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Europa kann sich auch ohne die USA gegen Russland verteidigen, wenn es nur will

US-Präsident Donald Trump bei einer Pressekonferenz
US-Präsident Donald Trump bei einer Pressekonferenz Copyright  AP Photo/Evan Vucci
Copyright AP Photo/Evan Vucci
Von Karl-Heinz Kamp, ehemaliger Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik
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Trump entfremdet die USA vom Westen, gleichzeitig wird die Bedrohung aus Russland immer realer. Selbst ohne Amerika könnte Europa seine Verteidigung künftig eigenständig sichern, so Karl-Heinz Kamp, ehemaliger Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, in einem Gastbeitrag für Euronews.

Die heute beginnende Münchner Sicherheitskonferenz fällt in eine der wohl schwierigsten Phasen des transatlantischen Bündnisses. Zu der Gefahr durch ein aggressives und gewaltbereites Russland hat sich seit gut einem Jahr eine zweite Bedrohung von innen gesellt – die des Abdriftens der USA aus dem, was man bislang die "westliche Gemeinschaft" nannte.

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Ein irrlichternder amerikanischer Präsident verprellt unter dem Deckmantel des Geschäftemachers Freund und Feind gleichermaßen und betrachtet Europa nicht mehr als Verbündeten, sondern vor allem als Gegner. Donald Trumps weitgehend sinnfreier "28-Punkte-Plan" zur Beendigung des Ukraine-Krieges oder seine Drohung einer Annexion Grönlands sind nur die herausragenden Beispiele. An seine Ankündigung einer Übernahme Kanadas oder die Idee, den Gaza-Streifen in eine Côte d’Azur des Nahen Ostens zu verwandeln, mag man sich gar nicht mehr erinnern. Nicht umsonst haben die Organisatoren der Sicherheitskonferenz das diesjährige Treffen unter den Titel „Under Destruction“ gestellt.

Russlands Wirtschaft schwächelt

Ein endgültiger Bruch der transatlantischen Sicherheitsbeziehungen wäre eine Katastrophe, weil er vermutlich das Ende der NATO als erfolgreichste Sicherheitsallianz der Geschichte bedeuten würde. Ob es gelingt, die USA in den kommenden drei Regierungsjahren Trumps im Bündnis zu halten, ist derzeit nicht absehbar – es muss aber unter allen Umständen versucht werden.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte im Gespräch mit US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz, 21. Januar 2026
Nato-Generalsekretär Mark Rutte im Gespräch mit US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz, 21. Januar 2026 AP Photo/Evan Vucci

Aber selbst wenn die USA, übrigens zu ihrem eigenen Schaden, das Nordatlantische Bündnis aufkündigen sollen, gibt es seit einigen Monaten Anzeichen für vorsichtigen Optimismus, wenn es um die Verteidigung Europas gegen ein revanchistisches Russland geht. Moskaus militärische Fähigkeiten zum Angriff und Europas Kapazitäten zur Abschreckung und Verteidigung sind nämlich nicht statisch, sondern entwickeln sich sehr dynamisch in gegensätzliche Richtungen. Russlands militärische und wirtschaftliche Lage verschlechtert sich mit jedem Tag, an dem in der Ukraine gekämpft wird, während sich Europas Verteidigungsfähigkeit langsam, aber stetig verbessert.

Hat sich die russische Wirtschaft in den ersten beiden Kriegsjahren trotz Sanktionen und Ölboykott noch unerwartet stabil gezeigt, weisen seit 2024 alle Indikatoren nach unten. Das Wirtschaftswachstum, das ohnehin vor allem von der Rüstungsindustrie getragen war, tendiert gegen null. 2025 sanken die Einnahmen durch Öl- und Gasverkäufe um 24 %, und für 2026 wird mit einem Rückgang um weitere 46 % gerechnet. Investitionen fließen fast nur noch in die Rüstungsindustrie, wodurch die zivile Wirtschaft erheblich zurückgeworfen wird und Russland insbesondere im Bereich der Hochtechnologie keine Rolle mehr spielt. Der eigene Anspruch als Großmacht und die wirtschaftlichen Realitäten klaffen mehr und mehr auseinander.

