"Vom Tellerwäscher zum Millionär als Terrorist"? Wie Islamisten junge Menschen mit dem Traum vom schnellen Aufstieg anlocken und ihre Leben zerstören.Warum immer mehr Frauen und Verlierer in den Islamismus abrutschen. Euronews wirft einen Blick hinter die neuen Mechanismen der Radikalisierung.
Vom Tellerwäscher zum Millionär im Bürgerkriegsland? Für viele kaum vorstellbar. Ende Juli 2025 lebten rund 950.000 syrische Flüchtlinge in Deutschland. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Doch während Syrien für die einen ein Ort des Leids und der Vertreibung ist, wird es von anderen gezielt als Sehnsuchtsort inszeniert.
Islamistische Gruppierungen und ihre Rekrutierer stellen das Land als vermeintliches Schlaraffenland dar, mit dem Endziel: Kalifat. Die Versprechen ähneln dem "american dream", Motto: jeder kann es schaffen.
"Es geht nicht um Ideologie", erklärt Kaan Mustafa Orhon, Islamwissenschaftler und Islamismus-Experte bei der Beratungsstelle Grüner Vogel. Der Reiz sei ein anderer: In Syrien könne man unabhängig von dem, was man an Ressourcen mitbringt, eine Art großen Aufstieg hinlegen, sagt Orhon - "vom Tellerwäscher zum Millionär - als Terrorist."
Besonders anfällig sei "der gesellschaftliche Verlierer mit einer schlechten Bildungssituation und schlechten beruflichen Chancen." Das Versprechen: "Komm nach Syrien, hier wirst du mit einem Hauptschulabschluss Polizeichef in irgendeiner syrischen Kleinstadt, hast vier Frauen, eine Wohnung, ein Auto, Geld und eine Waffe", erzählt Orhon zu Euronews.
Islamisten: vor 25 Jahren Studenten heute gesellschaftliche Verlierer
Die Szene ist auch hierzulande sehr präsent. Das Gefährliche: Ein großes, "gewaltaffines Spektrum". Dabei habe sich die Zielgruppe in den letzten 25 Jahren krass verändert, sagt Orhon.
"Die Leute, mit denen dieses Phänomen überhaupt begonnen hat - die Hamburger Terrorzelle mit Mohammed Atta im Kontext vom 11. September - das waren alles sehr erfolgreiche Studenten in naturwissenschaftlichen Fächern", beschreibt Orhon.
Der entscheidende Unterschied: Früher hätten islamistische Terrororganisationen Leute gesucht, die langfristig in diesen Strukturen aktiv sein und selbstständig eine Terrorzelle führen konnten. "Heute will man möglichst viel Fußvolk als Kanonenfutter", sagt Orhon.
Islamistenmasche: Influencer als "Rockstars" bei Social Media
Dafür peilen sie eine neue Zielgruppe an. Laut Orhon sei Salafismus nun eine Jugendbewegung. Jugendliche und junge Erwachsene von 15 bis 35 Jahren fallen in dieses Raster. Ein wichtiger Antrieb: Influencer, die wie Rockstars inszeniert werden und den Islamismus für andere attraktiv machen. Sie fahren Luxusauto, haben Bodyguards und trainierte Körper, erzählt der Islamismus-Experte.
Die Influencer locken die jungen Menschen und bereichern sich nebenbei selbst: "(Influencer) sammeln von den Leuten Spenden für Palästina und kaufen sich damit teure Uhren.", so Orhan. Ein männlicher Influencer machte vor kurzem Schlagzeilen: "Abdelhamid", ein islamistischer TikTok-Star mit hunderttausenden Followern, wurde im Juli 2025 wegen gewerbsmäßigen Spendenbetrugs zu drei Jahren Haft verurteilt. Der 34-Jährige hatte bei rund 37 Spendenaufrufen fast eine halbe Million Euro eingeworben und nach eigenem Geständnis nur einen sehr geringen Teil weitergeleitet.
So viele weibliche Islamisten wie noch nie zuvor
Auch die Geschlechterverteilung in der Szene habe sich verändert. "Früher waren 95 bis 99 Prozent männlich und jetzt sind wir plötzlich nur noch bei 75 Prozent - ungefähr 25 Prozent sind weiblich", sagt Orhon.
Verantwortlich seien unter anderem spezielle Inhalte für Frauen und Mädchen. Beispiel Hannah Hansen, "eine weibliche Influencerin mit einer Wahnsinns-Medienpräsenz und einer Wahnsinns-Anhängerschaft", die jetzt Influencer-Pakete verkauft. "Da liegen Kopftücher und lange Gewänder drin, Gebetsteppiche, ein bisschen Literatur, Parfüm - und das kommt in eine rosa Glitzerverpackung", sagt Orhon.
So funktioniert die Vernetzung zu Terroristen
Soziale Medien erleichtern zudem eine Vernetzung mit Islamisten in Syrien oder Afghanistan. Islamistische Anschläge der letzten Jahre verdeutlichen dies.
Ob es sich um den Terroranschlag auf die Verdi-Demo in München am 13. Februar 2025 handelt oder die IS-Sympathisantin Safia S., die am 26. Februar 2016 einen Polizisten bei einer Kontrolle im Hauptbahnhof Hannover niedergestochen hatte - viele dieser Fälle haben eines gemeinsam:
"Es gibt diese sogenannten Einzeltäter eigentlich nicht", erklärt Orhon. "Auch wenn die Person alleine handelt, kriegt sie in der Regel ihre Instruktionen per Telegramm." Fast alle Attentäter, hätten im Vorfeld die Anschläge mit Leuten vorbereitet, die in Syrien saßen, und die jeweilige Tat sei explizit mit denen durchgegangen worden, sagt Orhon.
