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Elisabeth Moreno: "Technologie hilft der Emanzipation"

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Von Anne Devineaux  & Sabine Sans
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Elisabeth Moreno: "Technologie hilft der Emanzipation"
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Zu Gast bei The Global Conversation: Die französische Ministerin Elisabeth Moreno. Die Tochter kapverdischer Einwanderer ist in den sozialen Schichten bis zur mächtigen Wirtschaftsführerin im Technologiesektor aufgestiegen. Als politischer Neuling wurde sie vergangenen Sommer zur beigeordneten Ministerin für die Gleichstellung von Frauen und Männern, Diversität und Chancengleichheit beim Premierminister ernannt.

Euronews-Reporterin Anne Devineaux:
Ihre Hauptaufgabe ist der Kampf gegen Diskriminierung. Die Pandemie hat die Ungleichheiten, die Diskriminierungen vertieft. Frauen sind - unter anderen- die Hauptverlierer. Was tun Sie angesichts dieser Notlage?

Elisabeth Moreno, beigeordnete Ministerin für die Gleichstellung von Frauen und Männern, Diversität und Chancengleichheit beim Premierminister:
Bei Ihrer Frage kommt mir ein Zitat von Simone de Beauvoir in den Sinn: Sie sagte, es genügt eine politische, ökonomische oder religiöse Krise – und schon werden die Rechte der Frauen wieder infrage gestellt. Und genau das ist während dieser Pandemie geschehen.

Frauen standen in der Krise an vorderster Front, sie besetzen grundlegende Stellen wie beispielsweise im Gesundheitswesen. Sie arbeiten in Altenheimen, um sich um die alten Menschen zu kümmern. Sie arbeiten im Bildungswesen, im Vertrieb, in der Reinigung.

Und sie waren, wie Sie bereits sagten, die ersten Opfer, denn als der Lockdown angekündigt wurde, waren sie diejenigen, die – wenn möglich – in Telearbeit zu Hause blieben, sich um die Hausaufgaben der Kinder kümmerten und gleichzeitig die Hausarbeit erledigten. Ich habe in der Technologiebranche gearbeitet . Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass Technologie ein mächtiges Werkzeug ist, um Frauen mehr Flexibilität und eine bessere Balance zwischen ihrem Privat- und Berufsleben zu ermöglichen. Gleichzeitig kann sie aber auch eine Falle für Frauen darstellen. Sich um häusliche Aufgaben zu kümmern und zu arbeiten, als ob man im Büro wäre, ist ein psychischer Druck, der nicht zu ertragen ist.

Wir müssen die Post-Covid19 -Welt inklusiver und egalitärer gestalten, nicht nur bei den Rechten, sondern auch bei den Werkzeugen, die man Frauen für eine weiterreichende Emanzipation an die Hand gibt.

Häusliche Gewalt tötet körperlich, Träume und Ambitionen

Euronews:
Kommen wir zum Thema häusliche Gewalt. Auch in diesem Bereich hatten die Perioden des Lockdowns dramatische Auswirkungen. Was denken Sie, wie steht Frankreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern da? Geht es uns wirklich besser als den anderen?

Elisabeth Moreno:
Diese Gewalt tötet, sie tötet körperlich, sie tötet Träume, sie tötet Ambitionen. 2019 hatten wir einen runden Tisch ("Grenelle", Konsultationen zwischen verschiedenen Akteuren) zum Thema häusliche Gewalt ins Leben gerufen. Daraus sind 46 konkrete und praktische Maßnahmen hervorgegangen, wie z. B. Unterbringungsplätze zur Aufnahme von Frauen in Not, die Opfer von Gewalt wurden, Anti-Annäherungs-Armbänder, die dafür sorgen, dass Angreifer sich von ihren Opfern fernhalten.

"Häusliche Gewalt tötet, sie tötet körperlich, sie tötet Träume, sie tötet Ambitionen."
Elisabeth Moreno
französische Gleichstellungsministerin

Euronews:
Genau zu diesem Thema der elektronischen Armbänder: In Spanien gibt es sie zum Beispiel schon seit über zehn Jahren. Hinken wir da nicht etwas hinterher?

Elisabeth Moreno:
Sie haben recht. Diese Armbänder wurden Ende vergangenen Jahres im Dezember in allen Gerichtsbarkeiten in Frankreich eingeführt. Jetzt sind wir im Mai. Wir müssen den Dingen Zeit geben, damit sie wirksam werden.

