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Leute vor der Wahl 2021: "Baerbock kapiert Klimakrise, Laschet nicht"

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Von Verena Schad
Benedikt Hielscher
Benedikt Hielscher   -   Copyright  Foto privat
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In der Portraitreihe Leute vor der Wahl 2021 erzählen Wähler:innen im Vorfeld der Bundestagswahl am 26. September was ihnen wichtig ist und was sie von der neuen Regierung erwarten.

Benedikt Hielscher ist viel rumgekommen, hat die letzten acht Jahre im Ausland verbracht und in Entwicklungsländern und Krisenregionen in internationalen Hilfsprojekten gearbeitet. Naheliegend, dass ihm wahrscheinlich auch deshalb die Themen soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltung so wichtig sind, auch bei uns in Europa und Deutschland.

Regierungen hätten in der Vergangenheit hierzulande Systeme etabliert, in denen die Menschen Angst hätten, abzurutschen, kritisiert er. Während der Corona-Lockdowns habe er dann gesehen, wie schlecht es vielen Selbstständigen ging - er gehörte auch dazu - nicht wenige sind in Hartz-IV gelandet. Benedikt hatte Glück.

Heute ist der 34-Jährige Geschäftsführer in einem Digital Health StartUp, das eine App zur Rauchentwöhnung entwickelt. Diese soll dann auch von den Krankenkassen verschrieben werden können. "Da ist Deutschland in Sachen Digitalisierung tatsächlich mal ganz vorne dabei", freut sich der gebürtige Hamburger. Dennoch gebe es in Sachen digitale Infrastruktur für die nächste Regierung richtig viel zu tun.

Die Klimakrise, das ist schon sehr wichtig, aber (...) ein Problem, das uns noch viel drängender beschäftigt im Moment: die gesellschaftliche Spaltung.
Benedikt Hielscher

Benedikt Hielscher

Geschäftsführer des Start-Ups "Smoke Free 23"
34 Jahre alt, Berlin

Was ist für Sie das wichtigste Thema bei der Bundestagswahl?

„Auf der einen Seite ist es die Klimakrise, das ist schon sehr wichtig, aber es ist auch die Art und Weise, wie wir das bearbeiten. Weil ich als ein Problem, das uns noch viel drängender beschäftigt im Moment, die gesellschaftliche Spaltung sehe. Die sehen wir auch durch Corona noch mal stärker. Sie wurde, wenn auch nicht gewollt, dennoch in den letzten Jahren vorangetrieben – auch durch die verschiedenen konservativen Regierungen, indem Systeme wie Hartz-IV etabliert wurden, in denen Menschen Angst haben abzurutschen, weniger integriert sind.

Und das ist auch bei der Klimakrise wichtig, einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz nicht nur für Deutschland zu finden, sondern mindestens für Europa, wahrscheinlich für die ganze Welt. Also: es ist sowohl die Klimakrise als auch wie wir das fair vorantreiben können.“

Was hat sich für Sie durch die Coronakrise geändert?

„Sehr, sehr viel. Mitte 2019 bin ich zurück nach Deutschland gezogen, da war von Corona noch nichts zu hören. Ich habe mich selbstständig gemacht, war als Trainer für Konflikttransformation tätig, ich hatte vorher viel in Konfliktgebieten gearbeitet. Das beinhaltet natürlich auch Reisetätigkeit. Mit Corona fiel das auf einmal alles weg.

Ich habe in Berlin gesehen, wie viele Selbstständige am langen Arm verhungern mussten. Während es für Arbeitnehmerinnen positiverweise viele Hilfsprogramme gab, führte für viele Selbständige, nachdem es einmal die Hilfen gab, der Weg nur in Hartz-IV."

Was wünschen Sie sich für die neue Ära in Deutschland nach Angela Merkel?

„Ich wünsche mir ein Deutschland, das reflektierter mit seiner Position in der Welt umgeht, auch mit seiner Position in Europa, das sich als ein Teil Europas versteht und zwar nicht nur des alten Europas, sondern auch expliziert in die neueren Staaten guckt. Wo können wir unseren Teil leisten, damit Europa gerechter und gleicher wird?

Und ich wünsche mir, dass das nicht nur ankommt in den Köpfen der Menschen, die in der Regierung sitzen, sondern in den Köpfen der ganz normalen Wählerinnen und Wähler, der Menschen, die in Deutschland sonst vielleicht relativ wenig davon mitbekommen. Das wir als Land nicht nur als Nationalstaat dastehen. Da hat Corona einiges verändert, als wir merkten, dass es viele Probleme gibt, die machen nicht an der Landesgrenze halt machen, die kommen im Zweifel aus anderen Ländern, in denen die Systeme bei weitem nicht so gut sind wie bei uns, mit voller Wucht über die Grenze und dann durch die Haustür ins eigene Wohnzimmer."

Lass uns die Ideen angucken und nicht nur die Personen, die diese Ideen äußern, das würde ich mir wünschen.
Benedikt Hielscher

Welche Eigenschaften sollte die nächste Kanzlerin oder der nächste Kanzler haben?

„Ich finde, dass sich niemand mit Ruhm gekleckert hat von den drei Spitzenkandidat:innen. Von denen, die da sind, wäre für mich Annalena Baerbock die beste, weil sie nicht so tief in den Taschen der Industrie zu stecken scheint wie Olaf Scholz und das Problem der Klimakrise begriffen hat, anders als Armin Laschet. Trotzdem hätte ich auch da die Sorge, dass sie sich leicht manipulieren ließe, wenn es um Auseinandersetzungen mit Menschen wir Putin oder Erdogan geht.

Eine Regierung, die über die Parteigrenzen hinweggeht - die Praxis im heutigen Bundestag, dass Anträge der Opposition grundsätzlich abgelehnt werden, finde ich nicht mehr zeitgemäß. Das erzeugt solche Grabenkämpfe, die ich als Wähler nur frustrierend finde. Lass uns die Ideen angucken und nicht nur die Personen, die diese Ideen äußern, das würde ich mir wünschen - solange sie von demokratischen Parteien kommen.“

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