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Gasförderung vor Borkum: Niederlande und Deutschland könnten 1 Mio Haushalte versorgen

Neue Gasquelle in der Nordsee erschlossen: Förderung von einer Million Kubikmeter pro Jahr
Neue Gasquelle in der Nordsee erschlossen: Förderung von einer Million Kubikmeter pro Jahr Copyright  Copyright 2009 AP. All rights reserved.
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Von Franziska Müller
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Vor Borkum will ein niederländisches Unternehmen Gas für Hunderttausende Haushalte fördern. Das Projekt könnte die heimische Energieversorgung stärken, doch Umweltschützer warnen vor Risiken für das Wattenmeer und ziehen vor Gericht.

Unter der Nordsee sollen sich mehrere kleine Gasfelder befinden, die rund 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas umschließen. Unweit der Insel Borkum und bis über die Grenze zu den Niederlanden hinweg liegt das GEMS-Gebiet, in dem sich auch die Bohr-Plattform N05-A befindet.

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Nun will ein niederländisches Unternehmen eine Milliarde Kubikmeter Gas pro Jahr aus der Nordsee fördern. Das entspricht in etwa dem Jahresbedarf einer Großstadt, mehrere Hunderttausend Haushalte könnten damit geheizt werden. Ein Teil des Gases kommt tatsächlich in Deutschland an.

Erdgas aus der Nordsee für eine ganze Großstadt

Das Unternehmen ONE-Dyas fördert aus zwei Bohrungen in der Nordsee Gas, wie die Firma am Dienstag in einer Pressemitteilung bekannt gab. Nach eigenen Angaben kann das Unternehmen seine Produktion mit der Inbetriebnahme der zweiten Bohrung auf eine Milliarde Kubikmeter pro Jahr steigern.

Geplant ist bis Ende des Jahres ein noch größerer Ertrag: Letztendlich sollen zwei Milliarden Kubikmeter pro Jahr von der Nordsee-Plattform N05-A in die Niederlande und an Deutschland gehen, wie das Unternehmen weiter schreibt. Dies entspräche 2,5 Prozent des aktuellen deutschen Gasbedarfs und sieben Prozent des niederländischen.

Mit der erfolgreichen Bohrung würde die Plattform "wesentlich zur Gasversorgung" beider Länder beitragen, insbesondere in "einer Zeit, in der Energiesicherheit und geopolitische Stabilität von großer Bedeutung sind", erklärt das Unternehmen.

"Mit der Ausweitung der Produktion aus N05-A erhöhen wir die Versorgung mit lokal gefördertem Erdgas mit den geringsten Emissionen", so der CEO Chris de Ruyter van Steveninck. Ziel der niederländischen Politik sei es, die bestehende Nachfrage so weit wie möglich mit heimischem Erdgas abzudecken. "Verantwortungsbewusst, zuverlässig und als wichtige Grundlage für die Energiewende", erklärt der Geschäftsführer weiter.

Streit vor Gericht wegen möglicher Umweltfolgen

Doch die Nutzung des Gasfeldes steht in der Kritik. Umweltschützer fürchten, dass die Gasförderung Umweltfolgen für die Insel und das benachbarte Wattenmeer haben könnte. Das Wattenmeer zählt zum Unesco-Weltnaturerbe.

Die Deutsche Umwelthilfe forderte einen Stopp der Bohrungen. Derzeit streiten Umweltschützer und die Stadt Borkum vor Gericht mit dem Unternehmen ONE-Dyas. Solange noch kein Urteil gefallen ist, steht es ONE-Dyas frei, weiter nach Gas zu bohren, wie das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg Ende Januar bestätigt hatte. Das Unternehmen hatte einen Sofortvollzug für die Gasförderung verlangt.

Das Wattenmeer gilt als UNESCO-Weltnaturerbe. Umweltorganisationen fürchten Schäden bei weiterführenden Gasbohrungen in unmittelbarer Nähe.
Das Wattenmeer gilt als UNESCO-Weltnaturerbe. Umweltorganisationen fürchten Schäden bei weiterführenden Gasbohrungen in unmittelbarer Nähe. Copyright 2009 AP. All rights reserved.

Die Urteile in Hauptverfahren gegen die Bohrgenehmigungen, die auf deutscher und niederländischer Seite in diesem Jahr verhandelt werden sollen, stehen indes noch aus.

Eine Klage der Deutschen Umwelthilfe zwingt die Niederlande jedoch bereits, den Schutz eines sensiblen Riffgebiets vor der Nordseeinsel Borkum neu zu prüfen. Konkret muss untersucht werden, ob das Gebiet "Borkumse Stenen" als europäisches Natura-2000-Schutzgebiet ausgewiesen wird, nachdem Behörden dies zuvor abgelehnt hatten. Das Gericht stellte klar, dass Riffe als besonders schützenswerte Lebensräume gelten und Umweltorganisationen ein Mitspracherecht haben.

