Zeigt Israel im Gaza-Krieg, dass nichts wirklich unter Kontrolle ist?

Kinder warten in Jabalia im Gazastreifen auf eine Essensverteilung
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Von Euronews mit AP
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Der israelische Regierungschef schickt eine Delegation nach Washington, um über die mögliche Offensive in Rafah im Gazastreifen zu beraten. Doch die Operation im Al-Shifa-Krankenhaus zeigt laut Medienberichten die Schwäche von Israels Armee.

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Laut israelischen und internationalen Medienberichten zeigt der Einsatz der israelischen Armee im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt, dass Israels Armee die Lage im Gazastreifen nicht wirklich kontrolliert. Im selben Krankenhaus hatten israelissche Soldaten schon im November - einen Monat nach Beginn des Krieges - eine vermeintliche Hamas-Zentrale entdeckt. Einige Wochen später waren die Militärs aber aus dem Krankenhaus abgezogen.

Jetzt wurden offenbar mindestens 80 Menschen festgenommen, darunter auch ein Journalist des Senders Al-Jazeera. Tsahal wollte keine Liste mit Namen der Festgenommenen veröffentlichen.

Besonders im Norden des Gazastreifens, in dem das Al-Shifa-Krankenhaus liegt, gibt es seit Wochen so gut wie keine Lebensmittellieferungen. Viele Menschen ernähren sich nur noch von Unkraut.

Meinungsverschiedenheiten zwischen Israel und USA

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich am Montag bereit erklärt, eine Delegation nach Washington zu schicken, um mit Vertretern der Biden-Regierung eine mögliche Rafah-Operation zu besprechen. Beide Seiten versuchten, "der anderen Seite ihre Sichtweise deutlich zu machen", sagte der nationale Sicherheitsberater des Weißen Hauses, Jake Sullivan.

Die USA sind der engste Verbündete Israels und beliefern das Land auch mit Waffen.

Am Montag hatten Biden und Netanjahu erstmals seit mehr als einem Monat wieder miteinander telefoniert. Die Kluft zwischen den Verbündeten ist wegen der Nahrungsmittelkrise im Gazastreifen und Israels Verhalten während des Krieges gewachsen, erklärt das Weiße Haus. Sicherheitsberater Sullivan sagte, die Gespräche der Teams aus beiden Staaten würden in den kommenden Tagen stattfinden und voraussichtlich Experten aus den Bereichen Militär, Geheimdienst und humanitäre Hilfe einbeziehen.

Biden verlangt von Netanjahu, keine Operation in Rafah durchzuführen

Das Weiße Haus steht Netanjahus Plan, eine Operation in der südlichen Stadt Rafah durchzuführen, wohin etwa 1,5 Millionen vertriebene Palästinenserinnen und Palästinener geflohen sind Schutz, skeptisch gegenüber. Dazu erklärte Jake Sullivan, Biden habe Netanjahu in dem Telefonat erneut aufgefordert, keine Rafah-Operation durchzuführen.

Bei den kommenden Gesprächen würden US-Beamte "einen alternativen Ansatz vorstellen, der auf Schlüsselelemente der Hamas in Rafah abzielen und die Grenze zwischen Ägypten und Gaza ohne eine größere Bodeninvasion sichern würde."

Netanjahu wirft den USA offenbar vor, sie wollten nicht wirkungsvoll genug gegen die Hamas vorgehen, die Israel am 7. Oktober angegriffen und damit den Krieg ausgelöst hatte. "Wir sind der Meinung, dass der Hamas weder in Rafah noch anderswo ein sicherer Zufluchtsort gewährt werden sollte, aber eine größere Bodenoperation dort wäre ein Fehler. Sie würde zu weiteren unschuldigen zivilen Todesfällen führen, die ohnehin schon schlimme humanitäre Krise verschlimmern, die Anarchie in Gaza vertiefen und Israel international weiter isolieren."

Zuvor hatten Republikaner in Washington und israelische Politiker den Mehrheitsführer im Senat, Chuck Schumer scharf angegriffen. Dieser hatte Netanjahus Umgang mit dem Krieg im Gazastreifen heftig kritisiert und Israel aufgefordert hatte, Neuwahlen abzuhalten. 

Hunger in Gaza wird immer schlimmer

Einem am Montag veröffentlichten Bericht zufolge droht im nördlichen Gazastreifen, wo 70 % der Menschen unter katastrophalem Mangel leiden, eine Hungersnot. Eine Eskalation des Krieges könnte die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Gazastreifens an den Rand des Verhungerns treiben.

Der UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths schreibt auf X: "In Gaza steht eine Hungersnot bevor. Die internationale Gemeinschaft sollte sich schämen, weil sie es nicht geschafft hat, dies zu verhindern."

Die Ergebnisse der Untersuchung über den Hunger im Gazastreifen stammen von der Integrated Food Security Phase Classification, IPC, einer Initiative, die 2004 während der Hungersnot in Somalia ins Leben gerufen wurde und an der inzwischen mehr als ein Dutzend UN-Organisationen, Hilfsorganisationen und Regierungen beteiligt sind, um den Schweregrad der Ernährungsunsicherheit zu ermitteln.

Dem Bericht zufolge haben praktisch alle Menschen im Gazastreifen Probleme, sich ausreichend zu ernähren, und rund 677 000 Menschen, d. h. fast ein Drittel der 2,3 Millionen Einwohner, leiden unter der höchsten Stufe der Hungerkatastrophe.

Das bedeutet, dass sie mit einem extremen Mangel an Nahrungsmitteln und einem kritischen Grad an akuter Unterernährung konfrontiert sind. Diese Zahl schließt rund 210.000 Menschen im Norden ein.

Im Norden wird bis Mai mit einer regelrechten Hungersnot gerechnet, so der Bericht.

Ein Gebiet gilt als von einer Hungersnot betroffen, wenn in 20 % der Haushalte ein extremer Mangel an Nahrungsmitteln herrscht, 30 % der Kinder an akuter Unterernährung leiden und täglich mindestens zwei Erwachsene oder vier Kinder pro 10.000 Menschen sterben.

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