"Die Demokratie ist verschwunden": Menschen in Brasilien sind besorgt

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Von Euronews
Zerstörungen nach dem Angriff auf Regierungsgebäude
Zerstörungen nach dem Angriff auf Regierungsgebäude   -   Copyright  Eraldo Peres/AP Photo

Vor einer Woche haben Anhänger des brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro Regierungsgebäude in Brasilia gestürmt.

Es ist ein Tag, der im kollektiven Gedächtnis des Landes haften bleiben wird. Die Menschen in der Hauptstadt sind besorgt. "Ich habe die Ereignisse an dem Tag verfolgt, aber irgendwann aufgehört zu schauen. Es war empörend, skandalös", sagt eine Frau auf der Straße. "Es hat mich krank gemacht und irgendwann konnte ich die Nachrichten nicht mehr verfolgen."

Ein Mann erklärt, dass es für ihn wie ein Schock gewesen sei. "Ein kollektiver Wahn, die Menschen wurden dazu angestachelt - sie dachten, sie würden richtig handeln und für ein Ideal kämpfen. Es war ein Verbrechen." Dies müsse bestraft und die wahren Schuldigen müssten gefunden werden.

"Es war ein Putschversuch"

Derzeit laufen mehrere Ermittlungen zu den Hintermännern, die am 8. Januar die Absetzung von Präsident Lula da Silva und die Machtübernahme durch die Armee forderten. Für viele, wie den Geschichts- und Soziologie-Dozenten Leo Puglia ist dies eine deutliche Botschaft:

"Das war tatsächlich ein Putschversuch. Wir wissen nicht genau, wer dahinter steckte - das wird gerade untersucht - oder wie genau der Plan aussah. Aber es war ein Putschversuch."

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Geschichts- und Soziologie-Dozent Leo PugliaEuronews

Die Ereignisse der vergangenen Woche könnten sogar Lulas Regierung geholfen haben. "Lula wird jetzt stärker als Anführer einer Bewegung gesehen, die die Demokratie verteidigt, die in dem Moment stark gefährdet war", erklärt Dozent Puglia.

Auf der anderen Seite habe der Tag auch gezeigt, wie widerstandsfähig der radikale Rand des Bolsonarismus sei und wie weit die Anhänger gehen könnten. "Wir müssen mit allem rechnen. Es gibt einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung, der von der Realität abgekoppelt ist und sich radikalisiert hat."

Kann Lula dem Hass entgegenwirken?

Selbst für seine Anhänger ist Lulas Comeback bemerkenswert. Doch nun steht der 77-Jährige vor seiner bisher wohl schwierigsten Aufgabe. Viele hier haben Angst vor der Wut der Bolsonaro-Anhänger.

"Ich glaube, dass das noch zunimmt", sagt eine Frau in Sao Paulo. Die Wut werde nicht zurückgehen. "Eine einzige Person hat es geschafft, Millionen von Menschen so viel Hass einzupflanzen. Und diese Hassrede wird immer gewalttätiger, das können wir derzeit beobachten. Die Demokratie, von der wir so oft sprechen, ist letzten Sonntag verschwunden."