Eigentlich wollte Verkehrsminister Patrick Schnieder junge Menschen entlasten und den Führerschein bezahlbar machen. Doch diese Reform treibt Fahrschulen jetzt in die Krise: Anmeldungen brechen ein – jetzt droht sogar Kurzarbeit. Fahrlehrer sind zudem nicht überzeugt vom erhofften Einsparpotential.
In Potsdam gingen am Donnerstag rund 150 Fahrlerer auf die Straße. Der Grund für den Frust: eine Reform, die eigentlich den Führerschein günstiger machen soll, für manche Fahrschul-Betriebe nun aber zum Bremsklotz wird.
Denn für viele junge Menschen ist der Führerschein in Deutschland inzwischen vor allem eins: eine Frage des Geldbeutels. Je nach Region und Fahrschule kostet eine Fahrerlaubnis der Klasse B aktuell im Schnitt rund 3.200 bis 3.400 Euro.
Um das zu ändern, hat Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder im Oktober 2025 eine Reform angekündigt. Der Führerschein solle „einfacher und bezahlbarer“ werden, zum Beispiel durch flexiblere Pflichtstunden und weniger Zusatzfahrten. Nur: Wann das Gesetz kommt und wie viel am Ende wirklich gespart wird, ist bislang offen.
Genau diese Unklarheit bremst die Fahrschulen aktuell aus. Statt Entlastung spüren viele Betriebe zur Zeit vor allem sinkende Anmeldezahlen. In der Branche hat das Ganze inzwischen sogar einen Namen: „Schnieder-Effekt“. Gemeint ist eine Flaute – ausgelöst durch die Erwartung, der Führerschein könnte in ein, zwei Jahren deutlich billiger werden.
Eine ausgebremste Branche
Besonders in ländlichen Gegenden ist die Lage ernst.
„Die Fahrschulanmeldungen sind wirklich rückläufig und die Kunden sind sehr zurückhaltend aufgrund dieser Ankündigung“, sagte Kurt Bartels, stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände, im Gespräch mit Euronews.
Bartels berichtete von Fahrschulen, „die sogar großen Alarm schlagen“ und befürchten, dass sie bei anhaltendem Rückgang Kurzarbeit anmelden müssten. Aus Rheinland-Pfalz, Hessen oder Berlin klagen Betriebe über Einbrüche von 30 bis 70 Prozent, teils ist von einem „historischen Kollaps“ die Rede.
Viele potenzielle Fahrschüler verschieben den Start in der Hoffnung, später zu sparen. Schnieder räumte allerdings ein, dass wesentliche Gesetzesänderungen erst frühestens 2027 greifen könnten.
Genau dieses vermeintlich taktische Hinauszögern könnte sich am Ende als Trugschluss erweisen. „Das, was man da auf der einen Seite spart, wird durch erneute Preissteigerungen wieder aufgefressen“, warnt Bartels.
Nicht alle trifft es gleich
Dennis Polinsky gehört zu denen, die den „Schnieder-Effekt“ zwar sehen, aber weniger hart treffen. Er betreibt die Fahrschule 2Drive in Berlin, beschäftigt 34 Mitarbeiter und eröffnet gerade seine vierte Filiale. Jährlich bildet er nach eigenen Angaben über 1000 Fahrschüler aus.
„Der Effekt ist auf jeden Fall da. Im Dezember waren die Zahlen sehr rückgängig, also wir haben im Schnitt 100 Anmeldungen im Monat und im Dezember waren es nur 50“, sagte Polinsky zu Euronews. „Im Januar hatten wir die erste Woche Anlaufschwierigkeiten, doch jetzt sind die Anmeldezahlen wieder so hoch wie früher.“
Ein Grund: 2Drive richtet sich stark an internationale Kundschaft. „80 Prozent unserer Fahrschüler sind russisch oder englisch sprechend oder sie sprechen noch eine weitere Sprache. Deswegen spüren wir diesen Effekt nicht so deutlich“, erklärte er. Kleinere Betriebe treffe es deutlich härter.
