Einen Tag nach Russlands heftigstem Luftangriff dieses Winters stehen in Abu Dhabi neue Gespräche zwischen Ukraine, USA und Russland an. Wieder zielten Raketen und Drohnen auf die ukrainische Energieinfrastruktur. Wolodymyr Selenskyj kündigt nun an, die Linie der ukrainischen Delegation anzupassen.
Wolodymyr Selenskyj sagte am Dienstag, Auftrag und Ausrichtung der ukrainischen Delegation in Abu Dhabi würden "angepasst". Hintergrund ist der nach seinen Angaben größte russische Luftangriff gegen die Ukraine seit Beginn der umfassenden Invasion.
Selenskyj erklärte, Russland habe mit dem Abschuss von 71 Raketen und 450 Drohnen seine wahren Absichten gezeigt. Diese seien seit dem ersten Tag des groß angelegten Angriffs im Jahr 2022 unverändert. "Jeder dieser russischen Angriffe bestätigt, dass sich die Haltung in Moskau nicht geändert hat: Sie setzen weiterhin auf Krieg und die Zerstörung der Ukraine und nehmen die Diplomatie nicht ernst", sagte Selenskyj. "Die Arbeit unseres Verhandlungsteams wird entsprechend angepasst werden."
Winter als Waffe in Russlands Krieg gegen die Ukraine
Was genau sich an Kyjiws Vorgehen ändern soll, ließ Selenskyj offen. Er verwies jedoch darauf, dass Moskau bei dem jüngsten Angriff ballistische Raketen vom Typ Iskander-M/S-300 gegen zivile und energetische Infrastruktur eingesetzt habe.
Während die Temperaturen in der Ukraine teils auf unter -20 Grad fallen, hat Russland seine gezielten Angriffe in den vergangenen Wochen verstärkt. "Die kältesten Tage des Winters zu nutzen, um die Menschen zu terrorisieren, ist für Russland wichtiger, als sich der Diplomatie zuzuwenden", schrieb Selenskyj auf X.
Zugleich warf er Russland vor, einen US-Vorschlag zur Einstellung von Angriffen auf Energieanlagen nicht als Beitrag zur Diplomatie zu nutzen. Stattdessen sei die Feuerpause dazu genutzt worden, Raketen zu horten und dann an den kältesten Tagen zuzuschlagen.
"Ohne Druck auf Russland wird es kein Ende dieses Krieges geben", erklärte Selenskyj. "Im Moment entscheidet sich Moskau für Terror und Eskalation, und deshalb ist maximaler Druck erforderlich."
Kein Durchbruch bei den Gesprächen
Die erste Runde trilateraler Gespräche, die Ende Januar in der emiratischen Hauptstadt stattfand, brachte nur wenige Ergebnisse. Zwar bezeichneten alle Seiten die Gespräche als "konstruktiv". In zentralen Punkten blieb ein Durchbruch jedoch aus.
Hauptstreitpunkt sind weiterhin die vorübergehend von Russland besetzten ukrainischen Gebiete. Im Zentrum steht die Frage, ob Russland die eroberten Territorien – insbesondere im Donbas mit den Regionen Luhansk und Donezk – behalten oder abziehen würde. Moskau versucht seit der ersten Invasion 2014, das Gebiet zu kontrollieren. Dennoch steht auch zwölf Jahre später nicht die gesamte Fläche beider Regionen unter russischer Kontrolle.
Kreml-Sprecher Dmitri Peskow nannte die Gespräche "sehr komplex". "In einigen Fragen sind wir uns sicherlich näher gekommen, weil es Diskussionen und Gespräche gegeben hat", sagte er. In anderen Themen sei es deutlich schwieriger, eine gemeinsame Basis zu finden.
Der Gesandte des russischen Präsidenten, Kirill Dmitriev, hielt sich am Wochenende zudem zu Gesprächen mit US-Beamten in Miami auf. Peskow wollte dazu keine Details nennen.
