Die Nachrichtendienste warnen vor zunehmender hybrider Bedrohung aus Russland. Im März soll der Verfassungsschutz aktiv auf die Rüstungsindustrie zugegangen sein, um für stärkere Sicherheitsstandards zu plädieren.
Mitte März ist bekannt geworden, dass ein deutscher Drohnenhersteller mutmaßlich Opfer von Spionage geworden ist. Zwei tatverdächtige Spione, die geheime Informationen an Russland weitergegeben haben sollen, wurden festgesetzt.
Der Generalbundesanwalt wirft den Verdächtigen vor, im Auftrag des russischen Geheimdienstes gehandelt zu haben. Die beiden mutmaßlichen Spione sollen sowohl online als auch vor Ort Informationen über ein deutsches Unternehmen gesammelt haben. Außerdem sollen Filmaufnahmen vom Arbeitsplatz einer möglicherweise observierten Person angefertigt worden sein.
In einem weiteren Fall Ende März wurde ein ukrainischer Staatsangehöriger festgenommen, der ebenso der geheimdienstlichen Agententätigkeit beschuldigt worden war. Der Generalbundesanwalt wirft ihm vor, im Auftrag des russischen Geheimdienstes Informationen über einen ehemaligen Kämpfer in der Ukraine gesammelt zu haben. Die Ausspähaktion diente vermutlich auch der Vorbereitung weiterer geheimdienstlicher Operationen gegen die Zielperson in Deutschland, heißt es von Seiten der Anwaltschaft.
Im Januar wurde ein Geschäftsmann aus Nürnberg festgenommen, der mutmaßlich jahrelang Technik zur Unterwasserspionage an Russland geliefert haben soll. Die Technik kam ursprünglich aus Deutschland, doch die hochmodernen Technologien wurden über ein internationales Firmengeflecht aus ganz Europa an Russland weitergegeben.
Keine Einzelfälle: Laut einem vertraulichen Lagebild des Bundeskriminalamts wurden im Jahr 2025 insgesamt 321 Sabotage-Verdachtsfälle registriert, wie die NDR und WDR berichten, denen das Papier vorliegt. Besonders oft soll in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sabotiert worden sein. Immer häufiger trifft es Unternehmen, die zur kritischen Infrastruktur beitragen oder Firmen aus der Rüstungsindustrie.
Immer mehr Rüstungskooperationen
Die Rüstungsbranche wächst, immer mehr Industrie-Unternehmen wie etwa Rheinmetall verlagern Teile ihrer Produktion oder stellen sich neu auf. So soll beispielsweise das Pierburg-Werk in Berlin, das früher Autoteile zugeliefert hat, künftig Artilleriemunition herstellen.
Das Rüstungsunternehmen Quantum Systems weitet seine Produktion aus und beschließt wiederum mindestens drei neue Joint Ventures - projektbezogene Zusammenarbeiten mit anderen Firmen, wie das Scale-Up aus München mitteilte.
"Quantum Systems ist und bleibt ein führender Akteur der deutsch-ukrainischen industriellen Zusammenarbeit", erklärt Matthias Lehna, Co-Geschäftsführer von Quantum Frontline Industries (QFI). Innerhalb dieser Linie fertigt das Unternehmen Drohnen für die Streitkräfte der Ukraine. 10.000 Stück sollen geliefert werden, die erste Charge ist Ende März planmäßig über die Grenze ausgefahren worden.
"Unser Joint Venture QFI zeigt, dass Produktionskapazitäten in Deutschland innerhalb weniger Wochen aufgebaut und einsatzfähige Systeme zuverlässig in die Ukraine geliefert werden können", so Lehna weiter. "Wir sind überzeugt, dass diese Form der Zusammenarbeit eine zentrale Grundlage für die zukünftigen Verteidigungsfähigkeiten Europas bildet."
Über mindestens zwei weitere Joint Ventures mit Quantum Systems sollen Details noch folgen. Doch die Informationslage generell ist übersichtlich. Denn die Rüstungsindustrie war zuletzt immer häufiger Ziel von Spionage- und Sabotage-Angriffen. Einem Bericht zufolge ist der Bundesverfassungsschutz im März auf mehrere Unternehmen zugegangen, um sie vor solchen Vorfällen zu warnen. Außerdem wurde eine Nationale Wirtschaftsschutzstrategie beschlossen.
Verfassungsschutz warnt Newcomer in der Sicherheitsbranche
Die Bedrohungslage ist nicht neu, wird aber immer akuter. Auf Ebene der Nachrichtendienste ist man sich der Entwicklungen bewusst und will insbesondere Neueinsteiger in der Branche warnen. "Autoritäre Staaten nutzen zunehmend hybride Mittel – von Spionage, Cyberangriffen und Sabotage bis hin zu Desinformation und illegalem Wissensabfluss – gezielt gegen unsere Wirtschaft, Forschungseinrichtungen und Kritische Infrastrukturen", erklärte Sinan Selen, Präsident des Bundesverfassungsschutzes (BfV).