Warum der Führerschein so teuer ist
Schnieder begründete seine Reform mit einem Durchschnittspreis von 3.400 Euro für den Klasse-B-Führerschein. Automobilclubs und Verbraucherportale nennen häufig 2.500 bis 4.500 Euro – je nach Region, Zahl der Fahrstunden und Prüfversuchen.
Die Kosten setzen sich aus Grundgebühr und Theorie, Lernmaterial, Fahrstunden, Prüfungen sowie Behördengebühren zusammen.
Fahrlehrer Polinsky betonte jedoch: Höhere Preise bedeuten nicht automatisch höhere Gewinne. „Wir haben vor 5 bis 6 Jahren 60 Euro“ pro Fahrstunde verlangt – und da haben wir tatsächlich mehr verdient als jetzt mit 100 Euro.“
Als Preistreiber nennt die Branche vor allem gestiegene Fahrzeug- und Werkstattkosten, höhere Versicherungskosten sowie Energie- und Spritpreise; zusätzlich habe die gestiegene CO₂-Steuerden Druck erhöht.
Schnieders Rezept: Simulatoren und weniger Pflicht
Schnieders Reformvorschläge setzen vor allem auf Digitalisierung und Entbürokratisierung: mehr Fahrsimulatoren, weniger Sonderfahrten, mehr Online-Unterricht und weniger Abhängigkeit von festen Unterrichtsräumen.
Verbandschef Bartels hält vieles für fachlich wie wirtschaftlich überschätzt. „Dieser Vorschlag von Herrn Schnieder ist komplett unausgegoren", kritisierte er. Besonders störe ihn, dass Unterrichtsräume als Kostentreiber dargestellt würden. Dabei seien Personal, Fahrzeuge und Energie deutlich gewichtiger.
Simulatoren könnten zwar ein erstes Fahrgefühl vermitteln, seien aber kein Ersatz und erst recht kein Kostensenker: Die Geräte kosteten 25.000 bis 40.000 Euro, die Fahrschulen zunächst investieren müssten.
In Europa sind Fahrsimulatoren bereits etabliert: Frankreich, Niederlande und Dänemark erlauben bis zu 8 Stunden Simulator-Training in der Pflichtausbildung, über 1.000 Geräte sind EU-weit im Einsatz. Dennoch bestätigen Experten wie Bartels: Sie ergänzen, ersetzen aber keine realen Fahrten auf Autobahn oder bei Nacht.
Wo man aus Sicht der Fahrlehrer ansetzen sollte
Fahrlehrer Polinsky nannte im Gespräch mit Euronews zwei Hebel, die in der Debatte oft zu kurz kommen. Erstens die Mehrwertsteuer: Die Pkw-Ausbildung (Klasse B) ist mehrwertsteuerpflichtig, andere Klassen teils nicht. „Wenn man da vielleicht einlenken würde, dann würde vielleicht das den Preis senken können“, sagt er.
Zweitens der Fahrlehrermarkt: Viele Fahrschulen arbeiten mit älteren oder bereits verrenteten Fahrlehrern, die wegen Hinzuverdienstgrenzen nur begrenzt Stunden geben können. „Wir haben auch viele Rentnerfahrlehrer, und die dürfen ja nur die 700 Euro oder so verdienen“, so Polinsky. Höhere Freigrenzen könnten Kapazitäten schaffen, Wartezeiten senken und damit indirekt Kosten dämpfen.
Dazu komme ein Transparenzproblem: In Berlin werde mit „Führerschein für 1000 Euro“ geworben, am Ende werde es meistens deutlich teurer. Kontrolliert werden diese Lockangebote selten. Polinsky forderte daher mehr Transparenz, etwa durch öffentlich einsehbare Durchfallquoten und reale Durchschnittskosten pro Fahrschule.
Weniger Sonderfahrten, mehr Unfälle?
