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Bosnien: Migranten in Ruinen

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Warum irren immer noch hunderte Migranten obdachlos im bosnischen Winter umher, obwohl die Europäische Union jedes Jahr zwanzig Millionen Euro nach Bosnien-Herzegowina fließen lässt, damit das Land die Migrationskrise in den Griff bekommt? Trotz dieser Millionensummen leben viele Migranten monatelang in Ruinen, unter Zeltplanen, in ausrangierten Eisenbahnwaggons - oder so wie hier im westbosnischen Bihac im labyrinthischen Rohbau eines riesigen Altersheimes.

Bihac liegt unweit der EU-Aussengrenze. Von hier ist es nicht weit bis nach Kroatien. Doch die Grenzen sind geschlossen.

Die lokalen Behörden in Bihac weigern sich strikt, eine voll ausgestattete und von der EU durchfinanzierte Notunterkunft, Bira, die von heute auf morgen 2.000 Migranten beherbergen könnte, wiederzueröffnen.

Anoosh Mostafaei kommt aus dem Iran, wo er nach eigenen Angaben politisch verfolgt wird. Er ist Angehöriger der Aseri-Minderheit im Norden des Iran. Sein Ziel ist Deutschland oder sonst ein EU-Land. Dort will er als Bodybuilder sein Leben neu aufbauen, schildert er Euronews gegenüber seinen Berufstraum. Zusammen mit seinem Kumpel Milad ist er soeben in Bihac eingetroffen. In einem der mittleren Stockwerke des Altersheimes bemühen sich die beiden Neuankömmlinge, eine dünne Plastikbahne an der fensterlosen Außenfront zu befestigen, um den kalten Winterwind abzuhalten. Von der Betondecke tropft Wasser auf den nackten Boden, Anoosh und Milad haben eine flache Metallschüssel dorthin gestellt, viel nützt es nicht, der Boden ist nass.

Von einer Hilfsorganisation haben die beiden Isomatten und Schlafsäcke erhalten. In einer Ecke steht eine Kiste voller Äpfel, in einer anderen eine mit Mandarinen. Vom lichtlosen Flur sind die Geräusche einer Axt zu hören, eine Gruppe Pakistani hackt Holz um am offenen Feuer Fladenbrote und Gemüseeintopf zu kochen. Aus einer anderen lichtlosen Ruinenhöhle duftet es nach Hühnersuppe, auch hier flackert ein offenes Feuer, dort lebt eine Migrantengruppe aus Afghanistan, der Boden ist dicht belegt mit unzähligen Decken, an der Wand hängt ein lila Regenschirm.

Nach einer Weile haben es Anoosh und Milad endlich geschafft, ihren Windschutz zu befestigen, mit einem Backstein schlagen sie einen krummen Nagel in einen Riss der Betonwand. Dann setzen sie sich auf ihre Schlafsäcke. Anoosh hat Zeit zu erzählen: "Ich habe meine Reise vor drei Jahren begonnen. Als ich den Iran verließ hat man mir gesagt: Du gehst zwei Stunden über die Berge und Du hast es geschafft... doch diese erste Etappe war die schlimmste. Als ich vom Iran aus aufbrach, habe ich kaum Proviant mitgenommen. Aus den angeblich zwei Stunden Bergtour wurden fünf Tage in der Bergwildnis, ohne Proviant. Ich flehte Gott um Erlösung an. Ich hatte nichts zu essen, kaum zu trinken..." - Eine Zeitlang lebte Anoosh in der Türkei, fühlte sich schlecht behandelt, die Türken hätten ihn, den Migranten aus dem Iran, ausgegrenzt, offen angefeindet. Er konnte nicht Fuß fassen. Also entschloß sich der junge Mann mit dem freundlichen Lachen, erneut sein Glück zu wagen - und er machte sich auf den Weg nach Europe, folgte der "Balkanroute".

Warum hat er nicht einfach bei einer Botschaft um Schutz gebeten, fragen wir ihn? Wenn es stimmt, dass er politisch verfolgt ist, dann könnte die Bitte um Asyl ja auch auf offiziellem Weg abgewickelt werden, sei es über eine deutsche oder sonstige Auslandsvertretung. "Das ist illusorisch", meint Anoosh und berichtet von einem Freund, der bereits zehn Jahre auf Hilfe warten würde. "Ich will nicht zehn Jahre meines Lebens mit warten vergeuden", sagt der junge Mann. Also nimmt er die Unbillen der illegalen Grenzübertritte in Kauf. Aber: "Die Grenze nach Europa ist geschlossen, was kann ich tun? Vielleicht helfen mir Freunde, Schmuggler - ich werde Geld zahlen."

Zurück zur Frage, warum so viele Migranten im Freien oder in Ruinen übernachten, trotz EU-Hilfe. Warum gibt es in Bosnien-Herzegowina nur zwei große und ganz wenige kleine Sammelunterkünfte? In Serbien ist das anders. Beide Länder, Serbien wie Bosnien-Herzegowina, haben ungefähr gleich viele Migranten auf ihren Territorien, acht- bis neuntausend. Doch Serbien hat sich anders aufgestellt, hat anstelle weniger Riesencamps mit großen Managementproblemen viele kleinere Strukturen geschaffen - die etwas gleichmäßiger im Land verteilt sind. In Bosnien-Herzegowina hingegen konzentriert sich das Problem auf die Region um Bihac und Sarajewo - auch deshalb, weil die bosnische Region "Republika Srpska" sich strikt weigert, Migranten zu beherbergen.

Ein weiteres Kernproblem ist der Kompetenzwirrwarr in Bosnien-Herzegowina. Entscheidungen der Zentralregierung werden von lokalen Gebietskörperschaften blockiert. Und einige Regionen verweigern rundweg die Notunterbringung von Migranten. Schwierigkeiten gibt es neben den serbischen zunehmend auch in den mehrheitlich kroatisch besiedelten Landesteilen Bosnien-Herzegowinas.

In den Ruinen des Altersheims von Bihac hilft die Internationale Organisation für Migration (IOM). Natasa Omerovic ist eine leitende Managerin vor Ort - und sie nimmt kein Blatt vor den Mund: "Die Lage ist katastrophal. Wir stehen hier vor einer schweren humanitären Krise."

Die Europäische Union hat den diplomatischen Druck auf Poltiker in Bosnien-Herzegowina erhöht - es muss verhindert werden, dass Menschen erfrieren, so EU-Botschafter Sattler im Gespräch mit Euronews in Sarajewo. Zwar wird nun das Lager Lipa - eine halbe Fahrtstunde von Bihac entfernt und umgeben von tief verschneiten Winterfeldern - erneut aufgebaut (zu Weihnachten wurde hier Feuer gelegt, es brannte ab). Das ändert aber nichts an der Lage der Menschen, die in und um Bihac unter menschenunwürdigen Bedingungen in Ruinen hausen.

Euronews-Reporter Hans von der Brelie vor Ort: "Hier, in diesem früheren Altenheim, jetzt eine Ruine, hausen 120 Migranten. In der Stadt Bihac leben etwa 600 obdachlose Migranten. Und in der gesamten Region wird die Zahl der Menschen ohne Unterkunft im Kalten auf etwa 2.000 geschätzt. Hier gibt es keinen Strom, kein Wasser - und die sanitären Verhältnisse sind haarsträubend. - Zumindest haben diese Menschen etwas zu essen, die Vereinten Nationen und die Europäische Union leisten Nahrungsmittelnothilfe. - Hans von der Brelie, Bosnien-Herzegowina, Euronews."

Journalist • Hans von der Brelie