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CDU gegen TikTok & Co. – droht ein Streit um Social Media ab 16?

Das Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren gilt in Australien seit Dezember 2025.
Das Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren gilt in Australien seit Dezember 2025. Copyright  Copyright 2024 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Suchtwarnungen, Mobbing und Manipulation: Die Diskussion über Jugendschutz im Netz wird schärfer. Auf dem CDU-Parteitag soll nun ein Verbot für unter 16-Jährige beraten werden. EU-Recht, Datenschutz und politische Gegenwehr könnten die Umsetzung jedoch erschweren.

Alles hat ein Ende, nur das Scrollen scheint keines mehr zu haben. Die Generation Alpha erlebt eine digitale Kindheit und Jugend, mit dem Smartphone als ständigem Begleiter – überall dabei, immer erreichbar und weltweit vernetzt. Der "Handydaumen“, eine schmerzhafte Sehnenüberlastung durch stundenlanges Tippen und Scrollen, steht sinnbildlich für einen Alltag, der größtenteils im Feed stattfindet.​

Eine DAK-Suchtstudie warnt im März vergangenen Jahres: Rund ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen gilt als medienabhängig. Millionen Jugendliche leiden demnach unter Schlafstörungen, Depressionen oder sozialer Isolation.

Drei Stunden täglich online

Die Zahlen spiegeln den Alltag wider: Laut Statista greifen 95 Prozent der 12- bis 19-Jährigen täglich zum Smartphone, 89 Prozent surfen regelmäßig im Internet. WhatsApp (96%), Instagram (63%) und Snapchat (56%) dominieren den Kontaktalltag, im Schnitt verbringen Jugendliche laut JIM-Studie über drei Stunden täglich online. Klassische Medien wie Bücher oder Zeitungen spielen dagegen kaum noch eine Rolle.

Nun zieht die CDU ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 16 Jahren in Betracht. Zumindest soll darüber auf dem bevorstehenden Parteitag in Stuttgart (20./21. Februar) diskutiert werden.

CDU-Initiative: Schutz durch Verbot

Ein enstprechender Antrag des Landesverbands Schleswig-Holstein liegt der BILD vor. Darin wird eine gesetzliche Altersgrenze ab 16 Jahren für Plattformen wie TikTok, Instagram und Facebook gefordert – verbunden mit verpflichtender Altersverifikation. Im Juni 2025 forderte der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther bereits so ein Verbot, um Kinder und Jugendliche vor gefährlichen Inhalten zu schützen.

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann erklärt im Gespräch mit der BILD: "Kinder haben ein Recht auf Kindheit.“ Die psychischen Folgen von Social Media – Vereinsamung, Leistungsdruck, Mobbing – seien "verheerend“. Familienministerin Karin Prien hat dazu eine Kommission eingesetzt, die rechtliche und technische Umsetzungswege prüfen soll.

CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und (zweiter von links) und Bildungsministerin Karin Prien (ganz rechts) äußern sich regelmäßig zum Umgang mit Social Media.
CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und (zweiter von links) und Bildungsministerin Karin Prien (ganz rechts) äußern sich regelmäßig zum Umgang mit Social Media. Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved

Als Vorbild nennt die CDU Australien, wo seit Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gilt. Plattformen wie TikTok, Instagram und Facebook müssen jeden Nutzer durch Altersverifikation prüfen – Verstöße werden mit Bußgeldern von bis zu 50 Millionen Dollar geahndet. Nach zwei Monaten zeigen erste Bilanzen Erfolge: Rund 4,7 Millionen Konten wurden gesperrt, viele Eltern berichten von spürbar reduzierter Bildschirmzeit bei ihren Kindern. Gleichzeitig wächst die Kritik an Umgehungen über VPNs, gefälschte Accounts und illegale Black-Market-Apps.

Digitalministerium: Wildberger offen für Sperre

Anders als es die reine Verbotsdebatte vermuten lässt, kommt auch aus dem Digitalministerium Zustimmung zu einer Altersgrenze. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger von der CDU zeigt sich offen für eine Social-Media-Sperre für Kinder nach australischem Vorbild und hält die Debatte über eine verbindliche Altersgrenze auf Nachfrage von Euronews für "mehr als berechtigt“.

Zugleich betont er, dass das "richtige Alter“ und die konkrete Umsetzung politisch und praktisch geklärt werden müssten – unter anderem mithilfe einer Expertenkommission, die Vorschläge erarbeiten soll.​

Weitere Schutzinitiativen

Parallel zum Social-Media-Verbot plant die CDU-Spitze sich auf ihrem Parteitag intensiv mit Handyverboten an Schulen auseinanderzusetzen. Nach "Stern“-Informationen fordern die Frauen-Union und die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) in einem Antrag ein bundesweites Smartphone-Verbot bis einschließlich der 10. Klasse – um einheitliche Regeln in allen Bundesländern durchzusetzen.