Kreml drängt auf Moskau – Selenskyj lädt nach Kyjiw ein
Der Kreml beharrt derweil darauf, dass Friedensverhandlungen nur in Moskau stattfinden könnten. Wolodymyr Selenskyj wies ein Treffen mit Wladimir Putin in der russischen Hauptstadt kategorisch zurück. Stattdessen lud er den Kreml-Chef nach Kyjiw ein: "Es ist unmöglich, dass ich Putin in Moskau treffe – das wäre so, als würde er mich in Kyjiw treffen. Ich lade ihn nach Kyjiw ein. Er soll kommen, wenn er sich traut", sagte Selenskyj auf einer Pressekonferenz.
Selenskyj betonte, die Ukraine wolle eine konstruktive Einigung über ein echtes Ende des Krieges erreichen. Grundsätzlich sei jede funktionierende Verhandlung auf Führungsebene für ihn akzeptabel. Ein Treffen in Moskau oder Kyjiw werde jedoch von weiteren Beteiligten kaum unterstützt – auch wegen Fragen der Sicherheitsgarantien. Einen Friedensgipfel in Belarus bezeichnete er ebenfalls als nicht durchführbar. Belarus sei als Partner Russlands an den Verbrechen beteiligt, sagte Selenskyj.
Kreml-Berater Juri Uschakow hatte Selenskyj am 28. Januar nach Moskau eingeladen. Er erklärte, Russland könne Sicherheit garantieren und "angemessene Arbeitsbedingungen" gewährleisten. Uschakow verwies zudem darauf, Putin habe ein mögliches Treffen in Moskau auch telefonisch mit US-Präsident Donald Trump besprochen. Direkte Verhandlungen habe Russland "nie abgelehnt", sagte er – sie müssten jedoch sorgfältig vorbereitet werden und auf konkrete Ergebnisse zielen.
Zweite Runde in Abu Dhabi – Trump fordert Ende des Krieges
In Abu Dhabi wollen die Ukraine und Russland nun erneut über einen möglichen Frieden verhandeln. US-Präsident Donald Trump drängt dabei auf Tempo. Vor der zweiten Verhandlungsrunde rief er Wladimir Putin zur Beendigung des Krieges auf: "Ich will, dass er den Krieg beendet."
Zugleich äußerte sich Trump anerkennend über Putin. Der Kreml-Chef habe "sein Wort gehalten", indem er Angriffe auf Kyjiw und andere ukrainische Städte für den vereinbarten Zeitraum ausgesetzt habe. Eine Woche sei "viel", sagte Trump vor Journalisten im Weißen Haus. Man nehme "alles", fügte er hinzu – es sei dort "wirklich sehr, sehr kalt".
Ukraine meldet neue Angriffe trotz Feuerpause
In der Nacht zum Dienstag führte Russland nach einer kurzzeitigen Feuerpause wieder schwere Luftangriffe auf Kyjiw, Charkiw und andere Städte durch. Selenskyj sprach von einem Bruch der von den USA vermittelten Feuerpause. Erneut seien bei strengem Frost Millionen Menschen ohne Strom und Heizung gewesen.
Am Mittwoch sollen Unterhändler aus Kyjiw und Moskau in Abu Dhabi zu weiteren direkten Gesprächen zusammenkommen. Die auf zwei Tage angesetzten Verhandlungen in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate werden von den USA vermittelt. Eine erste trilaterale Gesprächsrunde hatte Mitte Januar stattgefunden, ein Termin am vergangenen Sonntag war verschoben worden.
Aus Verhandlungskreisen heißt es, beide Seiten seien sich in mehreren Punkten nähergekommen. Hauptstreitpunkt bleibe jedoch die Forderung Moskaus nach einem Rückzug der Ukraine aus der Region Donezk. Kyiw lehnt das entschieden ab. Donezk gehört zur Ukraine, ist aber teilweise von russischen Truppen besetzt.