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Mary Robinson: Menschenrechtlerin und Mahnerin

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Mary Robinson: Menschenrechtlerin und Mahnerin
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Mary Robinson war von 1990 bis 1997 Präsidentin der Republik Irland. Zwischen 1997 und 2002 war sie bei den Vereinten Nationen als Kommissarin für Menschenrechte tätig. Mittlerweile ist die 76-Jährige Vorsitzende des Weltältestenrates. Dabei handelt es sich um eine unabhängige Vereinigung von Führungspersönlichkeiten, die Nelson Mandela 2007 ins Leben rief, um sich gemeinsam für Frieden und Menschenrechte einzusetzen.

euronews: Es ist mehr als ein Jahr her, dass die Weltgesundheitsorganisation Covid-19 als Pandemie einstufte. Seitdem befindet sich die Welt in der Krise. Obwohl darüber nicht viel berichtet wird, hat die Pandemie die Lücke zwischen Ländern, Bevölkerungen und gesellschaftlichen Schichten vergrößert. Welches sind die langfristigen Auswirkungen?

„Wir stehen vor einem sehr schwierigen Jahrzehnt"

Mary Robinson: Es ist besorgniserregend. Der Weltältestenrat hat viel darüber gesprochen, dass Covid Ungleichheiten zwischen Rassen und Geschlechtern verstärkt hat. Auch für Menschen, die eine Behinderung haben, die Migrant oder Flüchtling sind, haben sich die Ungleichheiten verstärkt. Und es bleibt schwierig, denn hinter der Covid-Krise lauert die Klima-Krise. Wir müssen uns also von Covid auf eine Weise erholen, die in Einklang mit der Notwendigkeit steht, den Schadstoffausstoß zu verringern. Wir stehen vor einem sehr schwierigen Jahrzehnt. Die Ungleichheiten sind da und schaden den Menschen sehr. Auf das Thema werden wir sicher noch zu sprechen kommen, aber insbesondere Frauen sind stark beeinträchtigt.

euronews: Frauen tragen den Löwenanteil in der Pflege und in der Kinderbetreuung. Wir sind im Jahr 2021, und Frauen in Europa erhalten im Schnitt immer noch einen 14 Prozent geringeren Stundenlohn als Männer. Dabei gibt es in den EU-Ländern große Unterschiede. Warum glauben Sie, ist es wichtig, das Thema so schnell wie möglich anzugehen?

Robinson: Es ist sehr wichtig, das anzugehen, was das Frauenrechtskommissariat der Vereinten Nationen „Generation Gleichberechtigung" nennt, und das anlässlich des 25. Jahrestags der Erklärung von Peking zu tun. Das Jubiläum war im vergangenen Jahr, aber wir begehen es dieses Jahr mit besonderer Beachtung. Es stimmt, dass die Arbeit von Frauen in Gesundheitsberufen, in der Pflege, auch von Reinigungskräften in Krankenhäusern mehr wertgeschätzt wird. Das ist schlechtbezahlte Arbeit, die jetzt mehr wertgeschätzt wird, weil sie dafür gesorgt hat, dass Einrichtungen geöffnet bleiben, die sonst geschlossen wären. Frauen sind unverhältnismäßig stark von Arbeitslosigkeit betroffen: Weil Gastgewerbe und Handel stark unter der Pandemie leiden und weil sie öfter freinehmen müssen, weil die Kinder von zu Hause aus unterrichtet werden oder um sich um ältere Menschen zu kümmern.

Wir wollen etwas vorwärtsgerichtet mit Gleichheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit aufbauen

euronews: Glauben Sie, dass die Pandemie für Europa ein Weckruf sein kann, dass wir als Kontinent altern und uns auf eine nächste Pandemie vorbereiten müssen? Vielleicht 2060, dann werden möglicherweise Roboter da sein, die aber keine Steuern zahlen.

Robinson: Der Weltältestenrat ist sich darüber im Klaren. Gro Harlem Brundtland, eines der Mitglieder, sitzt einem Ausschuss vor, der im September 2019 vor einer Pandemie gewarnt hat und sich mit der Möglichkeit weiterer Pandemien befasst. Die Welt muss sich dieser Sorge bewusst sein. Ich will versuchen, dass wir anders über die Art und Weise nachdenken, wie wir die Pandemie hinter uns lassen. Das Vorherige besser wieder aufbauen zu wollen, finde ich nicht richtig, denn wir wollen doch nicht zur ungerechten vorherigen Welt zurückkehren. Wir wollen etwas vorwärtsgerichtet mit Gleichheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit aufbauen - Nachhaltigkeit in Bezug auf die Umwelt und das Bedürfnis einer lebenswerten Welt für unsere Kinder und Enkel.

euronews:Ein anderes Thema, das Europa seit Jahren bestimmt und spaltet, ist der Umgang mit Einwanderung. Sie sind als Menschenrechtlerin bekannt. Was hätte Europa besser machen sollen?

