Altkanzler Gerhard Schröder fordert mehr „Friedensfähigkeit“ und bringt erneut eine Energiekooperation mit Russland ins Spiel. Damit stößt er europaweit auf scharfe Kritik. Außenpolitiker und Schröders Parteikollege Michael Roth bezeichnete diesen Kurs gegenüber Euronews als „tragisch.”
Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in der Vergangenheit immer wieder mit seinen Russland‑Äußerungen für einen bundesweiten Aufschrei gesorgt.
Dieses Mal schlug seine Nähe zu Russland noch höhere Wellen – ausgelöst durch einen Gastbeitrag für die Berliner Zeitung, in dem er den russischen Angriffskrieg zwar als völkerrechtswidrig bezeichnete, zugleich aber vor einer „Dämonisierung Russlands als ewiger Feind“ warnt.
Schröder betonte Russlands Kultur und historische Verbindungen zu Deutschland und plädierte dafür, wieder Formen der Kooperation – einschließlich preiswerter Energieimporte aus Russland – zu ermöglichen. Damit knüpfte er an seine langjährige Linie an, die weniger Konfrontation und mehr diplomatische Annäherung verlangt.
Kritik aus den eigenen Reihen
Der frühere SPD-Politiker und langjährige Außen- und Sicherheitspolitiker Michael Roth wies Schröders Stoßrichtung auf Anfrage von Euronews entschlossen zurück. „Tragisch, dass Gerhard Schröder immer noch unbeirrt an den selben furchtbaren Fehlern der Vergangenheit festhält. Nicht wir ‚dämonisieren‘ Russland. Russland hat sich selbst durch seine aggressiven Völkerrechtsbrüche ins Abseits manövriert“, so Roth.
Er nannte den Kreml „die größte Gefahr für Sicherheit und Frieden auf unserem Kontinent“ und warnte vor „Business as usual“ mit einer imperialistischen Diktatur.
Unionspolitiker Thomas Röwekamp (CDU) sagte der Augsburger Allgemeine, Schröders Aussagen stünden „in offenem Widerspruch zur Realität dieses Krieges“; in einer solchen Lage brauche es „Klarheit und Haltung – nicht Verständnis für einen Aggressor“. CSU-Politiker Reinhard Brandl ordnete Schröders Aussagen laut Augsburger Allgemeine als rhetorische „Trickkiste der Putin‑Freunde“ ein und betonte: Nicht der Westen habe Russland angegriffen, sondern Putin die Ukraine.
Schröders Aufruf „schlichtweg entsetzlich“
Die heftige Debatte in Deutschland griff schnell auf die europäische Ebene über. Estlands Außenminister Margus Tsahkna reagierte auf X empört: Aufrufe, ein Land, das den brutalsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg führe, nicht zu „dämonisieren“, seien „schlichtweg entsetzlich“ – ebenso wie Hinweise auf eine mögliche neue Energiekooperation.
In einer weiteren Mitteilung seines Ministeriums sprach Tsahkna von einem „heimtückischen Versuch“, Europa zu spalten und vom Druckkurs gegenüber Russland abzubringen.
Er schrieb außerdem, Russlands umfassende Aggression sei die Folge jahrelanger Beschwichtigung und der Annahme, Handel könne Aggression eindämmen; „Wandel durch Handel“ sei gescheitert.
Ukraine: „Er stinkt nach russischem Gas"
Auch aus Kyiw kam Gegenwehr: Der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Heorhii Tykhyi, griff Schröder auf X an und warf ihm vor, die europäische Abhängigkeit von russischer Energie mitgeprägt zu haben.
Tykhyi schrieb sinngemäß, Schröder habe einst „Deutschland an Putins Gashahn gehängt“ und Moskau damit geholfen, sich auf den Krieg vorzubereiten; heute sei Schröder selbst „an der Nadel“ und „stinke nach russischem Gas – und an seinen Händen klebe ukrainisches Blut“.
Damit zielte die ukrainische Reaktion nicht nur auf Schröders aktuellen Gastbeitrag, sondern auch auf seine politische Verantwortung für frühere energiepolitische Weichenstellungen.
Entgleisungen in der Vergangenheit
Altkanzler Gerhard Schröder hat seine Russland‑Nähe in den vergangenen Jahren immer wieder bekräftigt – und damit regelmäßig für Empörung gesorgt. Bereits 2022 reiste er nach Moskau, traf sich mit Wladimir Putin und behauptete, der Kreml wolle eine „Verhandlungslösung“ im Ukraine‑Krieg; seine Einschätzung, dass viele Konfliktfragen „lösbar“ seien, stieß in Berlin und in Osteuropa auf massive Kritik.
Im Sommer 2022 machte er zudem Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass er trotz des Krieges in Moskau Urlaub machte – ein Bild, das viele als Symbol für seine ungebrochene Nähe zum Kreml werteten.
Seine langjährige Tätigkeit für russische Energiekonzerne wie Rosneft und Gazprom sowie seine Weigerung, sich klar genug von Moskau zu distanzieren, lösten in der SPD sogar eine Debatte über einen möglichen Parteiausschluss aus. Ein Verfahren, das 2023 letztlich scheiterte, aber die Tiefe der innerparteilichen Spannungen offenlegte.