"Sie kommen nicht von alleine auf diese Idee. Man hockt nicht alleine im Kinderzimmer, guckt sechs Stunden am Stück TikTok-Videos und rennt dann mit dem Messer in die Stadt", erklärt Orhon.
Die Gefahr resultiere daraus, dass junge Leute gesagt bekämen, sie müssten die Gesellschaft angreifen, erklärt der Islamismus-Experte.
Jugendliche: Wie bauen die Islamisten Bindungen auf?
Doch, wieso suchen Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt die Nähe zu Islamisten, zum Beispiel zu Salafisten? "Allgemein kann man sagen, dass eine Person in der Regel einen unerfüllten persönlichen Bedarf hat, den jemand in der salafistischen Szene zur richtigen Zeit erfüllen kann", erklärt Orhon. Prediger übernehmen oft die Rolle als Autoritäts- und Vaterfigur, eine ältere Frau kümmere sich als Mutterfigur und Gleichaltrige würden die Rolle des großen Bruders oder der großen Schwester erfüllen.
Den Jugendlichen werde eine Mission angeboten. "Man wird Teil von etwas Größerem, das vermeintlich zur Verbesserung der Menschheit beiträgt", sagt Orhon.
Ein Beispiel: der Antisemitismus als Brückennarrativ, also als Verbindung zwischen Linksextremismus und Islamismus und auch zwischen Rechtsextremismus und Islamismus.
Ein Thema seien Palästina-Proteste, "weil man da über einen gemeinsamen Feind in Kontakt kommt", so Orhon.
"Wir haben das Phänomen Umstieg statt Ausstieg, wo also die Leute aus einem Extremismus aussteigen, (...) und einfach in den nächsten Extremismus gehen", erklärt Orhon weiter.
Bekannte Fälle betreffen zum Beispiel Sascha Lemanski, den IS-Anhänger aus Niedersachsen, der im Polizeiregister zunächst als Rechtsextremist geführt wurde. 2017 wurde er wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. 2019 griff er in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg einen Beamten mit zwei Gabeln an und stach auf ihn ein. Er wurde wegen versuchten Mordes zu weiteren 14 Jahren Haft verurteilt. Ein weiterer Fall: Bernhard Falk, der Mann mit dem grauen Vollbart und der Halbglatze, der vom Linksextremisten zum Salafisten wurde.
In Deutschland läuft die Radikalisierung anders als im Rest Europas
Zwischen den verschiedenen extremistischen Strömungen steche der Islamismus besonders hervor, denn dazuzugehören sei so leicht wie in kaum einer anderen Strömung, sagt der Islamismus-Experte. Anders als beim Rechtsextremismus komme man mit jedem Hintergrund rein, so Orhon.
Dabei sei Deutschland europaweit eine Anomalie, was Radikalisierung angeht. Ein Grund: die Sprache. "Die Szene hat von Anfang an auf Deutsch gearbeitet", sagt Orhon. In anderen Ländern würden die Herkunftssprachen stärker bedient, so der Islamismus-Experte. Das trage ganz massiv zur Radikalisierung bei. "In Westeuropa kommen die meisten Leute, die sich radikalisieren, aus der zahlenmäßig größten Herkunftsgruppe innerhalbder muslimischen Gemeinschaft (des jeweiligen Landes). Deutschland bricht dieses Bild."
Was sind die Motive der Aussteiger?
Orhon versucht, Menschen zu helfen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. "Der Großteil kommt über Mundpropaganda", so der Islamwissenschaftler. Aber es gäbe auch Überweisungen von Gerichten.
Doch, was sind die Motive der Aussteiger? Bei den allermeisten korrespondiere die Realität nicht mit den Vorstellungen, so Orhan. Es gäbe viele Verbote. Die Menschen dürften keine Musik mehr machen, keinen Hund mehr halten oder Menschen malen, weil das verboten sei.
"Die Stellschraube wird immer mehr angezogen und irgendwann ist man komplett eingeengt und isoliert", erklärt der Islamwissenschaftler.
Eine berüchtigte Strategie, Menschen zu islamisieren, bestehe im so genannten "Lovebombing": "Wenn zum Beispiel junge Frauen konvertieren und ihr erstes Instagram-Video online stellen, wo sie das erste Mal ein Kopftuch anziehen, dann findet man darunter 400 Kommentare: 'Du siehst so schön aus (...) du bist eine Löwin," doch so schnell wie die Fürsorge anfängt, so schnell hört sie wieder auf und die Menschen fallen in ein Loch, erklärt der Islamismus-Experte.
Hinzu kämen traumatische Erfahrungen wie sexuelle Übergriffe, häusliche Gewalt, und Menschen, die Kinder verloren haben - zum Beispiel wegen schlechter medizinischer Versorgung. "Das sind richtige Traumata, die den Bruch markieren", berichtet Orhon.
Die Aussichten
Orhon arbeitet seit 2019 mit 40 Frauen, die bei der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gewesen sind. Von den 40 Frauen sei bis jetzt keine wieder in die Szene abgerutscht, so der Islamismus-Experte.
Trotzdem spricht Orhon über die Schwierigkeiten im Umgang mit den Betreuten. Eine der größten Herausforderungen: "die komplette Loslösung von unseren gewohnten moralischen Maßstäben." Der Islamismus-Experte bleibt realistisch: "Radikalisierung ist nicht unumkehrbar und der Ausstieg leider auch nicht."