Europa hat die Stärke, sich global zu behaupten – nutzt sie aber nicht konsequent. Ein neues Mindset, Lehren aus der Ukraine und klare Prioritäten sind nötig, um Aggressionen, Bedrohungen und eigene Blockaden wirksam zu überwinden, schreibt Krista-Marija Läbe in einem Gastbeitrag für Euronews.
Wir haben in Europa viele Gründe, auf uns stolz zu sein.
Wir sind der Kontinent der Aufklärung und der universellen Menschenrechte. Der Kontinent, in dem viele Menschen in Wohlstand leben und die meisten in Würde und Freiheit.
Mit der Europäischen Union wurde ein System geschaffen, das ein Miteinander statt ein Gegeneinander ermöglicht, und doch müssen wir wieder anfangen, Europa größer zu denken, als es die aktuelle Form der EU zulässt.
Denn wir brauchen ein starkes und vereintes Europa, das sich auf der Weltbühne behaupten kann.
Bislang hat Europa auf russische Aggression, chinesische wirtschaftliche Bedrohungen und US-amerikanische Irrationalität nicht die richtigen Antworten gefunden.
Hier ein Lösungscocktail mit drei Zutaten:
Mindset: Europa muss endlich an sich glauben
"Das richtige Mindset entwickeln" klingt zwar nach einem Selbstoptimierungsratgeber, aber wenn ein Kontinent diesem Rat bedarf, dann ist es sicherlich Europa.
Die EU ist die zweitgrößte Wirtschaftskraft der Welt, zählt 451 Millionen Menschen in 27 Ländern, gehört zur weltweiten Spitze in Forschung und Wissenschaft, verfügt über eine Atommacht, rund 1,5 Millionen Soldatinnen und Soldaten und über ein politisches System, das einmal angetreten ist, um Europa weltweit Gewicht zu verleihen.
Doch statt sich auf ihre Stärke zu besinnen, verzwergt die EU sich immer wieder aufs Neue selbst – sogar vor einem wirtschaftlich strauchelnden Mafiastaat wie Russland.
Der stockende Erweiterungsprozess, wiederkehrende Blockaden durch das Einstimmigkeitsprinzip und das bisherige Scheitern bei der Nutzung eingefrorener russischer Vermögenswerte offenbaren die systemischen Grenzen der EU in ihrer derzeitigen Form.
Aber eine Union kann reformiert, neue Mitglieder aufgenommen, die europäische Verteidigung neu gedacht und ein neuer Glaube an Europa entfacht werden. Die Ukraine muss dabei endlich als Teil dieser Gemeinschaft anerkannt werden.
Weder in Brüssel noch in Berlin wird so mutig für die Idee der Europäischen Union, die Idee der universellen Menschenrechte, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gekämpft, wie es die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten an der über 1000 km langen Frontlinie tun. Die Ukraine ist Europa, denn sie verteidigt Europa.
Anschlussfähigkeit: Europa muss von der Ukraine lernen
Der Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin Anfang des Jahres hat vor Augen geführt, wie unzureichend Deutschland auf Angriffe gegen kritische Infrastruktur vorbereitet ist.
Während es in der deutschen Hauptstadt fast eine Woche dauerte, bis die Versorgung wiederhergestellt war, gelingt es den Menschen in der Ukraine selbst unter andauerndem Beschuss, Ausfälle binnen kürzester Zeit zu beheben.
Nach vier Jahren regelmäßiger Angriffe ist die Bevölkerung darauf eingestellt: Generatoren und Powerbanks gehören längst zur Grundausstattung.
Auch jetzt, inmitten der aktuellen Energiekrise nach den jüngsten russischen Angriffen, arbeiten Stromtechniker in der Ukraine im Dauereinsatz, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern.
Von der Ukraine lässt sich lernen, wie kritische Infrastruktur nicht nur besser geschützt, sondern auch schneller repariert werden kann und wie sich eine Gesellschaft gezielt auf Ausnahmesituationen vorbereitet.
