Enttäuscht und bitter: Warum Iraner ihre WM-Mannschaft nicht unterstützen

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Von Alexandra Leistner
Vor der Reise zur WM in Katar trafen die iranischen Fußballer Irans Präsidenten Raisi - zum Unmut der protestierenden Bevölkerung.
Vor der Reise zur WM in Katar trafen die iranischen Fußballer Irans Präsidenten Raisi - zum Unmut der protestierenden Bevölkerung.   -   Copyright  AP

Als an in Katar der Startpfiff für die Begegnung Iran - England ertönt, haben viele im Iran genau hingeschaut und wurden nicht enttäuscht: Es gab eine Geste der Unterstützung für die Protestierenden.

Für zahlreiche Menschen im Iran war die Hoffnung schon gestorben, von der eigentlich sehr beliebten Fußballnationalmannschaft ein Zeichen zu sehen. 

Doch dann kam es zu einem stillen Protest: Als im Stadion die iranische Nationalhymne erklang, blieb die gesamte Mannschaft stumm. Dafür wurden die Spieler im Netz gelobt.

In welcher Form, Zuschauer:innen im Iran die Spiele mitverfolgen können, ist nicht ganz klar: Aus Teheran wurden keine Sport-Reporter nach Katar geschickt und das Spiel wird im iranischen TV verzögert ausgestrahlt, damit die Übertragung jederzeit abgebrochen werden kann.

Klar ist: Zahlreiche Menschen sind schwer enttäuscht seit die Nationalmannschaft am 14. November Präsident Ebrahim Raisi traf. In sozialen Medien schreibt die Journalistin Golineh Atai, in der iranischen Gesellschaft gebe es viel Spott für die Spieler - vor allem für diejenigen, die sich vor Raisi verbeugten. 

Atai zitiert einen Iraner, der schrieb: "Wenn ihr statt eines Fußballs einen Mullah-Turban kicken würdet auf dem Feld -ich garantier’ Euch: 80 Millionen Iraner würden zugucken!".

Neben Protesten im ganzen Land, demonstrieren einige ihre Wut gegenüber der Regierung der Islamischen Republik, indem sie Geistlichen im Iran den Turban vom Kopf schubsen. Zahlreiche Videos im Internet zeigen die Aktionen.

"Es ist bitter, dass eine Nationalmannschaft VOR einer WM bei den Menschen des eigenen Landes verliert. Selbst wenn Ihr Weltmeister würdet - Ihr habt bereits verloren", zitiert Atai einen anderen Kommentar.

Welche Form von Protest könnte es geben?

Eine Art von Protest, die zumindest von manchen Spielern erwartet wird, ist das Nicht-Singen der Nationalhymne. Es könnte auch sein, dass der ein oder andere sich seine Haare als Zeichen der Soldiarität abschneidet bzw. abrasiert, oder dass ein Tor nicht bejubelt wird.

In sozialen Medien wird zudem diskutiert, dass es möglich ist, Protest von Seiten der Zuschauer.innen zu sehen. So soll vereinbart worden sein, zu einem bestimmten Zeitpunkt den Namen von Mahsa Amini zu rufen. Der Tod der jungen Kurdin in Polizeigewahrsam im September hatte die Proteste ausgelöst.

Allerdings müssen Spieler bei Protest damit rechnen, in ihrer Heimat Probleme zu bekommen oder gleich aus der Mannschaft verbannt zu werden. Als die Kletterin Elnaz Rekabi im Oktober in Südkorea ohne Kopftuch auftrat, kehrte sie früher als geplant in den Iran zurück, entschuldigte sich und verschwand dann aus der Öffentlichkeit. 

"Unser Volk ist unglücklich" - ein Zeichen von Irans Kapitän?

Bei einer Pressekonferenz am Sonntag sprach der Kapitän der iranischen Nationalelf, den Familien im Iran sein Mitgefühl aus. 

"Wir müssen akzeptieren, dass die Bedingungen in unserem Land nicht stimmen. Unser Volk ist nicht glücklich. Wir sind hier, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht ihre Stimme sein sollten oder dass wir sie nicht respektieren sollten. Alles, was wir haben, ist für sie da, und wir müssen kämpfen; wir müssen unser Bestes geben, um Tore zu schießen und den Hinterbliebenen im Iran Ergebnisse zu präsentieren. Ich hoffe, dass sich die Bedingungen ändern und die Erwartungen der Menschen erfüllt werden", so Ehsan Hajsafi.