Und fordert Konsequenzen: "Angesichts der verschärften internationalen Sicherheitslage müssen wir die Sicherheitsarchitektur in Deutschland konsequent härten", sagte er auf der Sicherheitstagung am 19. März. Dort kam der Verfassungsschutz mit dem Verband für Sicherheit in der Wirtschaft (VSW) zusammen.
Denn die Rüstungsindustrie boomt, der Verteidigungssektor wird rasant ausgebaut. Mit einem Nebeneffekt: Viele Neueinsteiger in der Sicherheitsbranche werden von den Behörden des Verfassungsschutzes gewarnt, einem Bericht zufolge ist das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) im März auf mehrere Unternehmen aktiv zugegangen.
Laut dem BfV sensibilisiere man derzeit zu Ausspäh- und Sabotageversuchen im Wirtschaftssektor sowie "anlassbezogen konkrete Unternehmen", aber auch Forschungs- und Bildungseinrichtungen, so die Wirtschaftszeitschrift Capital.
Dem Bericht zufolge gebe man laufend Hinweise zum eigenverantwortlichen Schutz, besonders wahrscheinlich sind Ausspähaktionen, vor allem im Umfeld von Start-Ups, die in der Rüstungsbranche Fuß fassen.
Die Bedrohungslage umfasse nicht mehr nur Drohnenüberflüge, seit 2022 würden außerdem verstärkt Sabotage und Spionage vorkommen. Insbesondere die Bedrohungen aus Russland sind laut Verfassungsschutz nach Capital-Informationen in den vergangenen drei Jahren erheblich gestiegen. Auch gewaltsame Übergriffe werden nicht mehr ausgeschlossen. Das betreffe insbesondere Regionen mit einer starken Industriebasis.
Der Verfassungsschutz warnt dem Bericht zufolge gezielt vor konkreten Gefahren bis hin zur Möglichkeit staatsterroristischer Anschläge. Ausspähaktionen sind demnach aktuell besonders wahrscheinlich, vor allem im Umfeld von Start-ups. Es werden Vorfälle erwartet, die weit über einzelne verdächtige Drohnenüberflüge von Fabriken hinausgehen.
Nationale Wirtschaftsschutzstrategie
Selen fordert Resilienz, es sei das zentrale Prinzip: "Staat, Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam Strukturen schaffen, die Angriffen standhalten und schnelle Reaktionen ermöglichen".
Darunter falle das im Januar neu verabschiedete KRITIS-Dachgesetz zum Schutz von kritischer Infrastruktur, aber auch der Aufbau eines Gemeinsamen Abwehrzentrums. Das Bundesamt für Verfassungsschutz selbst durchlaufe nach Angaben von Selen ebenso einen Transformationsprozess. Ziel ist es, Bedrohungen künftig früh zu erkennen, Angriffe zu vereiteln und Unternehmen wirksam zu unterstützen.
Das Bundeskabinett hat Mitte März außerdem eine Nationale Wirtschaftsschutzstrategie beschlossen. Sie "liefert einen klaren Rahmen, um Sicherheitsmaßnahmen strukturiert umzusetzen und die Resilienz des Wirtschaftsstandorts Deutschland nachhaltig zu erhöhen", so Selen. "Gemeinsam wollen wir sicherstellen, dass Deutschland auf hybride Bedrohungen vorbereitet ist – national wie international".
Die Strategie umfasst drei Kernziele: die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für Unternehmen und des Leistungsportfolios der Sicherheitsbehörden, die kollektive Steigerung der Widerstandsfähigkeit durch die Zusammenarbeit der staatlichen und privaten Akteure und die individuelle Steigerung der Widerstandsfähigkeit in Wirtschaft und Wissenschaft.
Hybride Angriffe "richten sich zunehmend direkt gegen Unternehmen. Damit muss die Wirtschaft heute mehr denn je als ein zentraler Bestandteil der gesamtstaatlichen Sicherheitsarchitektur betrachtet werden", warnt Johannes Strümpfel, Präsident des VSW-Bundesverbandes.
"Wirtschaftsschutz ist ein strategischer Standortfaktor für Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität. Unsere Aufgabe besteht darin, die Abwehrbereitschaft der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit Politik, den Sicherheitsbehörden sowie unseren Regional- und Landesverbänden weiter zu stärken", erklärte Strümpfel weiter.
Gemeinsam mit den Behörden des Verfassungsschutzes und des Bundesnachrichtendienst veranstaltet der Verband für Sicherheit in der Wirtschaft in den kommenden Tagen den 21. Deutschen IT-Sicherheitskongress.