Robinson: Wir brauchen ein gerechteres System in Europa. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Mittelmeerländer - vor allem Italien und Griechenland - eine unverhältnismäßige Last tragen. Das ist nicht gerecht. Das dauert schon zu lange an. Wir müssen damit gerechter umgehen. Wir wissen, dass diese Menschen, die ihre Länder unter gefährlichen Umständen verlassen und in ein anderes Land gehen, zu vielem bereit sind. Sie sind mutig und bauen, überall dort, wo sie hingehen, Gesellschaften auf. Das zeigt die Erfahrung.

Asyl- und Einwanderungspolitik: „Ich finde, wir müssen uns verbessern"

euronews: Aber die Bilder, die wir zum Beispiel aus Lagern in Bosnien sehen, sollten Europa und die europäische Politik beschämen. Stimmen Sie dem zu?

Robinson: Ich finde, wir müssen uns verbessern. In Irland hatten wir Vorschriften in Bezug auf das Asylrecht, die verändert werden, weil wir eingesehen haben, dass eine Gesellschaft daran gemessen wird, wie sie mit ihren Häftlingen umgeht. Und wie sie mit denjenigen umgeht, die hergekommen sind, weil sie vor einem Konflikt oder Verfolgung geflohen sind. Der Blick muss ebenso auf Themen der sozialen Gerechtigkeit gerichtet sein und darauf, bei der Überwindung der Pandemie auf die Schaffung verständlicherer Sicherungssysteme in Europa und anderswo zu achten.

euronews: Als Mitglied des Weltältestenrates sind Sie eine Kämpferin für Frieden. Wie besorgt sind Sie über das angespannte britisch-irische Verhältnis und die Verletzbarkeit des Karfreitagsabkommens?

Robinson:Sie werden verstehen, dass ich als ehemalige Präsidentin nicht darüber sprechen kann. Ich werde mich aus der Politik heraushalten. Aber ich verfolge die Politik sehr genau und leidenschaftlich. Aber ich will mich nicht dazu äußern, denn vieles ist derzeit etwas angespannt. Und das ist nicht gut.

Wenn man zusammenrechnet, welche Zusagen man von welchen Ländern bekommen hat

euronews:Lassen Sie uns über etwas sprechen, bei dem Sie sich wohlfühlen, über den Klimawandel nämlich. Hier in Brüssel gab es viel Wirbel, weil John Kerry hier war und versprochen hat, mit der EU zusammenarbeiten zu wollen und ihr zu helfen, ihre umweltpolitischen Ziele zu erreichen. Was müssen die Politik und die Schwerindustrie tun, damit der Kontinent 2050 Co2-neutral ist? Und zwar ungeachtet hochtrabender Aussagen und umweltmäßigen Reinwaschens?

Robinson:Wir haben in diesem Jahr zwei große Ereignisse: Die Konferenz über biologische Vielfalt in China und die Klimakonferenz in Glasgow im November. Beide wurden vergangenes Jahr verschoben. Jedes Land, jede Gesellschaft, jedes Unternehmen muss im Grunde sagen: Wir wollen 2050 oder früher frei von Schadstoffausstoß sein. Von da aus müssen wir rückwärtsgewandt arbeiten: Was bedeutet das für das Jahr 2030 oder 2025? Was bedeuten diese Zusagen für unser Land? Bisher sind wir noch nicht auf Kurs. Wenn man zusammenrechnet, welche Zusagen man von welchen Ländern bekommen hat, haben wir es nicht mit einer sicheren Welt zu tun.

euronews: Sie standen jahrzehntelang in der Öffentlichkeit und hatten eine lange Karriere. Da bleiben schwierige Augenblicke nicht aus. Sie hatten einen solchen 2018, als sie in Dubai Prinzessin Latifah trafen. Sie haben gesagt, in dieser Sache naiv gewesen zu sein. Haben Sie den Eindruck, dass die vergangenen zwei Jahre vielleicht eine verpasste Gelegenheit waren, sich in ihrer Sache deutlicher zu äußern?

Robinson: Es ist sehr wichtig, das Büro der UNO-Kommissarin für Menschenrechte, die ein Lebenszeichen gefordert hat, zu unterstützen und noch weiterzugehen, nämlich nicht nur die Freilassung von Latifah zu fordern, sondern auch ihrer Schwester. Darauf muss das Augenmerk gerichtet sein.