Besonders umstritten ist die Idee, Sonderfahrten zu reduzieren. Bartels warnte: Gerade auf Landstraße, Autobahn und bei Dunkelheit verunglückten junge Menschen besonders häufig.
Unfallstatistiken stützen diese Sorge: 18- bis 24-Jährige verunglücken doppelt so häufig wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Laut Verkehrswacht entfallen 41,4 Prozent der tödlichen Unfälle auf die Nachtstunden zwischen 19 und 5 Uhr, und nicht angepasste Geschwindigkeit ist mit 40 Prozent die häufigste Ursache. Wer Ausbildung kürzt, riskiere aus Sicht des Verbands somit mehr schwere Unfälle.
Der Vorwurf: Schnieder ignoriere Fachkonzepte
Dabei gäbe es ein wissenschaftlich ausgearbeitetes Konzept, wie sich Fahrausbildung effizienter und moderner gestalten ließe, ohne Präsenzunterricht und Sicherheitsstandard einzukassieren.
Bartels verwies auf eine „Novelle der Fahrausbildung“, die der wissenschaftliche Arm des Ministeriums, die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), in den vergangenen Jahren erarbeitet habe. „Da sind solche Dinge wie Blended Learning, also digitale Plattformen, Eigenlernphasen von Fahrschülern, die eben eine zeitnahe, kompakte Ausbildung garantieren“, erklärte er. „Es ist alles drin. Das hat ja der gute Herr Schnieder alles weggewischt.“
Die Verbände plädieren für Präsenzunterricht und Fahrstunden als Basis, ergänzt durch strukturierte Apps und digitale Selbstlernphasen. Motivierte Fahrschüler könnten schneller lernen, häufiger im ersten Anlauf bestehen und insgesamt weniger Fahrstunden benötigen.
Blick nach Europa: Wo der Führerschein günstiger ist
Schnieder verweist auf Länder wie Luxemburg oder Österreich, wo der Führerschein deutlich günstiger wirken kann. In Luxemburg wird der Pkw-Führerschein oft auf rund 1.300 bis 1.600 Euro geschätzt. Ein spanischer Führerschein kostet laut Verbraucherorganisation OCU zwischen durchschnittlich 665 und 1.500 Euro. In Polen und Tschechien werden teils 600 bis 900 Euro als Preisspanne genannt.
Ein genauerer Blick zeigt jedoch: Die Systeme sind strukturell anders. In vielen europäischen Ländern gibt es weniger Pflichtstunden und mehr private Übungsmöglichkeiten.
Löhne sowie Fahrzeug- und Versicherungskosten liegen vielerorts zudem deutlich unter deutschem Niveau. In Spanien etwa verdienen Fahrlehrer laut Paylab-Gehaltsdaten von 2024 im Jahresbrutto durchschnittlich ca. 15.800 bis 33.300 Euro. Das ist deutlich weniger als in Deutschland (oft 40.000+ Euro).
Was Fahrschulen jetzt tun – und was die Politik lassen sollte
Viele Fahrschulen wollen den Stillstand durchbrechen. Vize-VerbandschefKurt Bartels rät künftigen Fahrschülern, die Ausbildung konsequent wie ein Schulfach durchzuziehen – ohne größere Pausen dazwischen.
An den Verkehrsminister richtet die Branche zugleich eine klare Forderung: weniger Symbolpolitik, mehr Praxisdialog. Bartels kritisierte, die Verbände seien bei Reformplänen kaum einbezogen worden – dabei vertrete man den Großteil der Fahrschulen und Fahrlehrer.
Viele Branchenvertreter setzen ihre Hoffnung nun auf den derzeit stattfindenden Verkehrsgerichtstag in Goslar. Dort kommen Experten für Verkehrssicherheit und Verkehrsrecht zusammen und formulieren zum Abschluss Empfehlungen an den Gesetzgeber – in der Hoffnung, dass diese auch tatsächlich umgesetzt werden**.**