Eilmeldung
Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

"Sie wird mir fehlen": 15 Freiwillige verlassen ihre Höhle

Von der Sonne geblendet: Die 15 Freiwilligen verlassen die Höhle
Von der Sonne geblendet: Die 15 Freiwilligen verlassen die Höhle   -   Copyright  Renata Brito/Copyright 2021 The Associated Press. All rights reserved.
Schriftgrösse Aa Aa

Die 15 TeilnehmerInnen eines Lockdown-Experiments in den Pyrenäen haben am Samstag wieder "ihre" Höhle verlassen.

40 Tage lang hatten sich 15 Männer und Frauen freiwillig in der Grotte von Lombrives, eine der größten Europas einschließen lassen, um die Grenzen der menschlichen Anpassungsfähigkeit an die Isolation zu testen.

"Uns geht's gut", sagte ein Teilnehmer am Samstag vor laufenden Kameras in der Nähe des Ortes Tarascon-sur-Ariège, "Wir sind draußen.

Geblendet vom Licht und mit blassen Gesichtern, aber ansonsten kerngesund kam die Gruppe unter der Leitung des französisch-schweizerischen Forschers Christian Clot gegen 10:30 Uhr wieder ans Tageslicht.

Vieles während dieser 40 Tage einfach vergessen

Vor ein paar Stunden wollte sie die Höhle nicht verlassen, sagt die 33-jährige Marina Lançon. "Ich denke, wir hatten uns an die Umgebung angepasst, aber jetzt, wo wir wieder neue Gerüche wahrnehmen und wieder Farben sehen, den Wind spüren... Es gibt so viele Empfindungen, die zurückkommen, es sind all die Empfindungen, die ich eigentlich während dieser 40 Tage vergessen hatte." Sie werde ihr trotzdem fehlen, die Höhle.

Bei dem unterirdischen Isolationsexperiment verzichteten die Probanden im Alter zwischen 27 und 50 Jahren auf Uhren, Smartphones, natürliches Licht und andere Annehmlichkeiten der Moderne und lebten dafür in einem Höhlensystem mit einer konstanten Temperatur von 12 Grad Celsius und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Zur Abwechslung gab es Bücher, Spiele, eine Küche und Fitnessräder, mit denen gleichzeitig der eigene Strom erzeugt wurde. Wasser musste aus einem Brunnen 45 Meter unter der Erde geschöpft werden.

"Es war ein echter Schock"

"Deep Time" heißt das Experiment, das Auswirkungen des Verlusts von Raum und Zeit austestet, sowie die Fähigkeit des Menschen, sich daran anzupassen.

Die Luftfeuchtigkeit beispielsweise habe einen sehr großen Einfluss gehabt, sagt Forschungsleiter Christian Clot. Im Lauf der Zeiten sei eine Müdigkeit zu spüren gewesen, der Bedarf an Lebensmitteln gestiegen. Auslöser für dieses Forschungsprojekt sei die Erfahrung des Corona-Lockdowns gewesen, hatte Clot vor dem Einstieg im März dazu gesagt.

Viele TeilnehmerInnen betonen, dass sie subjektiv das Gefühl hatten, viel weniger Zeit in der Höhle verbracht zu haben, als man ihnen mitteilte, die 40 Tage seien vorbei.

"Es war ein echter Schock. Ich dachte, es wären noch fünf oder sechs Tage übrig", sagte Emilie Kim-Foo, eine 29-jährige Krankenschwester.

Während des Experiments gab es eine große Diskrepanz bei den Schlafzyklen. Wenn die einen aufstanden, gingen andere ins Bett.

"Wir hatten keine Zeitvorgaben", erklärt Tiphaine Vuarier, eine 32-jährige Heilgymnastin.

"Wahrscheinlich haben wir in manchen Nächten mehr und in anderen weniger geschlafen", meint Marie-Caroline Lagache, eine 50-jährige Juwelierin.

"Normalerweise erinnere ich mich nie an meine Träume. Es war eine angenehme Überraschung, in der Höhle erinnerte ich mich an einige Träume", sagt Arnaud Burel, ein 29-jähriger Biologe.

Experiment ohne "Kontrollgruppe"

Etienne Koechlin, Leiter des Labors für kognitive Neurowissenschaften an der renommierten französischen Forschungsstätte ENS, sagte, das Projekt sei "bahnbrechend". Daten über die Gehirnaktivität und die kognitiven Funktionen der Teilnehmer wurden gesammelt, bevor sie die Höhle betraten, um sie mit den Werten zu vergleichen, nachdem sie sie verlassen hatten.

Andere Experten wie Pierre-Marie Lledo vom staatlichen Forschungszentrum CNRS und dem Institut Pasteur bemängeln, dass es bei dem Experiment keine "Kontrollgruppe" gab.