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Leute vor der Wahl 2021: "Landwirtin sein ist wie Selbstkasteiung"

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Von Verena Schad
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Sonja Kornblum
Sonja Kornblum   -   Copyright  Foto privat
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In der Portraitreihe Leute vor der Wahl 2021 erzählen Wähler:innen im Vorfeld der Bundestagswahl am 26. September was ihnen wichtig ist und was sie von der neuen Regierung erwarten.

"Es gibt keine andere Option, ich stelle mir die Frage gar nicht", sagt Sonja Kornblum. Sie steht jeden Morgen auf und versorgt die Kinder, dann Hunderte Tiere, dann gehts ins Büro. Die 39-Jährige lebt mit ihrer Familie in der Lüneburger Heide in der Nähe von Soltau und hat im Sommer den landwirtschaftlichen Betrieb ihrer Eltern übernommen: Ferkelerzeugung, Schweinemast und 85 Hektar Ackerbau.

Ein Leben, das sich die meisten kaum vorstellen können. Neben der harten Arbeit auf ihrem eigenen Hof und dem ihres Mannes ist Sonja Kornblum noch in der landwirtschaftlichen Verwaltung tätig. Freizeit? Hobbys? Gibt es nicht. "Es ähnelt einer persönlichen Selbstkasteiung, man arbeitet jeden Tag, verbrennt sich und sein Eigentum." Die Frage, wie es mit den Hof weitergehen soll sei so zentral, dass es daneben gerade kein anderes Thema in ihrem Leben gebe.

Aber Sonja Kornblum will es und das strahlt sie auch aus. Durch ihre Arbeit in der landwirtschaftlichen Verwaltung kennt sie sich im Dschungel der neuesten Agrarverordnungen aus. Doch das trifft bei weitem nicht auf alle Landwirt:innen zu. "Dass man da noch durchsteigt, ist echt nicht einfach", sagt selbst die Fachfrau.

Sich häufig ändernde Verordnungen beim Düngen, Insektenschutz und der Tierhaltung würden viele Bauern verunsichern. Die meisten von ihnen seien offen für Modernisierung, Umweltschutz und Innovation, aber die Verordnungen würden sich teilweise schnell ändern. Die Konsequenz: Viele sind vorsichtig und halten Investitionen zurück.

"Wenn man dann noch ein bisschen älter ist und nicht so affin ist was Technik und Innovationen angeht, dann ist das auch ein Grund für viele zu sagen, ich höre auf." Aber Sonja Kornblum ist jung und hat die besten Vorraussetzungen erfolgreich weiter zu machen. Sie wolle nicht die Generation sein, die den Familienbetrieb aufgibt, sagt sie.

Nach den Coronaausbrüchen in den Schlachthöfen (...) es wurde Schweinestau genannt (...) das war keine schöne Zeit.
Sonja Kornblum, Landwirtin und landwirtschaftliche Beraterin

Sonja Kornblum

Landwirtin und landwirtschaftliche Beraterin
39 Jahre alt, Soltau in Niedersachsen

Was ist für Sie das wichtigste Thema bei der Bundestagswahl?

"Man kann das meiner Meinung nach nicht auf ein eniziges Thema begrenzen. Einerseits ist es natürlich der Klimawandel und wie wir darauf reagieren können, wie die künftige Bundesregierung darauf reagieren wird. Wichtig ist auch das Thema soziale Gerechtigkeit. Meiner Meinung nach entzweien wir uns gesellschaftlich immer mehr, leben uns auseinander. Der Anteil der Menschen, die verloren gehen, muss kleiner werden, meiner Meinung nach wird er immer größer, viele fühlen sich abgehängt. Das finde ich nicht in Ordnung."

Was hat sich für Sie durch die Coronakrise geändert?

"Eigentlich hat sich für uns persönlich gar nichts verändert, wir wohnen auf dem Land, da hat sich das Leben nicht großartig geändert, es gab auch keine großen Entbehrungen muss man ehrlicherweise sagen.

Aber letztes Jahr im Sommer, nach den Coronaausbrüchen in den Schlachthöfen war der Schweinemarkt extrem zusammengebrochen. Es wurde Schweinestau genannt, sie konnten nicht geschlachtet werden und wurden nicht abgeholt bis in den Februar hinein. Das war keine schöne Zeit. Niedrige Preise sind das eine, damit kann man wahrscheinlich leben, damit kommt man irgendwie zurecht, aber dass Tiere nicht abgeholt werden, es nicht weitergeht und die Ställe dann irgendwann ein bisschen voller sind, das ist kein gutes Gefühl."

Was wünschen Sie sich für die neue Ära in Deutschland nach Angela Merkel?

"Dass Klimaschutz zu einem Projekt wird, das auch Viele motivieren kann, anstatt nur Verzicht und Kosten zu sehen. Ich sehe darin auch eine große Chance und würde mir wünschen, dass mal wieder eine positive Stimmung durch die Gesellschaft geht. Im Großen und Ganzen kann man doch froh sein, hier zu leben. Dass sich wieder mehr Menschen dessen bewusst werden, würde ich mir wünschen.

Bezogen auf die Landwirtschaft, habe ich noch keine Zeit erlebt, in der so viele Änderungen in kürzester Zeit auf die Landwirtschaft einprasseln. Das soll nicht heißen, dass wir uns Veränderungen verschließen würden, ganz im Gegenteil, aber jede Verordnung mehr kostet sehr viel Nerven, weil man sie am Schreibtisch dokumentieren muss, und kostet mittlerweile auch immer sehr viel Geld. In einer Zeit, in der man betrieblich nur schwer über die Runden kommt, ist es noch schwieriger, wenn neue Verordnungen kommen, die den Betrieb wieder Geld kosten."

"Landwirte verunsichert das extrem, keiner würde im Moment einen neuen Stall bauen oder so, weil man im Moment nicht weiß, wie er in Zukunft aussehen soll, wie er für die nächsten Jahre gebaut sein soll, so dass es für die Politik in Ordnung ist."

Welche Eigenschaften sollte die nächste Kanzlerin oder der nächste Kanzler haben?

"Wir wir jetzt zurückschauen, wie Angela Merkel so war, sie hatte ein extrem dickes Fell, und das ist, glaube ich, eine sehr wichtige Eigenschaft, und dass man mehr sagt was ich nicht so schön finde, ist, dass man Politikern überhaupt keine Fehler mehr zugesteht. Und dass mal wieder ein bisschen Spontaniät rein kommt i den Laden, das hatte Merkel jetzt ja ganr nicht so. Das könnte unserem Land gut stehen, das wir da mal ein bisschen mehr Schwung reinbringen, sagt sie lächnelnd."

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