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Wie beeinflussen die Sanktionen des Westens das Leben in Russland?

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Von Naira Davlashyan  & Marina Shibalova, Chris Harris  mit AP
Besucher gehen an einer geschlossenen Chanel-Boutique im Kaufhaus GUM in Moskau vorbei, Mittwoch, 9. März 2022
Besucher gehen an einer geschlossenen Chanel-Boutique im Kaufhaus GUM in Moskau vorbei, Mittwoch, 9. März 2022   -   Copyright  AP Photo

Die erste Filiale öffnete noch zu Sowjetzeiten, jetzt schließt McDonald's vorerst seine Schnellrestaurants in Russland. Alle 850. Die Entscheidung mit Symbolcharakter schlug in der vergangenen Woche hohe Wellen.

Tatsächlich aber folgten der Ankündigung zahlreiche ausländische Unternehmen, die wegen der Invasion Moskaus in der Ukraine ihre Geschäftstätigkeit in Russland aussetzen oder gleich ganz einstellen wollen.

Neben der Schließung der McDonald's-Restaurants haben auch Starbucks, KFC, Pizza Hut und Coca-Cola ihr Geschäft in Russland auf Eis gelegt.

Zuvor hatten bereits die finnischen Unternehmen Valio (Molkereiprodukte) und Paulig (Kaffee) ihren Rückzug angekündigt.

Der Westen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein breites Paket von Sanktionen gegen Moskau verhängt, darunter Maßnahmen gegen die russische Zentralbank, den Ausschluss einiger russischer Banken aus dem globalen Finanztransaktionssystem SWIFT, die Einschränkung der Materiallieferungen an russische Hersteller, die Reduzierung der Energieeinfuhren aus Russland und die Sperrung des Luftraums für russische Flugzeuge und Fluggesellschaften.

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Junge Menschen in einem McDonalds-Restaurant in Moskau am 9. März 2022. Die US-Fastfood-Kette will sich aus Russland zurückziehen.AP Photo

Preiserhöhungen und Beschränkungen für russische Einkäufe

Seit Putin seine Truppen in die Ukraine geschickt hat, ist der Wert der russischen Währung, des Rubels, stark gesunken. Das verteuert die Einfuhr von Waren erheblich.

Am 23. Februar, dem Tag vor dem Einmarsch, kostete 1 Dollar 80 Rubel. Am 10. März waren es 119 Rubel.

Unternehmen, die auf importierte Waren angewiesen sind, gerieten in Panik.

Marina Albee, die Besitzerin des vegetarischen Restaurants Cafe Botanika im historischen Zentrum von Sankt Petersburg, hat von ihrem Obst- und Gemüselieferanten gehört, dass die Preise um 10 bis 50 % steigen werden.

Das Café importiert getrockneten Seetang und geräucherten Tofu aus Japan, Mini-Spargel aus Chile, Brokkoli aus Benin, Basmati-Reis und Kokosnussöl aus Indien.

"Wir warten darauf, dass der Tsunami kommt - der Tsunami sind die Preiserhöhungen für alles, was wir einkaufen", so Albee.

Für die Einkäufer haben die Maßnahmen bisher sowohl positive als auch negative Folgen.

In Sankt Petersburg ist der große Auchan-Supermarkt, der den größten Teil der ersten Etage des Einkaufszentrums Leto einnimmt, um die Hälfte geschrumpft. Ein Teil der Fläche ist leer, die Regale sind abgebaut und viele Produkte sind verschwunden.

"Ich habe gehört, dass Auchan bleiben will, aber einige Produkte, die ich früher gekauft habe, sind nicht mehr da. Das muss an den Sanktionen liegen", sagte Galina, eine Kundin. "Natürlich haben wir schon viel Schlimmeres erlebt, aber es ist unwahrscheinlich, dass es in naher Zukunft besser wird."

Andere Moskauer, mit denen Euronews sprach, haben keine leeren Regale bemerkt.

Die Preise scheinen jedoch zu steigen. Rosstat, die staatliche Statistikbehörde, teilte mit, dass die Preise für ausländische Autos und Fernsehgeräte seit Anfang März um 15 % gestiegen sind.

Auch die Kosten für einige Lebensmittel steigen. Sowohl Zucker, Nudeln als auch Mehl werden knapp.

Laut Rosstat ist der Preis für Zucker in der ersten Woche des Monats um 3,3 % gestiegen.

Sorge um Arbeitsplätze

Abseits der Einkaufsstraßen macht man sich Sorgen über die Auswirkungen der Sanktionen auf die Arbeitsplätze.

Die russische Arbeitslosenquote lag im Januar bei 4,4 %, aber Schätzungen zufolge könnte sie sich in den kommenden Monaten verdoppeln.

Dafür sind mehrere Faktoren verantwortlich, neben dem Rückzug westlicher Firmen auch die Auswirkungen der Unterbrechung der Lieferkette auf russische Unternehmen.

"Viele Menschen werden ihre Arbeit verlieren, weil Unternehmen geschlossen werden, weil es an Rohstoffen für die Produktion mangelt, weil die Nachfrage ausbleibt und weil die Menschen ärmer werden", sagte der russische Wirtschaftswissenschaftler Andrei Movchan gegenüber Euronews.

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Zwei Frauen schauen sich die Wechselkurse in einer Wechselstube in St. Petersburg an. Der Rubel hat seit Putins Invasion der Ukraine erheblich an Wert verloren.AP Photo

Kein Paypal mehr

Natalia, eine Tutorin, arbeitet in einer der Sprachschulen, die ihre Dienste online anbieten. Jetzt fürchtet sie, Schüler zu verlieren, die ihr kein Geld mehr aus dem Ausland überweisen können.