Mehr als eine Million tote und verwundete russische Soldaten

Das bedeutet weder, dass mit einem völligen Kollaps der Wirtschaft zu rechnen ist, noch dass Russland den Krieg in der Ukraine nicht weiterführen kann. Die Propaganda läuft auf Hochtouren und das russische Volk ist Leiden gewohnt. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass Russland, neben dem Ersatz für die Verluste im Krieg, große militärische Potenziale für einen Angriff auf die NATO aufbauen kann. Hierfür dürfte eine Wirtschaft, deren nominelles Bruttoinlandsprodukt etwa dem Italiens entspricht und das in der Tendenz weiter fällt, nicht in der Lage sein.

Militärisch hat Russland mittlerweile rund 1,3 Millionen tote und verwundete Soldaten zu verkraften. Es importiert und produziert zwar gewaltige Mengen an Drohnen, allerdings schmilzt die Zahl seiner konventionellen Großwaffen dramatisch. Der Bestand an eingelagerten (älteren) gepanzerten Fahrzeugen, die nach Modernisierung wieder auf das Gefechtsfeld geschickt wurden, geht nun zu Ende. Russlands Luftwaffe und die Satellitenkräfte leiden besonders unter den langjährigen Sanktionen und sind entsprechend veraltet. Das Abschalten von Elon Musks "Starlink" Internet-System kann Moskau nicht kompensieren und kann seither nur noch begrenzt auf dem Gefechtsfeld kommunizieren.

Menschen auf einem Markt nach einer Attacke Russlands auf Odessa, Ukraine, 12. Februar 2026
Menschen auf einem Markt nach einer Attacke Russlands auf Odessa, Ukraine, 12. Februar 2026 Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved

Die Europäische Union hingegen ist, ungeachtet der Klagen über die wirtschaftliche Stagnation in wichtigen europäischen Staaten, nach wie vor die weltweit zweitgrößte Wirtschaftsmacht. Das Brutto-Inlandsprodukt der europäischen NATO-Staaten plus Kanada ist mit etwa 25 Billionen US-Dollar mehr als zehnmal größer als das russische. Während Russland von der Abkopplung Europas von russischen Energielieferungen nun am meisten leidet, hat Europa diesen Energieschock weitgehend bewältigt. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für eine erhebliche militärische Aufrüstung sind also grundsätzlich gegeben.

Politisch haben die meisten Europäer die Weichen in die entsprechende Richtung gestellt. Entsprechend sind die europäischen Verteidigungsausgaben seit 2023 jährlich erheblich gewachsen und haben sich 2025 (einschließlich Kanada) mit rund 580 Milliarden US-Dollar in etwa verdoppelt. Deutschlands Verteidigungshaushalt ist zwischen 2022 und 2026 von etwa 50 Milliarden Euro auf geplante 108 Milliarden Euro gestiegen. Auch die zivile und militärische Unterstützung der Ukraine wird fortgeführt. Deutschland allein stellt 2026 dafür 11,5 Milliarden Euro bereit.

Europa muss sich mit Abkopplung Amerikas vertraut machen

Dies schlägt sich in einer sichtbaren Stärkung der militärischen Fähigkeiten nieder, obgleich aufgrund der langjährigen Vernachlässigung noch erhebliche Lücken bleiben. Diese Lücken können aber schrittweise geschlossen werden, wenn die Steigerung bei den Verteidigungsausgaben bis zum Ende des Jahrzehnts fortgeführt wird.

Mit Blick auf die Zukunft zeigt sich damit der sprichwörtliche Silberstreif. Ja, eine Auflösung der NATO wäre ein Drama, sowohl für Europa als auch für die USA. Allerdings wird Europa sich mit der Möglichkeit einer weitgehenden Abkopplung Amerikas von Europa vertraut machen müssen. In einem solchen Fall wären die europäischen NATO-Partner sehr wohl in der Lage, eine eigene Verteidigung gegenüber einem Russland aufzubauen, das im Niedergang begriffen ist. Europa verfügt über wirtschaftliche Stärke, die finanziellen Mittel, die rüstungsindustrielle Basis und das Know-How, um diesen Schritt in den kommenden Jahren zu leisten.

Dafür bedarf es keiner unsinnigen Debatten über eine "Europa-Armee" oder "europäische Kernwaffen", sondern einzig und allein den politischen Willen, die Bekenntnisse zur europäischen Selbstbehauptung in die Tat umzusetzen

Karl-Heinz Kamp ist Associate Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und war Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik

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