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Kanada: Trauer an Massengräbern Indigener

Von su mit AFP
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Kanada: Trauer an Massengräbern Indigener
Copyright  Kayle Neis/The Canadian Press via AP
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Nach einem weiteren Horrorfund im Westen Kanadas haben Abkömmlinge von Ureinwohnern eine Trauerzeremonie abgehalten. Vor wenigen Tagen waren in Marieval in der Provinz Saskatchewan mehr als 750 anonyme Gräber in der Nähe eines früheren katholischen Internats für Kinder von Ureinwohnern entdeckt worden. Die Einrichtung südlich der Stadt Regina in Zentralkanada war von 1899 bis 1997 in Betrieb. Das Volk der Cowessess übernahm die Einrichtung in den 1980er Jahren von der katholischen Kirche.

Erst Ende Mai war der Fund eines Massengrabs mit 215 Kindern bei einem anderen Internat für Indigene im Westen des Landes bekanntgeworden – nahe der Kleinstadt Kamloops in der Provinz British Columbia.

Chasity Dilorme, vom Volk der Cowessess (First Nation):

"Ich erinnere mich als Kinder, wenn jemand beerdigt wurde, gingen wir den Weg bis zu der Stelle der neuen Gräber … und es hieß immer: 'Geh nicht da darüber, geh nicht dorthin, wir meinen, da liegen Leichen drunter'."

"Wir stehen erst ganz am Anfang, das ist erst die zweite bekannte Fundstelle."

Vom 17. Jahrhundert bis in die 1990er wurden sogenannte «residential schools» von der Regierung verwaltet und finanziert. Betreiber waren größtenteils Kirchen und religiöse Organisationen. Geschätzt 150.000 indigene und Mischlings-Kinder wurden ihren Familien entrissen und in diesen Einrichtungen untergebracht, wo sie die Traditionen der europäischen Kolonialisten lernen mussten, um ihre eigenen Sprachen und Kulturen zu vergessen. Gewalt und sexueller Missbrauch gehörten in den Schulen nach Zeugenaussagen zur Tagesordnung. Rund 4.000 sollen das nicht überlebt haben.

KOLONIALGESCHICHTE

Jetzt stehen der kanadische Staat und die katholische Kirche unter Druck, dreihundert Jahre Kolonialgeschichte aufzuklären und aufzuarbeiten. Seit der Entdeckung der anonymen Gräber wurden in Indigenen-Gebieten vier Kirchen angezündet.

Nach der Entdeckung der 751 Gräber bei dem früheren Internat für indigene Kinder, das lange von der katholischen Kirche betrieben worden war, hat Kanadas Premierminister Justin Trudeau nach eigenen Angaben Papst Franziskus zu einer Entschuldigung aufgefordert. Bei einem Gespräch habe er betont, wie wichtig es sei, dass das Kirchenoberhaupt sich «bei indigenen Kanadiern auf kanadischem Boden entschuldigt», so Trudeau am Freitag (Ortszeit). Brisant: Trudeau kommt aus einer katholischen Familie und wurde in der Kathedrale von Ottawa getauft.

Trudeau sagte, die Nachricht vom Fund weiterer Gräber habe ihn «furchtbar traurig» gemacht. Es sei eine «schamvolle Erinnerung an den systemischen Rassismus, an Diskriminierung und Ungerechtigkeit», die die Indigenen in Kanada in der Vergangenheit und auch heutzutage erleben müssten – und das müsse sich ändern.

Die UN forderten eine Untersuchung, Indigene eine Entschuldigung des Vatikans. Der Bund souveräner indigener Völker (FSIN) sprach von einem «Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Vertreter indigener Gruppen hatten schon nach dem ersten Fund gefordert, alle früheren Einrichtungen dieser Art untersuchen zu lassen.

Die Ureinwohner der Cowessess hatten in den vergangenen Wochen das jüngste Fund-Gelände der Schule sowie einen angrenzenden Friedhof mit Radargeräten nach

menschlichen Überresten abgesucht. Noch sei unklar, ob es sich dabei nur um die Gräber von Kindern handele oder ob auch Erwachsene dort begraben lägen, hieß es am Donnerstag.

«furchtbar traurig»
Justin Trudeau
kanadischer Premierminister

Viele indigene Gemeinschaften machen die Heime, die ganze Generationen geprägt haben, heute für soziale Probleme wie Alkoholismus, häusliche Gewalt und erhöhte Selbstmordraten verantwortlich. Ottawa entschuldigte sich schon im Jahr 2008 offiziell bei den Überlebenden der Internate. Sie seien Opfer eines "kulturellen Genozids", stellte eine Untersuchungskommission im Jahr 2015 fest.

su mit AFP