"Das Paypal-System, mit dem viele Schüler Geld für den Unterricht an mich überwiesen haben, funktioniert in Russland nicht mehr", sagte sie Euronews.

"Der Dollar- und Euro-Kurs liegen bei über 100 Rubel - natürlich wird alles teurer, und das kann die Sorgen nicht lindern."

"Mit dem Unterricht verdiene ich meinen Lebensunterhalt, und wenn sich die Situation weiter so entwickelt, werden Fremdsprachen für russische Studenten gar nicht mehr gebraucht."

Bei anderen haben sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Lisa ist 19 Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder in Moskau, wo sie vor kurzem einen Job bei dem japanischen Bekleidungsunternehmen Uniqlo gefunden hat. Doch auch dieses Unternehmen kündigte an, dass es seine Geschäftstätigkeit angesichts der Invasion Russlands einstellen will.

"Uniqlo hat ein sehr gutes Sozialpaket, ich mochte den Job sehr", sagte sie Euronews. "Jetzt, habe ich nichts mehr davon, ich muss mir einen neuen Job suchen."

Lisa sagt, dass ihre Mutter ebenfalls arbeitslos ist und dass sie jetzt für die Familie sorgen muss.

"Ich bin sehr besorgt".

Für die Behörden hat die Bekämpfung der steigenden Arbeitslosigkeit höchste Priorität.

"Zunächst wollen wir immer noch hoffen, dass nicht Millionen von Menschen arbeitslos werden, sondern weniger", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. "In der Tat verlassen Unternehmen das Land, die Regierung kümmert sich darum, das ist ein vorrangiges Thema - Arbeitslosigkeit und Anti-Krisen-Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt. Ich denke, dass wir in naher Zukunft auch von der Regierung hören werden, welche Maßnahmen geplant sind."

Als IKEA ankündigte, das Geschäft in Russland vorerst einzustellen, bildeten sich vor den Möbelhäusern lange Schlangen.

Die Russen werden ärmer

Obwohl durch die Sanktionen ein großee Teil der russischen Devisenreserven eingefroren wurden, sind die Staatsfinanzen in guter Verfassung und die Verschuldung gering. Wenn die Regierung Kredite aufnehmen muss, sind ihre Gläubiger meist inländische Banken und keine ausländischen Investoren, die sie in einer Krise im Stich lassen könnten. Die Regierung kündigte Unterstützung für große Unternehmen an, die besonders wichtig für die Wirtschaft im Land sind.

Welche kurzfristigen Auswirkungen die Sanktionen auf das russische Wirtschaftswachstum haben könnten, ist nicht leicht einzuschätzen, da weitere Sanktionen folgen könnten und die Folgen von Putins Krieg ungewiss sind.

"Die Russen werden sehr viel ärmer sein - sie werden kein Geld haben, um in der Türkei Urlaub zu machen oder ihre Kinder im Westen zur Schule zu schicken. Und selbst wenn, dann sind sie womöglich wegen Putin nicht willkommen sein", sagte Tim Ash, Senior Emerging Market Sovereign Analyst bei BlueBay Asset Management.

Er rechnet mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums um 10 %, während andere Ökonomen einen Rückgang von nur 2 % oder etwas dazwischen sehen.

Langfristig sind die Aussichten für eine wachsende Wirtschaft nicht gut - aus Gründen, die schon vor dem Krieg bestanden haben: Einige wenige begünstigte Insider kontrollieren wichtige Unternehmen und Sektoren, was zu einem Mangel an Wettbewerb und neuen Investitionen führt. Russland hat es versäumt, sich von seinem dominanten Öl- und Gassektor zu lösen. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2020 ungefähr auf dem Stand von 2014.

Ausländische Investitionen, die in den 30 Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgebaut wurden, und die Arbeitsplätze, die sie mit sich brachten, stehen vor dem Aus. Große Unternehmen wie Volkswagen, Ikea und Apple haben Werke stillgelegt oder den Verkauf gestoppt. Energieriesen BP, Exxon und Shell haben erklärt, dass sie kein russisches Öl und Gas mehr kaufen oder aus Partnerschaften aussteigen werden.

Am Mittwoch senkte die Rating-Agentur Fitch die Kreditwürdigkeit des Landes weiter auf Ramschniveau und warnte vor einem bevorstehenden Zahlungsausfall der Staatsschulden.

Seitdem der Kreml wegen der Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 mit Sanktionen konfrontiert ist, gelten diese Maßnahmen als die wichtigste Waffe des Westens gegenüber Moskau. Als Reaktion darauf hat Connolly, ein Associate Fellow am Royal United Services Institute und Autor eines Buches über Russlands Reaktion auf die Sanktionen, den Begriff "Kalaschnikow-Wirtschaft" geprägt, eine Anspielung auf das russische Militärgewehr.

Es handelt sich um ein dauerhaftes, in gewisser Weise primitives System", das auf einer geringen Verschuldung, der Kontrolle des größten Teils des Bankensystems durch die Regierung und einer Zentralbank beruht, die in der Lage ist, zu intervenieren und die Währung und die Banken zu stützen.

Zwar wird der Handel zurückgehen und es werden weniger Waren verfügbar sein, doch bedeutet der schwächere Rubel, dass die russische Regierung mehr von ihrer Währung für das verkaufte Öl erhält, da der Ölpreis in Dollar angegeben wird. Connolly schätzt, dass Russland bei den jüngsten Preissteigerungen im Vergleich zu 2019 2,7 Mal so viel Rubel aus dem Ölgeschäft erhält, Geld, mit dem Gehälter und Renten bezahlt werden können.