Ein Windpark, zwei Bohr-Plattformen, viel Erdgas

Seit dem Sommer 2024 steht 20 Kilometer entfernt von der Insel Borkum die Förderplattform N05-A. Von dort aus dürfte man die Bewegungen von 30 Windkraftanlagen am Horizont noch deutlich sehen können. Die Windräder des Offshore-Parks Riffgat treiben die Plattform an. Dort wird Erdgas vollständig mit Windenergie befördert und aufbereitet.

Sowohl Förderung als auch Bohrungen sollen komplett elektrisch erfolgen und somit ohne zusätzliche CO2-Emissionen auskommen, wie das Unternehmen mitteilt. Dies sei einzigartig für diesen Teil der Nordsee.

Das Unternehmen verspricht sich von der Erdgas-Förderung einen Beitrag zur Energiesicherheit der Niederlande und auch Deutschlands. Nach eigenen Angaben bringe das zusätzliche Gas aus heimischer Förderung mehrere Vorteile, etwa mehr Unabhängigkeit von importiertem Erdgas.

Deutsche Abhängigkeit bei Öl und Gas

Mit der Blockade der Straße von Hormus durch den US-israelischen Krieg im Iran ist noch einmal deutlich geworden, wie abhängig Deutschland und Europa bei den Energieressourcen wie Öl, Gas und Benzin von dritten Exporteuren sind. Rund ein Fünftel der Flüssigerdgas-Ressourcen muss für den Weg nach Europa die Straße von Hormus passieren, so das UN-Handelsorgan UNCTAD.

Seit Beginn der großangelegten russischen Invasion in der Ukraine hat Deutschland seine Versorgung umgestellt. Nach Ende August 2022 bezog Deutschland kein russisches Pipeline-Gas mehr direkt, auf Umwegen gelangen geringe Mengen allerdings noch immer in die deutschen Energieressourcen. Die Versorgung stammt nun weitestgehend aus Norwegen, den Niederlanden und den USA.

10 Prozent der Gasimporte sind LNG-Lieferungen, zum Großteil aus den USA und werden über diese Pipelines eingespeist Der Weltmarkt steckt in einer Krise der Energiesicherheit.
10 Prozent der Gasimporte sind LNG-Lieferungen, zum Großteil aus den USA und werden über diese Pipelines eingespeist Der Weltmarkt steckt in einer Krise der Energiesicherheit. (c) Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Norwegen liefert nach Angaben der Bundesnetzagentur fast die Hälfte des deutschen Gasbedarfs (48 Prozent im Jahr 2025), aus den Niederlanden kam ein Viertel und über Belgien etwa 18 Prozent. Der Anteil von importiertem Flüssigerdgas (LNG) lag 2025 bei etwa 10 Prozent, der Großteil davon stammte aus den USA.

Bis 2027 soll in der gesamten EU Schluss mit russischem Gas sein, wie die Länder der Union im vergangenen Jahr festgelegt hatten. Das Verbot für den Import von russischem Flüssigerdgas (LNG) soll schon ab Januar 2027 gelten. Die EU will es so Russland erschweren, seinen großangelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine weiter zu finanzieren. Sonderregelungen gibt es für die Slowakei und Ungarn.

Derzeit fast vollständig verboten: Alternative Fracking?

Für einen großen Anteil seines Energiebedarfs muss Deutschland Ressourcen einkaufen. Etwa zwei Drittel (67 %) der benötigten Energie muss importiert werden, so das statistische Bundesamt.

Deutschland hat zwar weitere Erdgasvorkommen, doch die sind noch schwerer erreichbar als die Gasfelder in der Nordsee. Auf deutschem Gebiet in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen liegt tief unter der Erde sogenanntes Schiefergas. Das wurde bisher kaum gefördert, weil es nur durch Fracking erreichbar wäre.

Bei der Fracking-Methode wird Erdgas mit Chemikalien und Druck aus tiefliegenden Gesteinsschichten extrahiert. Aus Sorge vor einer Gefährdung des Grundwassers gilt ein so gut wie flächendeckendes Verbot der Methode. Doch die Energiekrise hat Fracking erneut in den Fokus gerückt.

Im Februar erklärte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, sie spreche sich für mehr heimische Gasförderung aus, auch durch Fracking. "Wir haben eigene Reserven in Deutschland", sagte die CDU-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Man könne die Umweltrisiken minimieren. Unpopuläre Dinge einfach an die Nachbarn auszulagern, sei auf Dauer nicht durchzuhalten, sagte die CDU-Politikerin.

Etwa 20 Milliarden Kubikmeter Gas könnte Deutschland jedes Jahr durch sogenanntes Fracking fördern, erklärte der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel im Interview mit Euronews. Auch Kümpel hält die Umwelt-Sorgen für übertrieben. "Die Risiken für Grund- und Trinkwasser werden in Deutschland maßlos überzeichnet", sagte er. Zudem habe sich die Technologie in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt, sei sicherer und umweltfreundlicher geworden.

Die Bundesregierung wolle die Gasförderung "nicht weiter behindern", hieß es zuletzt aus der Politik.

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