Doch am meisten beeindruckt das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Industrie, Rüstungssektor und Politik. Die enge gesamtgesellschaftliche Zusammenarbeit stärkt nicht nur die Resilienz und den Wissenstransfer, sondern ermöglicht auch den schnellen Aufbau von Verteidigungskapazitäten – wenn Politik die Richtung vorgibt, die Zivilgesellschaft Spenden mobilisiert und die zivile Industrie Innovationen sowie Produktion für die Rüstungsindustrie bereitstellt.
So konnte die Ukraine nicht nur umfassende militärische Expertise entwickeln, sondern auch effektive Fähigkeiten im Umgang mit Desinformationskampagnen, Cyberangriffen, Spionage und Sabotage aufbauen. Dies ist einer der Gründe, warum sich die Ukraine seit nunmehr fast zwölf Jahren gegen die russische Aggression behaupten kann.
Prioritätensetzung: Europa muss sich auf das Wesentliche konzentrieren
Russlands Vorbereitung auf einen langen Krieg und die Ausweitung seiner hybriden Angriffe auf europäische Staaten treffen auf eine EU, die sich zugleich mit territorialen Debatten um Grönland und wirtschaftlichen Herausforderungen aus China konfrontiert sieht.
Umso mehr braucht es jetzt eine strategisch kluge Priorisierung.
In dieser Gemengelage dürfen weder Russlands Aggression noch die Unterstützung der Ukraine aus dem Blick geraten. Inzwischen richtet sich der Fokus vieler EU-Staaten zunehmend weg von der Ukraine hin zur eigenen Verteidigung. Das ist verständlich, hat man diese doch jahrzehntelang verkümmern lassen und ist im Vergleich zu den USA, Russland und China in diesem Bereich deutlich schlechter aufgestellt.
Dennoch muss nüchtern anerkannt werden: Europas beste Chance, Russland wirksam abzuschrecken, liegt darin, konsequent auf die Ukraine zu setzen.
Nur wenn Russland dort gestoppt wird, kann die Europäische Union als Ganzes bestehen.
Derzeit liefert Europa lediglich so viel, dass sich die Ukraine weiter verteidigen kann, und nicht genug, um Russland zurückzudrängen.
Diese Strategie birgt das Risiko, dass Russland seine neu aufgebauten industriellen Kapazitäten, insbesondere im Bereich der Drohnentechnologie, nutzt, um den Krieg über die Ukraine hinaus auf andere europäische Länder auszuweiten. Darauf ist Europa derzeit nicht vorbereitet. Und die Risiken und Kosten eines solchen Szenarios wären um ein Vielfaches höher, als der Ukraine jetzt entschlossen und mit voller industrieller Kraft die Mittel bereitzustellen, damit sie Russland wirkungsvoll die Stirn bieten kann.
Dabei stehen unangenehme Fragen im Raum wie: Wird ein Luftverteidigungssystem irgendwo in Europa dringender gebraucht als in der Ukraine?
Werden Panzer, Drohnen, Kampfflugzeuge, Marschflugkörper wirklich woanders dringender benötigt?
Sollten wir Russland nicht lieber in der Ukraine stoppen, bevor es eine Gelegenheit ergreift, ein weiteres Land anzugreifen?
2026 muss das Jahr sein, in dem Europa zu neuem Selbstbewusstsein findet und seine wirtschaftliche Stärke nutzt, um außen- und sicherheitspolitische Interessen nicht nur zu formulieren, sondern auch durchzusetzen.
Dabei sollte die Ukraine nicht als Empfängerin von Hilfe verstanden werden, sondern als strategischer Partner in unserem eigenen Interesse.
Alles, was es dafür braucht, ist Mindset, Anschlussfähigkeit, Prioritätensetzung – der Lösungscocktail für 2026.
Krista-Marija Läbe ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft – Für unsere und eure Freiheit