Vor ein paar Jahren war häusliche Gewalt nur eine Nachricht. Bis vor wenigen Jahren haben wir 70.000 Polizeibeamte nicht speziell für den Umgang mit häuslicher Gewalt ausgebildet. Bis vor ein paar Jahren waren die Richter nicht so proaktiv im Umgang mit Fragen der häuslichen Gewalt. Noch vor einigen Jahren war die Gesellschaft der Meinung, dass häusliche Gewalt eine private Angelegenheit ist, um die man sich nicht kümmern sollte.

Geschäftwelt: Frauenquote und Technologie

Euronews:
Sprechen wir über die Geschäftswelt, die Sie ja gut kennen. Die Nationalversammlung hat gerade einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der die Quote in Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern vorschreibt. Eine verpflichtende Frauenquote. Gibt es keine andere Lösung?"

Elisabeth Moreno:
Dieses Gesetz beinhaltet mehrere Maßnahmen. Sie erwähnen die zahlenmäßigen Zielvorgaben für Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern, von denen wir mehr als 30 Prozent Frauen in Führungspositionen fordern. Es geht bei diesem Gesetz aber nicht nur um Quoten. Wir werden auch an der Hochschulbildung arbeiten, um mehr Mädchen in Berufe zu bringen, die von Frauen vernachlässigt werden, wie z.B. Wissenschaft, Technologie und Ingenieurwesen. Im digitalen Bereich sind die beruflichen Möglichkeiten heute exponentiell. Und Frauen lassen sich diese Möglichkeiten entgehen. In Frankreich gibt es nur 12 Prozent weibliche Start-ups, 12 Prozent!

Tut Frankreich zu wenig gegen Homophobie?

Euronews:
Vor Kurzem war der internationale Tag gegen Homophobie und Transphobie. Verbände beklagen einen schweren Rückschlag für die Rechte von LGBTI+-Menschen in mehreren europäischen Ländern - Ungarn, Polen, aber auch in Frankreich. Frankreich wird für seine Untätigkeit gerügt. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Elisabeth Moreno:
Wir haben 42 Aktionen durchgeführt, um für die Anerkennung der Rechte von LGBTI+ Personen zu kämpfen, um sicherzustellen, dass sie echten Zugang zu all diesen Rechten haben, um gegen den Hass und die Diskriminierung zu kämpfen, deren Opfer sie sind, und um ihr tägliches Leben zu verbessern. Als nächstes kümmern wir uns darum, dass lesbische Paare, aber auch alleinstehende Frauen, Zugang zu medizinisch unterstützter Fortpflanzung haben. Wenn man bei all diesen Maßnahmen der Meinung ist, dass Frankreich nicht proaktiv ist, halte ich das für unfair.

Es ist unglaublich, dass es in Polen sogenannte LGBTI+-freie Zonen gibt. Wir haben darauf reagiert. Wir haben an die Europäische Union geschrieben und Sanktionen gefordert. Denn in der Europäischen Union geht es auch um Werte, die wir gemeinsam tragen und teilen.

Euronews:
Als Frau mit Migrationshintergrund sind Sie persönlich mit Diskriminierung konfrontiert worden. Wie haben Sie darauf reagiert?

Elisabeth Moreno:
Ich bin mit allen Diskriminierungen konfrontiert worden, die man sich vorstellen kann. Mit allen. Ich bin eine Frau, ich bin schwarz, ich bin eine Einwanderin, ich habe eine Behinderung. Ich werde Ihnen nicht von all den Verletzungen und Demütigungen erzählen, die ich erlitten habe. Ich bin, was ich bin. Und gleichzeitig hatte ich das Glück, in einem Land aufzuwachsen, in dem ich von der öffentlichen Schule profitieren konnte. Ich bin sozial aufgestiegen. Meine Eltern hätten das nie für möglich gehalten. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Denn Menschen wie ich befinden sich in einer permanenten Selbstzensur. Sie hören oft Sätze wie 'das ist nichts für dich', 'was glaubst du, wer du bist?', 'Bleib an deinem Platz'. Manche geben auf. Ich habe das Glück, Menschen um mich herum gehabt zu haben, die mich begleitet haben, die mich unterstützt haben, die mir geholfen haben. Und die Funktion, die ich heute habe, ist genau das, was ich für andere tun möchte.