Die parteiinterne Antragskommission empfiehlt die Annahme und verleiht dem Vorschlag damit den ausdrücklichen Segen der Parteispitze. Für Schulkinder sollen damit "digitale Schutzzonen“ entstehen: Private Nutzung von Handys und Tablets bleibt während Unterricht und Pausen verboten, Ausnahmen gelten ausschließlich für pädagogische Zwecke oder medizinische Notwendigkeiten wie Diabetes-Apps.​

Die digitale Schattenseite

Solche Risiken sind keine Theorie: Im laufenden Prozess gegen den 21-jährigen "White Tiger“ vor dem Landgericht Hamburg wird ein Deutsch-Iraner angeklagt, der als Jugendlicher über Plattformen und Gaming-Chats mehr als 30 Kinder und Jugendliche weltweit (11 bis 15 Jahre alt) manipuliert haben soll – zu Selbstverletzungen, Erpressung und in einem Fall sogar Suizid.

Als Teil des pädokriminellen Netzwerks „764“ nutzte er emotionale Abhängigkeit und Drohungen, um seine Opfer zu kontrollieren. Der Mammutprozess mit 82 Verhandlungstagen unterstreicht: Ohne wirksamen Jugendschutz können Online-Kontakte tödlich enden.​

Gegenwind von SPD und Verbraucherzentrale

Der digitalpolitische Sprecher der SPD lehnt ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige ab. Statt Verbote sollten Plattformen verpflichtet werden, suchtfördernde Algorithmen für Minderjährige abzuschalten, sagte Schätzl der Nachrichtenagentur Reuters. Die CDU-Forderung nach australischem Vorbild halte er für ungeeignet – besser seien gezielte Regulierungen.

Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), formuliert es im SPIEGEL scharf: "Alterskontrollen und starre Verbote sind kein Allheilmittel. Sie lassen sich leicht umgehen, schaffen neue Datenschutzrisiken und greifen tief in Grundrechte ein.“ Sie fordert ein Ende von Endlosscrolling, Autoplay und algorithmischem Sucht-Design, dazu klare Sanktionen gegen Plattformen, die gezielt Minderjährige ansprechen.

EU-Recht als Bremsklotz?

Nationale Verbote wie das der CDU stoßen an EU-Grenzen: Der Digital Services Act (DSA) regelt den Jugendschutz bereits europaweit und lässt wenig Spielraum für nationale Alleingänge.

Zusätzlich verbietet die Datenschutz-Grundverordnung Altersverifikation für unter 16-Jährige ohne elterliche Einwilligung, da personenbezogene Daten nicht ohne Zustimmung verarbeitet werden dürfen.

Plattformen müssen bereits jetzt sichere Standardeinstellungen, Altersrisikoanalysen und Werbeverbote für Kinder umsetzen – Verstöße kosten bis zu sechs Prozent des globalen Umsatzes. Die EU-Kommission prüft derzeit unter anderem TikTok auf Einhaltung dieser Vorgaben.

Frankreich könnte nach Australien bald das zweite Land sein, in dem es eine Altersbeschränkung für Social Media gibt.
Frankreich könnte nach Australien bald das zweite Land sein, in dem es eine Altersbeschränkung für Social Media gibt. Copyright 2024 The Associated Press. All rights reserved.

Europa im Vergleich

Mehrere EU-Länder arbeiten derzeit an eigenen Regeln. Spanien testet ein Pioniertool zur Altersverifikation per Gesichtserkennung: Nutzer filmen sich mit DNI-Ausweis oder Pass, eine KI prüft Alter und Identität – als Voraussetzung für ein geplantes Social-Media-Verbot ab 16 Jahren. Das Pilotprojekt, entwickelt vom Jugendministerium mit der Datenschutzbehörde AEPD, ist technisch einsatzbereit und soll bald starten. Experten wie Fernando Suárez loben die Biometrie als sichere Methode, warnen aber vor Umgehungen via VPNs oder Fake-Accounts.​

Frankreich geht noch einen Schritt weiter und plant ein Social-Media-Verbot für Kinder unter 15 – bereits zum nächsten Schuljahr im September 2026. Präsident Emmanuel Macron forderte in einer Videobotschaft bei BFMTV eine Beschleunigung des Gesetzentwurfs von Abgeordneter Laure Miller: "Die Gehirne unserer Kinder stehen nicht zum Verkauf – weder für US-Plattformen noch chinesische Algorithmen.“

Plattformen sollen Altersverifikation wie bei Pornoseiten einführen, Ausnahmen gelten für Bildungsseiten wie Wikipedia. Der Entwurf steht im Einklang mit neuen EU-DSA-Richtlinien und ergänzt ein Handyverbot an weiterführenden Schulen.​

Großbritannien und Niederlande prüfen ähnliche Verbote unter Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren, das EU-Parlament fordert ein Mindestalter im geplanten "Digital-Omnibus“.

Zwischen Schutz und Selbstbestimmung

Laut ifo-Bildungsbarometer 2025 fordern 85 Prozent der Erwachsenen und 47 Prozent der 14- bis 17-Jährigen ein Mindestalter von 16 Jahren für Social Media. Auffällig dabei ist: Selbst Jugendliche wollen strengere Regeln. Gleichwohl bevorzugen 68 Prozent der Jugendlichen Social Media gegenüber einem Verbot.

Pädagogen plädieren für digitale Kompetenz statt Abschottung. Ob die Balance zwischen Schutz und Selbstbestimmung eher über digitale Bildung und gezielte Plattformregeln gelingt, soll die Kommission von Karin Prien klären – und damit, welche Leitplanken künftig für die digitale Jugend von Generation Alpha und Beta gelten.

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