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Erinnerungsarbeit zu Frankreichs Kolonialzeit in Algerien: "Man hört uns nicht"

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Von su  mit AFP
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Die aktuellen Kriegsbilder konfrontieren auch Frankreich mit der eigenen - unzureichend verarbeiteten - Vergangenheit. Neben den Nachkommen von rund 1,4 Millionen Algerienfranzosen (Pieds-noirs, „Schwarzfüße“, 1962: 13 % der algerischen Bevölkerung) kämpfen auch die der „Harkis“, der algerischen Unterstützer der französischen Kolonialpolitik (etwa eine Viertelmillion), mit den Schatten der Vergangenheit.

Mehrere 10.000 wurden in den 1960er Jahren durch das Lager von Rivesaltes geschleust, an der spanischen Grenze nahe der südfranzösischen Stadt Perpignan.

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Hacène Arfi war 1962 fünf Jahre alt. Bis heute sucht der Sohn eines Harki und Präsident einer Betroffenen-Vereinigung („Coordination Harka“) ein totes Geschwisterkind, verscharrt im eiskalten Winter in der Nähe des Auffanglagers.

Hacène Arfi, Sohn eines Harki:

„Wir haben ein Badetuch mitgenommen, mein Vater hat das Kind darin eingewickelt, die Soldaten gaben ihm eine Spitzhacke, dann gingen wir, ich meine, das war nicht einmal ein Kilometer. Wir gingen zu einem Feld und mein Vater grub ein Loch, wir legten es hinein. Meine Mutter war nicht da, weil es ihr schlecht ging, mein Vater sprach einige Gebete und wir begruben es."

ALGERIENKRIEG

Am Ende des Algerienkrieges 1962 gab es rund 45.000 Harkis, 60.000 Wehrdienstleistende und 20.000 Berufssoldaten aus Algerien in der französischen Armee, dazu 60.000 Mitglieder örtlicher Milizen und neben dem Militärapparat noch rund 50.000 Staatsangestellte. Nach Schätzungen emigrierten bis zu einer Viertelmillion (rund 100.000–260.000) Menschen nach Frankreich.

"Emmanuel Macron bittet die Harkis um „Vergebung“ und erkennt ihre „Einzigartigkeit in der Geschichte Frankreichs“ an. „Im ganzen Land beleidigt man Frankreich, wenn man einen Harki beleidigt“, sagte der Präsident."

Hacène Arfi über den Mangel an Aufmerksamkeit beim Lager Rivesaltes:

"Seit dreißig Jahren sagen wir, dass auf den Feldern Kinder begraben sind, und das macht dreißig Jahre, dass das bei einem Ohr reingeht und bei dem anderen wieder raus. Man hört uns nicht." 

Auch Rachid Bedjghit hat damals einen Angehörigen verloren.

"Ich würde ihm gerne ein anständiges Begräbnis geben. Auch wenn es nur symbolisch ist, mit Familie, man gräbt ein Loch, gibt ihm eine Beerdigung, auch wenn wir die Knochen nicht gefunden haben. Aber wenigstens eine anständige Beerdigung, wie er es verdient. Das ist das Einzige, was ich gerne hätte, und ich glaube, das hätte auch meiner verstorbenen Mutter gefallen."

Fatima Besnaci-Lancou, Historikerin und Harki-Tochter:

„Meiner Meinung nach werden wir nie all die Toten finden. Davon bin ich überzeugt. Außerdem das Lager Rivesaltes - ein Teil wurde verkauft, es gibt dort ein Industriegebiet, Ja, es gibt auch den Block F, der als Gedenkstätte dient. Aber nein, wir werden sie nie finden. All diese Gräber sind ein Symbol der Weltgeschichte, einer extrem tragischen Geschichte."

MACRON BITTET UM VERZEIHUNG

Im September 2021 bat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Harkis um „Vergebung“, muslimische Kämpfer, die sich bei der französischen Armee engagierten und dann von Frankreich „im Stich gelassen“ worden seien. Anfang dieses Jahres, 60 Jahre nach Kriegsende, wurde ein „Entschädigungs“-Gesetz verabschiedet. 

Aber die Wunden bleiben offen.

su mit AFP