationalen Organisation für Migration begleitet. Es sind freiwillige Rückkehrer, die IOM stellt Flugtickets und kümmert sich um Papiere. Im vergangenen Jahr nahmen 303 Migranten das Angebot an und flogen von Bosnien zurück nach Hause.

Weitere Quellen • Journalist/Kameramann/Producer: Hans von der Brelie; Schnitt: Francois Rudolf; Fixer: Asim Beslija; Drohnen-Pilot: Anes Turkovic; Übersetzung: Asim Beslija & Novka Kaurin; Produktion: Géraldine Mouquet; Produktionsleitung: Sophie Claudet