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Jean-Claude Juncker: Europa sollte nicht belehren, sondern mit gutem Beispiel vorangehen

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Von Efi Koutsokosta
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Jean-Claude Juncker: Europa sollte nicht belehren, sondern mit gutem Beispiel vorangehen
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Die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel ist mit Abstand die dienstälteste unter den derzeitigen EU-Regierungschefs. Sie half, die Europäische Union durch die Migrations-, die Eurokrise und Covid-19 zu steuern. Was ist ihr europäisches Erbe? Darüber spricht euronews-Reporterin Efi Koutsokosta in The Global Conversation mit einem weiteren langjährigen EU-Politiker, dem ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker.

Unvergessliche Momente mit Angela Merkel

Euronews-Reporterin Efi Koutsokosta:

Können Sie uns von unvergesslichen Momenten aus den Jahren ihrer Zusammenarbeit mit Angela Merkel erzählen?

Jean-Claude Juncker, ehemaliger EU-Kommissionspräsident:

Sie ist eine sehr humorvolle Person, obwohl sie in Deutschland als bodenständig und ernsthaft gilt. Sie hat immer Kollegen imitiert, auch mich. Aber nie, wenn ich dabei war. Aber sie hat Sarkozy, Trump und andere sehr gekonnt imitiert. Darin war sie eine echte Meisterin.

Euronews:

Erinnern Sie sich auch an Konflikte mit ihr während all dieser Krisen in der Vergangenheit?

Jean-Claude Juncker:

Ich hatte Konflikte mit ihr. Ja. Eher Auseinandersetzungen, hauptsächlich über Griechenland, weil die Deutschen, ihre eigene Partei, die deutsche Presse die Würde des griechischen Volkes nicht respektierten. Ich sagte ihr, dass Griechenland anders ist als ihr Eindruck von dem Land.

Euronews:

Haben Sie sie überzeugen können?

Jean-Claude Juncker:

Ich habe es versucht. Ich war erfolgreich zusammen mit anderen, vor allem mit dem damaligen französischen Präsidenten François Hollande. Ihr eigener Finanzminister Wolfgang Schäuble, ein guter Freund von mir und übrigens sehr pro-europäisch eingestellt, wollte Griechenland vorübergehend aus der Eurozone ausschließen. Ich war ein starker Gegner dieser Idee. Sie hat diese Idee nie geteilt, aber sie hat auch nie ihre Nützlichkeit bestritten. Aber letzten Endes war sie der Meinung, dass uns das in unruhige Gewässer mit anderen Ländern führen könnte.

Leistungen und Misserfolge

Euronews:

Sie beschreiben sie - und sie wird allgemein als pragmatische Politikerin beschrieben. Was war für Sie ihre größte Leistung und was ihr größter Misserfolg?

Jean-Claude Juncker:

Ich denke, ihr größter Misserfolg war die Zurückhaltung, die sie während der griechischen Krise gezeigt hat, denn durch ihr Zögern und ihre Zurückhaltung haben wir Zeit verloren. Griechenland hätte früher geholfen werden können.

Euronews:

Abgesehen von Griechenland, was war ihr größter Erfolg? Was ist ihr Vermächtnis, ihr europäisches Erbe?

Jean-Claude Juncker:

Ihre größte Errungenschaft war meiner Meinung nach die Rolle, die sie während der Flüchtlingskrise im August, September 2015 gespielt hat. Sie war strikt gegen die Idee, die Grenze zwischen Österreich, Tirol und Bayern, Deutschland zu schließen. Auch da war ihr Denken eine perspektivische Herangehensweise an diese große Krise. Sie sagte mir, - ich hatte sie im August, September 2015 oft am Telefon, und wir trafen uns sehr oft, - sie sagte: ‚Was für ein Bild gibt die Europäische Union nach außen ab und welches Bild gibt Deutschland ab, wenn wir die Grenzen schließen, wenn wir Armee und Polizisten an die Grenze zu Österreich stellen und diese armen Menschen zurückweisen?‘ Viele von ihnen kamen aus Syrien, andere aus Afghanistan, von überall her. Arme Menschen, verzweifelte Menschen. Und sie tat das gegen die Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit und gegen die Mehrheit in ihrer eigenen Partei, der CDU. Ein Anführer ist jemand, der zu seinem eigenen Lager nein sagen kann.

Europäisches Vermächtnis der Kanzlerin

Euronews:

Also ist sie eine Anführerin.

Jean-Claude Juncker:

Sie ist eine Führungspersönlichkeit. Was ist das Vermächtnis von Merkel in Europa? Ihr Erbe ist, dass sie Deutschland fest in Europa verankert hat. Sie hat den deutschen Bürgern klargemacht, dass Europa ein Teil der deutschen Staatsraison ist. Das ist ihr großes Vermächtnis, denn nach ihr wird es keinen Kanzler mehr geben, der nicht pro-europäisch ist.

Deutschlands wichtige Rolle in Europa

Euronews:

Schauen wir nach vorn. Wird Deutschland seine Führungsrolle in Europa auch nach Merkel behalten?

Jean-Claude Juncker:

Es gibt keine deutsche Führung in Europa. Das ist eine deutsche Ansicht, die von den Griechen und allen anderen geteilt wird. Aber die Europäische Union war nie eine von Deutschland geführte Gruppe von Ländern. Das ist nicht wahr. Aber Deutschland spielt eine große Rolle, das größte Land, die stärkste Wirtschaft, das Land mit den meisten europäischen Nachbarn. Deutschland muss also seine Rolle in der Mitte des Kontinents spielen. Und Deutschland liegt sehr nahe an Mittel-, Zentral- und Osteuropa. Deutschland hat also eine Rolle zu spielen, unabhängig von demjenigen, der Kanzler in Deutschland ist. Aber Angela Merkel tat es auf eine sehr vorsichtige, weise und intelligente Art und Weise, weil sie allen Ländern zuhörte, den großen Ländern, den mittelgroßen Ländern oder den kleineren Ländern. Als ich mit ihr Regierungschef war, hat sie mir nie den Eindruck vermittelt, dass sie mich mit wohlwollender Herablassung behandelte. Nein. Sie hat mir den Eindruck vermittelt, dass ich genauso wichtig bin wie der Präsident der USA.

"Wir sollten nicht zu bescheiden sein, aber wir sollten auch nicht versuchen, die ganze Welt zu belehren. Das ist eine europäische Untugend."
Jean-Claude Juncker
ehemaliger EU-Kommissionspräsident

Euronews:

Wie wird Europa Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren in einer sich wandelnden globalen Welt bestehen?

Jean-Claude Juncker:

Die Welt verändert sich, aber die Europäische Union verändert sich nicht genug. Wir passen uns nicht ausreichend an die zukünftige neue Welt an, an das, was wir im Jahr 2030, 2040 brauchen. Und ich denke, dass die internationale Rolle der Europäischen Union gestärkt werden muss, einschließlich der internationalen Rolle des Euro, unserer gemeinsamen Währung. Wir sollten nicht zu bescheiden sein, aber wir sollten auch nicht versuchen, die ganze Welt zu belehren. Das ist eine europäische Untugend: Wann immer wir in Afrika oder Asien sind, sagen wir ihnen, wie sie etwas zu tun haben. Das mögen sie nicht. Und es ist nicht die Aufgabe Europas, andere zu belehren, sondern mit gutem Beispiel voranzugehen.

Euronews:

Gibt es charismatische Führungspersönlichkeiten, um den Zug zu steuern?

Jean Claude Juncker:

Das wird sich zeigen.